Simulation

Dem Himmel so nah

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In der B737 geht’s für mich von München Richtung Innsbruck.

Frankfurt - „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, sang einst Reinhard Mey. Von Jenny Bieniek

Wovon sich bislang nur eine kleine privilegierte Gruppe von Berufs- und Hobbyfliegern überzeugen konnte, ist jetzt auch für die weit größere Zielgruppe von flugbegeisterte Laien möglich. Zumindest fast.

Der im Januar 2011 gegründeten und in Frankfurt-Kalbach ansässigen Happy Landings Flightsimulations GmbH wurde kürzlich der Frankfurter Gründerpreis 2012 verliehen. Das Unternehmen ist in Größe, Form und Konstellation deutschlandweit einmalig. Ihr Konzept: „Flug“-Erlebnisse auf hohem technischen Niveau bieten und Veranstaltungsort für Firmenevents sein.

„Natürlich macht uns die Auszeichnung stolz und bekräftigt uns in unseren Plänen“, formuliert es Geschäftsführer Fabian Hildenbrand. Man sei jedoch ohnehin zuversichtlich, dass sich das Konzept auch in Zukunft bewähre. Von Seiten der Stadt Frankfurt sei eine „ganz große Begeisterung zu spüren“, man sei von dem Vorhaben von Beginn an „sehr angetan“ gewesen, berichtet Hildenbrand, der das Unternehmen zusammen mit Richard Damm und Ralph Diehl ins Leben rief.

Ausschließlich ausgebildete Verkehrsflugzeugführer

Sieben Festangestellte und 20 Freiberufler, darunter ausschließlich ausgebildete Verkehrsflugzeugführer, meist in der Bewerbungsphase, ermöglichen Flugbegeisterten im Norden Frankfurts ein Simulationserlebnis, das erahnen lässt, wie erhaben man sich als echter Pilot eines Passagierflugzeugs fühlen muss.

Mit einem Investitionsvolumen von rund einer Million Euro für Gebäudeumbau und die vier Flugsimulatoren haben sich die drei Gesellschafter einen Kindheitstraum erfüllt. Die Finanzierungskombination auf vier Standbeinen habe sich dabei bewährt. Fabian Hildebrand selbst habe seinen Traum vom „echten Fliegen“ im Alter von 18 Jahren aufgegeben, „als man mir bei der Musterung eine leichte Farbschwäche attestierte“. Er habe deshalb auch „keine Ahnung von der Fliegerei“. Dafür aber von erfolgversprechenden Geschäftsideen. Neben einem ansprechenden und breit aufgestellten Konzept setzt man bei Happy Landings vor allem auf gutes Marketing.

„Wir sind hier im Fun- und Freizeitbereich“, weiß der erfahrene Kaufmann, „da geht es nicht nur um Technisches, sondern auch um Unterhaltung“. Ihre Mitarbeiter sucht die Firma deshalb – neben fachlichem Know-How – auch nach Entertainment-Qualitäten aus. „Die Leute sollen sich wohlfühlen und Spaß haben“, beschreibt er die eigene Firmen-Philosophie.

Flugsimulatoren: Airbus und Boing auch zwei Kampfjets

Die Flugsimulatoren – neben Airbus und Boing auch zwei Kampfjets – stammen aus Skandinavien und wurden für „Happy Landings“-Zwecke umgebaut. Ob flugbegeisterte Laien, Hobbypiloten oder ausgebildete Flugzeugführer, die ihre Kenntnisse auffrischen oder vertiefen wollen – die verschiedenen Simulationsmöglichkeiten werden jedem Anspruch gerecht. Im Gegensatz zu einem Fullflight-Simulator, bei dem mittels Hydraulik auch G-Kräfte und Steigungswinkel realitätsnah vermittelt werden können, setzten ihre Simulatoren auf Systemtiefe und ausgefeilte HD-Visualisierung. Die Leinwand mit 180-Grad-Rundumblick erlaubt detailtreue Abbildungen der Wirklichkeit, echte Flugkapitäne helfen bei der Orientierung im Cockpit. „Fullflight ist einfach nichts für Laien“, ist sich Hildenbrand sicher, „das würde viele schlicht überfordern“.

Das Simulator-Erlebnis bei der Lufthansa sei zwar „eine tolle Sache, aber nicht bezahlbar“, insofern sehe man die umliegenden Alternativangebote nicht als direkte Konkurrenz. Etwa 200 Kunden erleben bei Happy Landings monatlich die Faszination Fliegen – Tendenz steigend. Vor allem für das Vorweihnachtsgeschäft erwartet Hildenbrand wieder „etliche Frauen, die Gutscheine für ihre Männer kaufen“, erzählt er schmunzelnd. Nur etwa 20 Prozent der Kunden sind weiblich. „Das ist wirklich eine Schande“, bedauert er, „denn auch Frauen haben großen Spaß hier“ – zumal die Fähigkeit zu Multitasking tendenziell ohnehin eher dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben werde.

Bislang halten sich Einzelkunden und gebuchte Events die Waage. Bei größeren Gruppen ist auch für ein entsprechendes Rahmenprogramm gesorgt. Neben themenspezifischen Referaten mit hohem Unterhaltungswert werden beispielsweise auch detaillierte Flugauswertungen oder Wettbewerbe im Helikopter-Modellflug angeboten. Regelmäßig finden Führungen statt, auch „Ladies Flights“ stehen bei Happy Landings demnächst wieder auf dem Programm. Unter Leitung einer Pilotin können Frauen dann ganz unter sich in die Welt des Fliegens hineinschnuppern – Begrüßungstrunk an der Bar inklusive, versteht sich.

Zufrieden mit der gegenwärtigen Entwicklung

Künftig sei zudem der Vertrieb von Airliner-Simulatoren vorgesehen, der Exklusivvertrieb von F16-Kampfjets laufe ebenfalls langsam an. „Wir verkaufen aber nicht in die nähere Umgebung, sonst schaffen wir uns ja eigene Konkurrenz“, ergänzt Fabian Hildenbrand. Die Koorperation mit einem Hersteller in der Nähe von Frankfurt laufe „hervorragend“. Mit der gegenwärtigen Entwicklung könne man zufrieden sein, daneben stehe man auch in Verhandlungen mit der Event-Agentur Jochen Schweizer.

„Wir sind auf dem richtigen Weg“, ist sich Hildenbrand sicher. Inzwischen arbeite man kostendeckend, Ziel sei jedoch die Verdopplung oder sogar Verdreifachung des bisherigen Umsatzes. „Bislang tilgen wir ja noch nicht und auch die Fixkosten ändern sich ständig“, erklärt er.

Aus der anfangs „absurd erscheinende Idee“ des eigenen Simulationszentrums ist eine gut angenommene Freizeitattraktion geworden. Viele Kunden kämen in Begleitung ihrer Familien, „die dann ganz gebannt miterleben, wie der Ehemann oder Papa ein Flugzeug landet“, erzählt Hildenbrand.

Wichtig hierbei: Den Kunden an die Hand nehmen und alles Schritt für Schritt erklären. Das übernimmt heute David Danesy, der mich an diesem Tag als Co-Pilot auf der Strecke München-Innsbruck begleiten wird. Am Franz-Josef-Strauß-Flughafen besteigen wir das Cockpit. Die Sitze sind mit Lammfell überzogen, hunderte Anzeigen und Schalter buhlen um meine Aufmerksamkeit. „Parking Brake“, „Speed Brake“, „Alternate Flaps“ – was war nochmal das erste?

„Fasten Belt“-Hebel auf „on

„Laien werden hier plötzlich mit vielen neuen Eindrücken konfrontiert“, weiß auch der 30-Jährige, der Cockpitneulingen in Kalbach seit Mai zur Seite steht. Der wichtigste aller Handgriffe, erklärt David augenzwinkernd, sei jedoch das Anschalten der „Galley“ – „sonst gibt’s an Bord nur kalten Kaffee“. Bevor es losgeht, schalte ich den „Fasten Belt“-Hebel auf „on“- und sofort ertönt der vertraute Gong, der die Passagiere zum Anschnallen auffordert.

Geschäftsführer Fabian Hildenbrand (links) und Mitarbeiter David Danesy blicken optimistisch in die Zukunft.

Nach einer ausführlichen Einweisung durch David fühle ich mich einigermaßen vertraut mit den wichtigsten Steuerelementen. Dann gebe ich Schub und das Flugzeug beginnt zu rollen. Reflexartig greife ich zum Steuerhorn, doch solange die Maschine noch am Boden sei, erklärt er mir, muss die Maschine mittels Ruderpedalen gelenkt werden. Auf meine Fußbewegung hin scheint sich der Koloss schwerfällig nach links zu bewegen.

Vor mir die Startbahn. Los geht’s. Ich ziehe das Tempo an und das Steuerhorn zu mir. Wir heben ab. Die Projektion lässt die Gebäude unter mir immer kleiner werden, der Himmel erscheint zum Greifen nah. Als wir schließlich die angepeilte Flughöhe erreichen, erschrecke ich: „Ich hab vergessen, das Fahrwerk einzufahren.“ Ein fragender Blick in Richtung meines Co-Piloten. „Macht nichts, das hab ich für dich gemacht. Dafür sind wir ja ein Team“, beruhigt mich David und lächelt. Die projizierten Wolken lichten sich. Sichtflug ist tatsächlich viel angenehmer als ein Flug nach Instrumenten. Fasziniert genieße ich die Aussicht auf die Tiroler Berge. „Bei deinem jetzigen Neigungswinkel wären die Passagiere hinten nicht glücklich“, macht mich David auf meine Schieflage aufmerksam. Ups, da war ich wohl abgelenkt. Am Ende lande ich jedoch wohlbehalten und nur wenige Meter neben der Landebahn am Flughafen Innsbruck.

Quelle: op-online.de

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