„Der Revisor“ als Neuinszenierung am Frankfurter Schauspiel

Harmonisches Bühnen-Chaos

Frankfurt - Regisseur Sebastian Hartmann trifft Nikolai Gogols Komödie im Kern – vom Text ist allerdings nicht viel übrig geblieben. Von Stefan Michalzik 

Showtime auf der Frankfurter Schauspiel-Bühne: Sascha Nathan, Katharina Bach und Holger Stockhaus in Sebastian Hartmanns Neuinszenierung der Gogol-Komödie.

Ein paar Leute verlassen vorzeitig die Vorstellung. Das ist einkalkuliert, die Schauspieler schlagen Gags daraus. Neckisch wirkt das, wie so vieles an diesem Abend. Sebastian Hartmann hat am Frankfurter Schauspiel Gogols Komödie „Der Revisor“ gefleddert. Gogol, nicht Google, klärt Sascha Nathan zu Beginn auf. Hartmanns Theaterarbeiten sind immer ein großes Extempore über das Stück. Alles bloß Theater. Darauf stoßen die Schauspieler den Zuschauer ständig. In Frack und Zylinder springen sie anfangs in fratzenhaft gebrochener It’s-Showtime-Art über eine schwarz/weiß gestreifte Varietébühne. Ausführlich stellt Nathan Schauspieler und Rollen vor. Und gleich noch mal in umgekehrter Reihenfolge. Dann referiert er den Stückanfang. Den von „Hamlet“. Als nächstes hat Holger Stockhaus, bekannt als Fernsehkomödiant aus „Ladykracher“, die Bühne allein für sich. In der Weise eines Conferenciers erzählt er den ersten Akt der Geschichte um ein Häuflein von Standespersonen einer Provinzstadt, die, aufgescheucht von der Nachricht, ein Revisor befinde sich auf Anreise und werde Licht in ihre unredlichen Verhältnisse bringen, einem Hochstapler aufsitzen und ihn zur Besänftigung mit Geld überschütten. In einer ausgesprochen klassischen Tat des Komischen wechselt Stockhaus virtuos zwischen den Honoratioren und den einem jeden zugeteilten Dialekten, dafür gibt es Szenenapplaus.

Eine gegenläufig doppelte Drehbühne mit überdimensioniert gemusterten Tapetenwänden – Hartmann hat den Raum selbst entworfen – stellt die Kulissenhaftigkeit aus. Die Schauspieler sprechen sich bei ihren Vornamen an, fortwährend gibt es Kalauer und Wortspielereien. In einer Szene entkleidet Jan Breustädt sich vollständig, mit einer exzessiven Kraft des Getriebenen rennt er viele Runden. Auf seinem Rücken ist die eintätowierte Schrift „Frankfurt“ in Fraktur zu sehen, das ist natürlich für einen Lacher gut. Überhaupt ist dieser Abend ein Fest für die Schauspieler: Selten können sie an einem langen Stück – nicht ganz zweieinhalb Stunden – derart direkt auf das Publikum zuspielen. Es schneit ein Trio um die jungen Schauspielerinnen Katharina Bach, Franziska Junge und Linda Pöppel herein, von der Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki wie im Karneval mit Blondperücken und Glitzerfummel herein; Sascha Nathan sagt ihnen, sie sollen die Gans machen. Da gehen sie in die Hocke und schnattern – anstatt das Geflügel in der Küche zuzubereiten.

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Am Rande singt und spielt Steve Binetti leise melancholische Lieder, er gibt einen Konterpart zur Ensembleturbulenz; mal finden sie zusammen und singen ein Lied um den Lügenbold Pinocchio, in dem die Namen von Rüstungskonzernen sowie Ceta & TTIP fallen. „Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr“, heißt es am Ende schließlich wohlfeilerweise mit dem vom Theater allzu notorisch strapazierten Heiner Müller und seinem Text „Hamletmaschine“. Ästhetisch alles wohlbekannt. Hartmanns Theater ist eines des Zustands nach dem explosiven Zerfall, Einzelteile fliegen umher, die Geschichte zeichnet sich durchaus klar ab. Jedes Stück zeigt er im Sinne eines Theaters des Absurden. Es wäre zu platt, von einem Gleichnis zu sprechen, doch natürlich spricht Hartmann genau wie Gogol von der Welt und nicht einfach bloß von den Verhältnissen im zaristischen Russland. Dieses klar strukturierte Chaos ist vertraut, auch von Castorf und von René Pollesch. Man kann sich damit gut amüsieren. Den Gogol trifft Hartmann durchaus im Kern. Mag auch vom Text nicht viel übrig geblieben sein.

  • Weitere Aufführungen am 6., 9., 11., 14. und 31. März. Karten gibt es unter Tel.: 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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