Harter Wettbewerb

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Familienminister Jürgen Banzer rechnet mit einem erhöhten Bedarf von 6000 bis 8000 Erzieherinnen.

Ab 2013 gibt es den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren. Das bedeutet einen höheren Bedarf an Erzieherinnen und Erziehern. In Hessen ist der Mangel schon absehbar.  Interview mit dem hessischen Familienminister Jürgen Banzer. Von Petra Wettlaufer-Pohl

Herr Banzer, bis 2013 soll der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für unter Dreijährige umgesetzt werden. Sie haben eine große Kampagne gestartet, um für den Erzieherinnenberuf zu werben. Wie groß ist denn der Bedarf in Hessen?

Innerhalb der nächsten fünf Jahre brauchen wir nach unseren Berechnungen 6000 bis 8000 zusätzliche Erzieherinnen. Genaue Zahlen zu nennen, ist problematisch, denn in diesem Beruf ist Teilzeit fast die Regel. Wir wissen nicht genau, wie viele Erzieherinnen aufstocken würden, wenn der Bedarf da ist. Oft war es ja Wunsch der Träger in den Kommunen, Teilzeitkräfte anzustellen.

Hessen künftiger Ministerpräsident Volker Bouffier hat kürzlich bezweifelt, dass sich der Rechtsanspruch bis 2013 umsetzen lässt, weil gar nicht genug Geld da ist.

Der Rechtsanspruch ist wahrscheinlich gar nicht die entscheidende Frage. Fakt ist, dass die Kommunen auf die Nachfrage der Eltern reagieren müssen. Wir werden zusätzliche Plätze brauchen. Es geht ja nicht darum, per Gesetz künstliche Nachfrage zu schaffen. Wir werden vielmehr in die Situation kommen, dass wir gerade in sozialen Berufen einen Fachkräftemangel bekommen, der Wettbewerb wird sich zuspitzen. Manche Probleme dieser Berufe könnten sich dann von selbst lösen, denn was knapp ist, hat ein höheres Ansehen. Das heißt, die Arbeitgeber werden um finanzielle Anreize nicht herum kommen.

Der Erzieherinnenberuf hat mit fünf Jahren eine sehr lange Ausbildung, ist das nicht unattraktiv?

Ich glaube, dass Erzieherinnen in der Ausbildung über kurz oder lang wie Auszubildende bezahlt werden müssen. Ich dachte auch immer, dass fünf Jahre zu lang sind. Aber in den Fachschulen sagen Lehrende wie Auszubildende, dass sie die Zeit schätzen. Wären Schülerinnen mit Realschulabschluss früher fertig, wären sie noch sehr jung und fühlten sich mit der Verantwortung dieses Berufs überfordert. Das muss man zumindest bedenken.

Was halten Sie von der Diskussion, die Ausbildung zum Fachhochschulstudium zu machen?

Hessen hat den höchsten Anteil von Fachhochschulabsolventen unter den Erzieherinnen. 2 995 Erzieherinnen besitzen einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. Insgesamt gibt es in Hessen 34 493 Erzieherinnen. Außerdem entsprechen unsere Fachschulen fast den internationalen Fachhochschulstandards. Ich finde es im Übrigen wichtig, dass auch Realschülerinnen und Abiturientinnen direkt in die Ausbildung gehen können. Die Mischung aus akademisch Gebildeten und denen, die praxisorientiert gelernt haben, halte ich für gut. Wir haben ja kein Qualifikationsproblem, sondern das Problem, dass Erzieherinnen zu sehr beansprucht sind.

Wären nur akademisch gebildete Erzieherinnen überhaupt zu bezahlen?

    Es wird ohnehin teurer werden für die Träger, wenn die Nachfrage nach Erzieherinnen so groß ist wie erwartet.

Erzieherinnen müssen immer mehr leisten in einer Gesellschaft, die auf frühe Bildung setzt. Gleichzeitig klagen viele, dass sie zu wenig Zeit haben, diesen Ansprüchen gerecht zu werden.

Wir als Land haben nur die Mindeststandards vorgeschrieben, jede Kinderbetreuungseinrichtung kann mehr machen. Das ist natürlich eine Frage der Prioritätensetzung und der Finanzen. Viele machen ja auch mehr.

Beim Ausbau der Plätze sehen Sie kein Problem?

Hessen ist beim Ausbau der Plätze für unter Dreijährige an der Spitze. Allerdings ist die Nachfrage schwer zu beurteilen. Denn natürlich ist jeder für gute Betreuung, wenn man fragt. Tatsächlich ist es aber dann sehr unterschiedlich, ob sie in der Rhein-Main-Region leben oder auf dem flachen Land. Im Ballungsraum müssen wir sicher noch ausbauen. Auf dem Land wird die Betreuung oft noch familiär organisiert. Wenn wir die 35 Prozent Plätze für U3 unterschiedslos in ganz Hessen verwirklichen würden, lägen wir sicher daneben.

Hat Hessen überhaupt genug Ausbildungsplätze für die vielen Fachkräfte, die gebraucht werden?

Wir haben die Zahl der Plätze an den 29 Fachschulen in den letzten fünf  Jahren von 4000 auf 4900 gesteigert. Ich finde es beachtlich, dass es auch zum Schuljahresbeginn 2010/2011 erneut mehr Plätze geben wird. Meine Sorge ist, dass wir zu wenig Bewerber haben. Denn auch nicht jeder ist für den Beruf geeignet. Deshalb wollen wir die jungen Leute mit unserer Kampagne  „Große Zukunft mit kleinen Helden - Werde Erzieherin/Erzieher“ informieren und für diesen schönen und verantwortungsvollen Beruf gewinnen.

Quelle: op-online.de

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