Haus des Jugendrechts soll Schule machen

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Pröbstin Gabriele Scherle, Innenminister Boris Rhein, Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (beide CDU) und Staatsanwältin Marion Denny (von links) stellten gestern das Haus des Jugendrechts in Frankfurt-Höchst vor. Foto: Sauda

Frankfurt (dpa) - Staatsanwaltschaft, Sozialarbeiter und Polizei arbeiten im Haus des Jugendrechts unter einem Dach. Gemeinsam sollen sie so Jugendkriminalität besser bekämpfen und ihr vorbeugen helfen.

„Ich träume davon, dass das Modell der Häuser des Jugendrechts in ganz Hessen anspringt und überall eingesetzt werden kann“, sagte Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) gestern bei der offiziellen Eröffnung der zweiten hessischen Einrichtung dieser Art in Frankfurt-Höchst. „Das muss dann nicht immer ein prächtiger Bau sein, sondern kann auch auf dem kleinen Dienstweg erfolgen“, sagte Hahn mit Blick auf kleinere Kommunen im Land. Im Kreis Marburg-Biedenkopf beispielsweise beraten Fachleute in einem Jugendrechtshaus ehrenamtlich. „Prävention ist besser als nachher Verurteilung.“

Zwei Staatsanwälte, drei Sozialarbeiter der Jugendgerichtshilfe, elf Polizeibeamte und eine Polizei-Verwaltungskraft arbeiten in dem neuen Haus des Jugendrechts im Frankfurter Westen. Anders als die Wiesbadener Einrichtung, die offiziell im Dezember 2010 eröffnet wurde, beherbergt die Frankfurter auch noch den vom evangelischen Regionalverband getragenen Täter-Opfer-Ausgleich. Das Haus ist zuständig für junge Straftäter, die in den westlichen Stadtteilen wohnen und der Polizei schon mehrfach aufgefallen sind. Der zuständige Jugendrichter urteilt im Amtsgericht um die Ecke. Die Arbeit in der neuen Einrichtung soll wissenschaftlich begleitet und ausgewertet werden.

„Das ist eine Investition in den Kampf gegen Jugendkriminalität, die wir vielfach zurückbekommen werden“, sagte Innenminister Boris Rhein (CDU) bei der Eröffnung. Schnellere Verfahrensabläufe, engere persönliche Kontakte, Fallkonferenzen und kurze Wege unter einem Dach ermöglichten eine „neue Qualität im Engagement gegen Jugendkriminalität“.

Diese sei meist episodenhaft auf einen Lebensabschnitt begrenzt und die Zahl der verdächtigen jugendlichen Gewalttäter in Frankfurt rückläufig, sagte Rhein. „Es gibt aber eine Veränderung in der qualitativen Hinsicht: Immer öfter sind Waffen im Spiel, immer öfter wird mit einer ziemlich großen Brutalität vorgegangen, und immer öfter beobachten wir, dass dort, wo früher Ende gewesen ist, es dann, wenn einer am Boden liegt, erst richtig los geht.“

Die Minister erinnerten daran, dass die Gründung von Häusern des Jugendrechts wesentliche Forderung einer 2008 nach der Landtagswahl eingesetzten Expertenkommission war. Der damalige Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hatte im Wahlkampf die Kriminalität von jungen Ausländern thematisiert, was höchst umstritten war. Das Land Hessen geriet selbst in die Kritik, weil Verfahren zur Jugendkriminalität vergleichsweise lange dauerten.

„Im Haus des Jugendrechts geht es nicht um Härte oder Milde. Wir wollen einen Drehtür-Effekt vermeiden“, sagte gestern Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU). Die SPD in der größten hessischen Stadt hatte das Projekt als konzeptlos kritisiert. Die SPD-Landtagsfraktion lobte es: „Eine sozialdemokratische Idee setzt sich in Hessen durch“, hieß es.

Das erste Haus des Jugendrechts öffnete 1999 in Stuttgart; für Tötungsdelikte und organisierten Rauschgifthandel ist es allerdings nicht zuständig. Alle am Strafverfahren beteiligten Behörden arbeiten unter einem Dach: Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendamt, Amtsgericht. Auf Stuttgart folgte Ludwigshafen im Jahr 2005, Mainz öffnete im Mai 2008, Kaiserslautern und Köln dann 2009.

Jede Einrichtung arbeitet etwas anders. Die Kölner beispielsweise ist auf Intensivtäter konzentriert. Ein Drittel aller Verhandlungen gegen Jugendliche werden in Stuttgart in den ersten vier Wochen nach der Tat abgeschlossen und damit deutlich schneller als üblich. In Ludwigshafen halbierte sich die Dauer von etwa sieben Monaten auf weniger als vier Monate. Die Zeitspanne vom Eingang der Meldung der Straftat bis zur Einbindung des Jugendamts verkürzte sich von sechs auf drei Monate. Im Kölner Haus des Jugendrechts werden 90 bis 100 Intensivtäter zeitgleich betreut. 78 Prozent begingen nach dem Ende des Programms weniger Straftaten.

dpa

Quelle: op-online.de

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