Schwermetall und eine Prise Selbstironie

Heavy-Metal-Urgesteine von Judas Priest rocken in Jahrhunderthalle

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Stehaufmännchen: Rob Halford hält selbst eine Bandscheiben-Operation nicht vom anstrengenden Tourneegeschäft ab.

Frankfurt - Der Herr der Mäntel hat noch bissel „Rücken“ und flaniert am Stock herein. Macht aber nix. Wer so lange so schreiend martialisch in der eisenverarbeitenden Stromgitarren-Branche überlebt hat, den wirft auch eine kaputte Bandscheibe nicht um. Von Peter H. Müller 

„Metal God“ Rob Halford und seine Veteranen von Judas Priest rocken während ihrer „Redeemer of Souls“-Tour in der bestens besuchten Jahrhunderthalle durch 45 stahlharte Karriere-Jahre. Eine Modenschau gibt’s gratis dazu - die auch nicht mehr blutjunge „Pommesgabel“-Fangemeinde ist restlos begeistert. Zugegeben, Moshpits und anderes Knochenbrecher-Gehopse erlebt man an diesem Abend bestenfalls in Ansätzen. Bekanntermaßen wird man im Alter ja nicht jünger. Andererseits muss man natürlich erwähnen, dass es im kräftezehrenden Vorprogramm mit den Dead Daisies bereits ziemlich vogelwild zur Sache gegangen ist. Über diese mehr als vital musizierende „Supergroup“ sei denn doch auch ein Wort verloren.

Anno 2012 haben sich nämlich im fernen Sydney einige durchaus kompetente Herren zusammengerauft, um den klassischen Hardest-Rock der 1970-er und ’80-er ganz ironiefrei zu reanimieren. Allen voran die Ex-Mötley-Crüe-Krawallschachtel John Corabi, der am Mikro nun vor verhinderten Front-Helden wie Dizzy Reed & Richard Fortus (Guns N´Roses), Brian Tichy (Whitesnake, Foreigner) oder Marc Mendoza (Thin Lizzy) herumturnt. Alles in allem, mitsamt des zweiten Studioalbums „Revolucion“, ein echt herziges, schön beklopptes Jam-Vergnügen.

Damit aber umgehend zu den Titanen des wahren Heavy Metal: Punkt 22 Uhr also läuten Black Sabbaths „War Pigs“-Weisen endlich den Fall des Stofflappens ein, auf dem in großen Lettern der satanisch zusammengesetzte Namen prangt: „Judas“ & „Priest“ - das geht eigentlich nicht zusammen, auf der Bühne aber immer noch ab, als sei eine ganze dunkle Macht mit den Mannen aus Birmingham: „Dragonaut“, „Metal Gods“, „Desert Plains“ - Glatzkopf Rob Halford röhrt, grölt, keift und brüllt in Ultraschallhöhen wie zu besten Tagen. Oder brettert zu „Turbo Lover“ gleich mit der Harley auf die Rampe. Diese Prise Selbstironie will etwas heißen: Der Hohepriester des stahlschluckenden Abrisskommandos hatte, von Koks und Alkohol malträtiert, schon in den 1980-ern den Abgrund vor Augen. Jetzt ist er 64, vor zwei Jahren an der Wirbelsäule operiert worden, weg von allen Drogen - und wieder in Bestform. Auch der Abgang von Gitarren-Urgestein K.K. Downing kurz vor der vermeintlichen Abschieds-Tour 2011 fällt nicht auf. Für ihn schrabbt Richie Faulkner munter headbangend über die Saiten, flankiert vom blonden Uraltmeister der „Gibson Flying V“-Klampfe: Glenn Tipton, der unglaubliche 67 Lenze auf dem Buckel haben soll.

Oben, im Schlagzeug-Thron werkelt der Amerikaner Scott Travis, am E-Bass steht Ian Hill, seit 1970! Alles wie vor gefühlt 100 Jahren, möchte man mit den grau gewordenen Fans frohlocken. Denn schließlich ist auch die Setliste ein veritables „Best Of“: Victim of Changes“ (1976), so etwas wie der heilige Gral des Metal-Repertoires, „Breaking The Law“ von der legendären „British Steel“-Scheibe, „Redeemer Of Souls“, Titelstück des aktuellen Albums, oder die martialischen Rachegelüste aus „Screaming For Vengeance“ und das unvermeidliche „Painkiller - Judas Priest feuern aus allen Rohren.

Nebenbei übt Rob Halford auch noch ganz locker mehr Kostümwechsel als Helene Fischer und Madonna zusammen: Nach jedem, meist über vier Oktaven geröhrt-gekreischten Song eine neue Kutte, ein anderer Janker - der Fundus gibt aber auch so einiges her, Bronze-Patchwork-Mantel und grandiose Metal-Epen wie „You’ve Got Another Thing Comin’“ inklusive. Mottenkiste? Na wenn schon, die Judas-Priester dürfen das.

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Quelle: op-online.de

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