Haftpflichtversicherung vor dem Aus

Beruf ohne Zukunft?

Offenbach - Die Große Koalition hat zwar eine Lösung des Problems versprochen. Doch weiterhin befürchten viele freiberufliche Hebammen das Aus für ihren Berufsstand. Konkret geht es um die immer teurer werdenden Haftpflichtversicherungen. Von Niels Britsch und Peter Schulte-Holtey

Die benötigt eine Hebamme allerdings, um überhaupt arbeiten zu können. Juristen warnen schon seit langem: Haftpflichtschutz für Hebammen ist zum Risikogeschäft geworden. Die Zahl der Versicherungsnehmer ist relativ klein, die möglichen Schadenssummen dagegen können schnell in die Millionen gehen. Etwa dann, wenn ein Kind durch Geburtsschäden zum Pflegefall wird und die Versicherung über Jahrzehnte für die Kosten aufkommen muss. Für alles, was diesen Betrag übersteigt, haftet die Hebamme mit ihrem eigenen Geld Angestellte Hebammen sind in der Regel über ihren Arbeitgeber versichert. Versicherer haben die Deckungssummen in den vergangenen Jahren drastisch erhöht, die Prämien sind entsprechend durch die Decke gegangen.

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Und die Situation könnte sich für Hebammen noch weiter zuspitzen. Denn einer der wichtigsten verbliebenen Versicherer hat angekündigt, demnächst keine Versicherungen für Hebammen mehr anzubieten. Zuletzt hatten sich drei große Versicherer zu einem Konsortium zusammengeschlossen. Nur zusammen waren sie bereit, die hohen Summen in einem möglichen Schadensfall abzusichern. Jetzt gerät das Konsortium ins Wanken. Für viele Hebammen ist längst klar, dass es ohne entscheidende neue Weichenstellungen mittels politischer Vorgaben aus Berlin ab Sommer 2015 keine Versicherung mehr für Geburtshelfer geben wird.

Bedarf an Hebammen ist groß

Gespräche mit Hebammen in der Region bestätigen den Ernst der Lage. Bei einem durchschnittlichen Stundenlohn von 8,50 Euro ist es derzeit schon schwer für sie. Auch die Kosten durch private Renten- und Krankenversicherungen und Beiträge der Berufsgenossenschaft sind hoch. Der Ausstieg der Versicherungen aus der Berufshaftpflicht würde das Aus aller selbstständigen Hebammen bedeuten - mit schwerwiegenden Folgen.

Sandra Exner, selbstständige Hebamme aus Dreieich, bietet bereits seit 2010 wegen der steigenden Haftpflichtprämien keine Geburtshilfe mehr an. Ab Juli 2015 könnte sie mangels Haftpflicht auch nicht mehr als selbstständige Hebamme Schwangere und Wöchnerinnen betreuen. Dabei ist der Bedarf groß, die Engpässe werden nach ihren Beobachtungen auch im Kreis Offenbach sichtbarer. Die außerklinische Geburtshilfe - auch die Wochenbett-Betreuung - sei in Gefahr. Exner schildert die möglichen weiteren Folgen: „Familien und Mütter können sich mit ihren Fragen und Problemen nicht mehr an die Hebammen wenden und werden stattdessen zu den Kinderärzten gehen. Die Praxen werden wahrscheinlich überlastet sein mit Hilfesuchenden, die zum Beispiel wegen einer entzündeten Brustwarze oder wegen eines entzündeten Bauchnabels zum Arzt gehen. Ein Kinderarzt ist eigentlich für die Kranken zuständig, wir kümmern uns um die gesunden Kinder. Nun werden viele zum Arzt gehen, auch wenn ihr Kind eigentlich gesund ist.“

Viele Hebammen in beruflicher Existenz bedroht

Die Dreieicher Hebamme, selbst Mutter eines dreijährigen Jungen, glaubt außerdem, dass weniger Mütter ihre Babys stillen, wenn sie nicht mehr von Hebammen betreut werden können. „Die Familien mit einem intakten sozialen Umfeld können froh sein, wenn die Großeltern mit ihrer Erfahrung helfen können; alle anderen werden mit ihren Problemen alleine gelassen.“ Nach fester Überzeugung von Exner sind viele Hebammen auch in ihrer beruflichen Existenz bedroht, denn nicht alle Betroffenen könnten mit einer Festanstellung in einer Klinik rechnen. Die Hebammen fühlen sich von der Politik alleine gelassen und nicht ernst genommen: „Wir werden zu Bittstellern degradiert.“

Der Verband der Hebammen fordert deshalb die Politik zum Eingreifen auf. Eine mögliche Lösung sei es, die Haftungssummen der Versicherer gesetzlich zu deckeln. Für Schäden, die darüber hinausgehen, soll der Staat einspringen. Die Risiken für Versicherer wären wieder planbarer, die Prämien würden spürbar sinken. Und werdende Mütter könnten auch weiter frei wählen, wo und mit wem sie ihr Baby zur Welt bringen wollen. Bei Experten im Gespräch ist auch ein Zuschuss der Krankenversicherer. So könnten die Hebammen ihre Leistungen entsprechend höher vergütet bekommen.

Hebammen protestieren in Frankfurt

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In der Politik wird nun intensiver denn je nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. In den nächsten Wochen will eine interministerielle Arbeitsgruppe ihren Abschlussbericht zur Versorgung mit Hebammenhilfe vorlegen. Dieser ist laut Gesundheitsministerium dann Grundlage für weitere langfristige Maßnahmen. Klar ist: Ohne staatliche Eingriffe in den Versicherungsmarkt wird es nicht gehen.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

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