Ausstellung „Body Talks - 100 Jahre BH“

Hebt auch das Selbstwertgefühl

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„Es gibt keinen hässlichen Busen, nur falsche Büstenhalter.“ Dieses Zitat stammt von einer Dessous-Designerin und nicht von der Firma Triumph, für die 1960 diese drei Grazien warben. 

Frankfurt - Es gab Zeiten, da ist er verdammt worden. Im Verlauf seiner hundertjährigen Geschichte ist der Büstenhalter in einer Weise umfehdet gewesen wie kaum ein anderes Kleidungsstück. Von Stefan Michalzik 

Den Stand der Geschlechterdebatte spiegelt seine Entwicklung und den des gesellschaftlichen Fortschritts. Auf jeden Fall ist das ein Thema für das Museum für Kommunikation in Frankfurt, das seine Aufgabe schon lange nicht mehr auf Post und Telekommunikation beschränkt definiert. Unter dem Signum „Body Talks - 100 Jahre BH“ beschäftigt sich eine Ausstellung von der zeit- und kulturgeschichtlichen Seite her mit dem Körperformer, fokussiert auf den Wandel der Schönheitskonzepte und des Frauenbilds; auf Arte ist parallel eine Reihe mit Dokumentationen zu sehen. Die Feministinnen der 68-Generation betrachteten den BH als patriarchales Herrschaftsinstrument.

Dabei ist es eine Frau gewesen, die ihn entwickelt hat, und sie ist auf eine Befreiung aus gewesen. Am 3. November 1914 hat die Amerikanerin Mary Phelps Jacob den ersten BH patentieren lassen. Aus zwei Taschentüchern und einem rosa Band hat sie ihn eines Abends genäht, umgetrieben von dem Gefühl, dass die schnürenden Korsetts der Mode ihrer Zeit nicht mehr länger angemessen gewesen sind.

Immer das Idealmaß im Blick

Die Korsetts haben den weiblichen Körper modelliert. Es ging immer darum,  die weibliche Taille auf ein Idealmaß von 40 bis 50 Zentimeter zu bringen - Männerhände sollten sie perfekterweise umfassen können. Gegen die körperliche Pein sind die frühen Frauenrechtlerinnen Sturm gelaufen. Von einer anderen, der moralischen Warte her sind Einwände der aufreizende Körperform wegen erhoben worden. Das Präparat einer sogenannten Schnürleber sollte die Bedenken der Mediziner anschaulich unterstreichen.

Dicht gedrängt auf engem Raum sind die zehn chronologisch geordneten Stationen. Knapp und umfassend ist die Darstellung durch die Kuratorinnen Julia Bastian und Sandra Bieler. Um das Unterstreichen weiblicher Reize ist es beim Büstenhalter ursprünglich nicht gegangen. Mit einer flachen Brust hat sich Mary Phelps Jacob nach eigenem Bekenntnis frei gefühlt. In den 20er Jahren nahm die Verbreitung einen Aufschwung. Von den klassischen weiblichen Attributen wollten die Frauen nichts wissen, sie bevorzugten eher einen knabenhaften Körper.

Von gegensätzlichen Seiten ist in den 30er und 40er Jahren eine Wende eingeleitet worden. Die Nazis propagierten ob der beabsichtigten Reduzierung der Frau auf die Mutterrolle runde Formen. Von Amerika her ist das Pin-up aufgekommen, seinen Gipfel hat das im „Atombusen“ von Diven des Hollywoodfilms gefunden.

Bilder der BH-Ausstellung

Bilder der Ausstellung „Body Talks - 100 Jahre BH“

Die „revolutionäre Brust“ der 60er und 70er Jahre im Zeichen der sexuellen Revolution und des Aufstands gegen die bürgerlichen Werte meinte, sich des BHs entledigen zu können. Es wurde mehr Brust gezeigt - und sie ist als Instrument des Marketings entdeckt worden. „Dress for success“ lautete das Motto für die Karrierefrauen in den 80er Jahren. Der BH wurde mehrfarbig - Rot und Schwarz aus der Reizwäsche gingen in den Alltag ein - und multifunktional, für Aerobic und anderen Sport. Mit Implantaten ließen sich die Supermodels von den 90er Jahren an Superbrüste aufbauen. Der Push-up-BH wurde populär.

„Anything goes“ heißt es das finale Kapitel. Wie schon in den 60er Jahren taugt der freie weibliche Oberkörper noch immer zum Mittel eines aufsehenerregenden Protests. Stichwort Femen. „Ein schöner BH“, meint indes die Berliner Dessousdesignerin Stefanie Schneider im Epilog, „hebt alles. Auch das Selbstwertgefühl“. Eine umstrittene Projektionsfläche, so viel erscheint sicher, dürfte der BH wohl auf alle Zeit bleiben.

Die Ausstellung „Body Talks - 100 Jahre BH“ ist bis 15. Februar im Frankfurter Museum für Kommunikation (Schaumainkai 53) zu besichtigen: dienstags bis freitags von 9 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 19 Uhr.

Quelle: op-online.de

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