„Dauernd Jetzt“-Tour

Grönemeyer in Festhalle: Kultivierte Unperfektheit

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Bei keinem teutonischen Popstar ist der Mitmachfaktor höher: Herbert Grönemeyer in Frankfurt.

Frankfurt - Mal wieder kaum ein Wort verstanden. Aber schön war´s. Sehr schön sogar. Und, „Zeit, dass sich was dreht“, Pirouetten hat der olle Kumpel jetzt auch noch eingeübt. Von Peter H. Müller 

Herbert Grönemeyer macht auf seiner „Dauernd Jetzt“-Tour Station in der ausverkauften Festhalle, um fröhlich vorzuturnen, wie man „tief im Westen“ den Moment lebt - und auskostet. Am Ende, nach einem Zugaben-Marathon mit Konfetti-Regen, ist nicht mehr ganz klar, wer nun glücklicher ist: die rund 12.000 Fans oder Tanzbär „Herbie“. Am Anfang, pünktlich zur Tagesschau-Zeit, ist´s zunächst aber erst mal zappenduster „Unter Tage“, Bergwerksstollen-Stimmung - und wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Auf stockfinsterer Bühne irrlichtern da sieben Musiker mit Grubenlampen zu ihren Instrumenten, irgendwo in der Finsternis bellt, knödelt, nuschelt eine unverkennbare Kasernenhofstimme von „schwarzem Meer“, „grauem Staub“ und der „Hauptsache“, dass auf „Dich Verlass ist“. Kernige Kohlenpott-Poetik im Rock-Gewand.

Dann endlich: Spot an! Grönemeyer ist da, 24.000 Fanhände recken sich wie auf Kommando zum Jubel in die Luft - „Wunderbare Leere“, die nächste Hommage vom aktuellen Album, nun an das schwerelose Jetzt, den magischen Moment, wenn die Welt sperrangelweit wird. Auch dieser in typischer Wortverdreher-Lyrik verfasste Text ist wohl nur mit Beipackzettel zu dechiffrieren. Was soll´s: Bei einem Grönemeyer-Konzert hat das noch nie eine Rolle gespielt. genauso wenig, wie seine ulkig-tapsigen „Let´s dance“- Einlagen oder die prophylaktische Selbstironie: „Ist ja seit langem bekannt, dass ich ein extrem guter Tänzer bin …“. Nein, eine Konzert-Audienz des 59-jährigen Unikums ist in aller kultivierten Unperfektheit immer Familientreffen, Happening, Herzenssache und „Ein Stück vom Himmel“-Party zugleich. Bei keinem teutonischen Popstar ist der Mitmachfaktor höher, und kaum einer schafft es, so glaubwürdig rüberzubringen, dass er von der Atmosphäre ähnlich angefasst und entzückt ist wie seine textsicheren Fans. „Bochum“, inzwischen 30 Jahre alt, ist so ein Deutschrock gewordenes Stück gewaltiges Wir-Gefühl, in dem alle baden, als gäbe es weder Gestern noch Morgen.

Und Grönemeyer wirkt dabei enthusiasmiert und begeistert wie ein Teenager. Immer wieder ballt er die Fäuste, trollt über die Rampe als gelte es, Kilometergeld zu malochen, immer wieder ein „Danke“, das bei ihm konsequent nach „Danngeschööön“ klingt. Selbst wenn das alles inszeniert sein sollte, ist es verdammt gut gespielt. Und unser aller „Ich bin ja nebenbei ein großer Denker“ Herbert weiß natürlich auch, wie die Dramaturgie eines 150-Minuten-Auftritts zubereitet wird.

Mit seiner gewohnt souveränen Band um Saxofonist Frank Kirchner und Keyboarder Alfred Kritzer orgelt er fast seine kompletten Hits durch - „Männer“, „Musik nur wenn sie laut ist“, „Alkohol“, „Vollmond“ oder, einer der emotionalen Höhepunkte, „Mensch“. Zwischendurch geht es dann zum Atemholen ans E-Piano, das vorne auf seinem Laufsteg thront: „Neuer Tag“, „Flugzeuge im Bauch“ (mit Kontrabass als Bar-Jazz-Version) oder „Der Weg“. Nur „Schiffsverkehr“ bleibt auch bei der x-ten Wiederholung ein einziges Mysterium. Schwamm drüber, „Herbie“ darf das - zumal er uns sonst ja weiterhin aus der Seele singt.

Quelle: op-online.de

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