IHK klagt über Stadt und Kreis

In Hessen fehlen Ausbildungsplätze

Frankfurt - Wenn am 1. September in den meisten Berufen das neue Ausbildungsjahr beginnt, sehen zahlreiche junge Menschen zunächst in die Röhre. In Hessen sowie in Stadt und Kreis Offenbach werden aktuell weniger Lehrstellen angeboten. Nicht immer passen Mensch und freier Ausbildungsplatz zusammen.

Auf dem hessischen Ausbildungsmarkt wird es in diesem Jahr ungemütlich. Bei nahezu konstanter Bewerberzahl sinkt die Zahl der angebotenen Ausbildungsstellen. Die Bundesagentur für Arbeit zählte Mitte Juli in Hessen noch 13071 unversorgte Bewerber und 9253 offene Stellen. Letztlich werden tausende junge Leute ohne Lehrstelle und viele Betriebe ohne Nachwuchs bleiben.

Über 40 000 neue Verträge

Junge Menschen werden in Hessen in zahlreichen Betrieben und Behörden ausgebildet. Nach einer Sonderauswertung des Landes waren zum 30. September vergangenen Jahres 40 219 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden. Der größte Anteil entfiel mit gut 24 600 Neuverträgen auf Betriebe, die in den Industrie- und Handelskammern organisiert sind. Das Handwerk nahm knapp 10 600 neue Lehrlinge auf. Die restlichen rund 5 000 Neuverträge verteilten sich auf den öffentlichen Dienst sowie auf Freiberufler wie Ärzte, Steuerberater oder Anwälte, die ebenfalls junge Leute ausbilden. Auch in Hessen werden wie im Bund besonders viele Einzelhandelskaufleute ausgebildet. Häufig sind auch Lehren als Kfz-Mechatroniker sowie verschiedene kaufmännische Ausbildungen. Laut Landesstatistik ist die Zahl der Auszubildenden seit 1985 um rund ein Drittel auf noch etwas über 102 500 gefallen. Den rund 40 000 neuen Verträgen 2012 standen mehr als 10 000 vorzeitig gelöste Kontrakte gegenüber. Ihre Lehre erfolgreich abgeschlossen haben im vergangenen Jahr 30 641 Männer und Frauen. dpa

Eine ähnliche Entwicklung gibt es in Offenbach. Die Zahl der Bewerber für Ausbildungsstellen sei in diesem Jahr um 2,6 Prozent auf 3146 gestiegen, während mit 1713 Lehrstellen rund 15 Prozent weniger angeboten würden, sagte Friedrich Rixecker, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach für Ausbildung zuständig, unserer Zeitung. „Eine gegenläufige Bewegung in die falsche Richtung“, berichtete der Experte und zeigte sich besorgt. 1126 junge Menschen hätten noch keine Lehrstelle gefunden, ein Drittel mehr als 2012. Und 589 Ausbildungsplätze konnten bisher nicht besetzt werden, ein Minus von mehr als 13 Prozent. Aber immer noch „ein ziemlich hohes Angebot“, wie Rixecker erläuterte.

Von rund 6500 Handwerksbetrieben in Stadt und Kreis bildet etwa jeder Fünfte aus, sagte Uwe Czupalla, Geschäftsstellenleiter Offenbach der Kammer Frankfurt-Rhein-Main. „Tendenz fallend.“ Czupalla erklärte, „viele Betriebe tun sich das nicht mehr an“. Als Gründe für die Zurückhaltung nannte er einen Mangel an ausbildungsfähigen Bewerbern und fehlende soziale Kompetenzen der jungen Leute.

Hessens DGB-Chef Stefan Körzell zeigte sich empört über die schwächelnde Ausbildungsbereitschaft der hessischen Betriebe. „Das steht im krassen Gegensatz zu ihren Klagen über den drohenden Fachkräftemangel.“ Ausbildungsexpertin Brigitte Scheuerle von der IHK Frankfurt macht hingegen die flaue Konjunktur und negative Erfahrungen aus der Vergangenheit für die Zurückhaltung verantwortlich. Viele Unternehmen hätten bereits seit Jahren ihre Stellen nicht mehr besetzen können und gäben mitunter frustriert auf.

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Dabei tun sich die kleinen Firmen schwerer als die großen. So hat beispielsweise Siemens für seine bundesweit 2 150 Stellen rund 45 000 Bewerbungen erhalten und konnte entsprechend auswählen, wobei in einem Sonderprogramm erneut auch vermeintlich schwächeren Schülern eine Chance gegeben wird. Wegen des langen Vorlaufs haben die Großen ihre Einstellungen längst abgeschlossen, aber kleine und mittlere Betriebe haben noch viele Stellen im Angebot. „In Frankfurt sind noch viele Büroberufe offen, und Koch kann man in ganz Hessen werden“, beschreibt Scheuerle die Situation bei den Kammermitgliedern. Auch künftige Fachinformatiker würden noch gesucht.

Die Vereinigung hessischer Unternehmerverbände (VhU) sieht den „Trend zu sitzend-sauber-trocken-Berufen“ ungebrochen. Bei technischen Berufen zeichne sich der Bewerbermangel bereits deutlich ab. Leistungsstarke Jugendliche gingen der dualen Ausbildung verloren, weil sie die Hochschulzulassung oder gleich das Studium anstrebten. Das sei aber nicht für alle Fachoberschüler die beste Lösung, meinte VhU-Expertin Charlotte Venema.

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 Insbesondere in den Ingenieursstudiengängen gehörten sie überproportional häufig zu den Abbrechern. Es sei zu wenig bekannt, dass auch über eine duale Ausbildung die Berechtigung zum Studium erlangt werden könne.

Strecken müssen sich Handwerker, wenn sie künftig noch Lehrlinge haben wollen. „Die wirtschaftliche Lage ist nicht schlecht, so dass die jungen Leute schon auswählen können“, sagte der Ausbildungsfachmann der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, Bernd Sieber.

Die Arbeitsagenturen hadern weiterhin mit der fehlenden Bereitschaft manch heimischer Bewerber, für eine Ausbildung den Ort zu wechseln. „In Frankfurt bleiben immer genug Stellen übrig“, berichtete die Sprecherin der Regionaldirektion Hessen, Angela Köth. Doch im Ballungsraum sind die Mieten hoch, die Zeit der Lehrlingsheime scheint längst vorbei. Und der Leidensdruck ist mancherorts auf dem Land nicht gerade hoch: Im Agenturbezirk Hersfeld-Fulda kommen auf einen Bewerber 1,6 Ausbildungsstellen, das günstigste Verhältnis in Hessen. Warum aber manch junger Offenbacher nicht mit der S-Bahn zur Ausbildung nach Frankfurt fahren könne, bleibe weiterhin rätselhaft. dpa/ku

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Quelle: op-online.de

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