Schüsse, die lange nachhallen

Traumatisierte Polizisten: Wenn der Freund und Helfer selbst Hilfe braucht

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TV-Polizisten feuern fast täglich ihre Waffen ab, im realen Leben geschieht das weitaus seltener. Wenn sie es aber tun, erregt jeder einzelne Fall viel Aufsehen. Was Beamte durchmachen, die tödliche Schüsse abgegeben haben, bleibt häufig ihnen überlassen.

Offenbach/Aschaffenburg – „Mit einem Mörder gehe ich nicht mehr ins Bett.“ Auch von solchen Extremfällen hat Reinhold Bock gehört. Von Ehefrauen, die ausziehen und sich scheiden lassen. Und da gibt es Partner, die sagen: „Du hast jetzt etwas ganz Schlimmes erlebt, ich halte zu dir.“ Die Reaktionen nach tödlichen Schüssen fielen unterschiedlich aus, sagt der ehemalige Polizeihauptkommissar, der heute die Selbsthilfegruppe „Schusswaffenerlebnis“ ehrenamtlich leitet. Mit einem kleinen Team hilft der 64-Jährige aus der Nähe von Aschaffenburg traumatisierten Kollegen.

Zu Bocks Seminaren kommen nicht nur Beamte aus Deutschland, sondern auch aus der Schweiz und Österreich. Es sind die, die nicht mehr weiterwissen und auch nicht beim Dienstherrn nach Hilfe fragen. Oft aus Scham. Oder weil sie fürchten, Vertrauliches könnte zu den Kollegen durchsickern. Der ehemalige Polizeihauptkommissar hat selbst leidvolle Erfahrungen gemacht. Damals, an einem Januarabend des Jahres 1991, als er in die Mündung einer Pistole blickte. Einer Gaspistole, wie sich später herausstellte. Ein wutentbrannter 20-Jähriger zielte auf ihn. In dieser Situation sei im Zeitraffer sein Leben vor seinem inneren Auge vorbeigerast, sagt er. Kindergarten, Schule, die Geburt der ersten Tochter. Bock sah seine Ehefrau mit beiden Kindern an seinem Grab stehen.

Schützen müssen mit Bildern im Kopf leben

Er ging in Deckung. Plötzlich knallte es zweimal. Die Schüsse hatte sein Kollege abgegeben. Der meinte, einem Angreifer mit scharfer Waffe gegenüberzustehen. Der Getroffene, ein junger Mann, wurde in Brust und Bauch getroffen und starb noch in derselben Nacht. Solche Ereignisse schlagen in der Regel hohe Wellen. So wie der Fall des im April 2018 erschossenen Asylbewerbers in Fulda, der mit einem Schlagstock auf die Staatsdiener losgegangen sein soll, den er den Beamten zuvor entrissen hatte. Der Afghane starb an Blutverlust, der Schütze muss mit den Bildern im Kopf leben. „Er wird sich genauso schlecht fühlen, wie ich mich damals gefühlt habe“, sagt Bock.

Und immer wieder taucht die Frage auf, ob die Angreifer nicht auch mit anderen Mitteln hätten aufgehalten werden können. Oft müssten in Sekundenbruchteilen Entscheidungen getroffen werden. „Es geht darum, sein Leben zu verteidigen oder das eines Kollegen“, sagt Bock. „Wenn ich mit einem Messer oder einer Schusswaffe bedroht werde und zum Angreifer besteht nur noch eine Entfernung von fünf, sechs Metern – spätestens dann ist höchste Eile geboten.“

Bild vom schießwütigen Polizisten

Dabei werde das Bild vom schießwütigen Polizisten, der es darauf ankommen lässt, vor allem durch Halbwahrheiten oder verkürzte Handyfilme in sozialen Medien geprägt – und natürlich durch TV-Krimis. „Das ist aber eben nicht so“, sagt der Ex-Polizist sichtlich erregt. „Das ist ,Tatort’ im Ersten, aber nicht Realität.“ Die Waffen der heute 274 000 deutschen Polizeibeamten blieben überwiegend im Holster – oder würden auf dem Schießstand eingesetzt.

Reinhold BockLeiter der Selbsthilfegruppe

Die Statistik unterstreicht Bocks Ausführungen. So sind durch Beamte abgegebene Todesschüsse laut der Deutschen Hochschule der Polizei hierzulande selten. Von den 13 544 registrierten Schüssen 2017 richteten sich die meisten gegen „Tiere und Sachen“. Darunter fallen viele Gnadenschüsse auf überfahrene Vierbeiner. Insgesamt 144 Schüsse gaben Beamte auf Menschen ab, darunter 61 Warnschüsse und 75 direkte Treffer. Tödlich waren davon 14 (1999: 15, 2004: neun, 2009: acht, 2014: sieben).

„Den Menschen vor dem Schusswaffenerlebnis, den gibt es nicht mehr“, sagt der 64-Jährige. „Es gibt nur ein Nachher. Nach der Tat bist du viel sensibler, viel bewusster der Gefahr, der du täglich gegenüberstehen kannst.“ Und manch ein Beamter kann seinen Dienst gar nicht mehr ausüben. „Wir haben Kollegen, die daheim nur beim Anblick ihrer Uniform in Tränen ausbrechen.“ Die könnten ihre Polizeikluft gar nicht mehr anziehen.

Schlaflose Nächte, Albträume

Bock selbst hatte seinerzeit versucht, sein Schusserlebnis „wegzuschließen“. „Tief im Tresor“, wie er sagt. „Ich warf den Schlüssel weg und meinte, damit wäre alles getan, um es vergessen zu können.“ Doch dann kamen die schlaflosen Nächte, die Albträume. Der Polizist wusste nicht, warum er sich immer wieder von links nach rechts drehte, warum er schweißgebadet aufwachte. „Ich war immer der Meinung, ich habe ja nicht geschossen, also brauche ich mir auch nicht den Schuh anzuziehen.“ Doch immer, wenn er eine Schlagzeile, einen Fernsehbericht oder eine Radiomeldung über den Gebrauch von Schusswaffen vernahm, kam das Erlebnis wieder zurück.

Bock, der in den Staatsdienst ging, um anderen zu helfen, brauchte auf einmal selbst Hilfe. Die fand er 1995, vier lange Jahre nach den traumatischen Ereignissen, in der Selbsthilfegruppe von Polizeipfarrer Martin Krolzig. Hier konnte Bock mit anderen Betroffenen über das Geschehene reflektieren – und zur Einsicht gelangen, dass er in der Situation angemessen gehandelt hatte. „Es war genau richtig, was du gemacht hast“, sagte sein damaliger Kompagnon. „Er sagte: Du hast die Aufmerksamkeit des Schützen auf dich gerichtet, sodass ich adäquat handeln konnte“, erinnert sich Bock. „Und da fiel noch mal ein Stück Last von mir ab.“ In der Folge besuchte er weitere Seminare, „aber nicht, um mich reinzuwaschen oder mir selbst zu helfen, sondern anderen Kollegen.“

Eine Therapie nach der anderen

Ein Drittel der Betroffenen würde nach Bocks Erfahrung mit dem Erlebten alleine fertig. Das zweite Drittel brauche Hilfe von Freunden und Kollegen. Der Rest schaffe es in der Regel nie, es folge eine Therapie auf die andere. „Die muss man dann eben an die Hand nehmen und sagen: Okay, das war ein schlimmes Ereignis, aber du hast überlebt. Deine Zeit war nicht gekommen.“ Häufig aber fehlten Vorgesetzten und Kollegen das Verständnis. Wer geschossen habe, bekomme oft zu hören, man solle sich nicht so anstellen. Auch sei der Umgang mit Betroffenen davon abhängig, wie angesehen sie sind, welchen Beurteilungsstand oder Rang sie haben.

Bock, der nach Schussereignissen über die zuständige Dienststelle Hilfe anbietet, hat nach dem Vorfall in Fulda auch dort seine Kontaktdaten hinterlassen. Dem darin verwickelten Beamten macht er Hoffnung – aber nur ein Stück weit. „Der Austausch tut gut, aber letztlich kommst du immer wieder auf dein Erlebnis zurück.“

Könnten Elektroschocker scharfe Waffen nicht sofort überflüssig machen – und damit auch sämtliche Folgen vermeiden? „Nein, könnten sie nicht“, entgegnet Bock. Sie seien noch in der Erprobungsphase, und auch ihr Einsatz könne zum Tod führen. Sie seien nicht das Allheil-, sondern ein weiteres Hilfsmittel. Für Bock stellt sich außerdem eine ganz praktische Frage: „Wo soll ich den Taser jetzt noch hinstecken?“ Inzwischen seien Polizisten derart aufgerüstet, sie hätten die halbe Dienststelle ja quasi schon dabei.

VON NIKOLAS SOHN

Quelle: op-online.de

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