„Hier drinnen hat man keine Freunde“

+
Ein Vollzugsbeamter schließt im Hochsicherheitsgefängnis Schwalmstadt eine Gittertür auf.

Schwalmstadt - „Einfach mal ein Bierchen trinken; essen, was man will und wann man will; oder in einen Laden gehen und einkaufen, statt für alles einen Antrag auszufüllen.“ Manuel Willführs Wünsche sind für einen 37-Jährigen nicht allzu anspruchsvoll. Doch sie sind seit 14 Jahren unerfüllt und werden es noch eine Weile bleiben. Von Wolfgang Harms

Willführ verbüßt im hessischen Hochsicherheitsgefängnis Schwalmstadt eine lebenslange Freiheitsstrafe, und mit der für solche Fälle vorgesehenen Mindesthaftdauer von 15 Jahren wird es bei ihm nicht getan sein. Schließlich haben ihm seine Richter 1995 die besondere Schwere seiner Schuld ins Urteil geschrieben.

Damals war der drahtige Mann mit dem dunklen Pferdeschwanz und den Kreolen-gespickten Ohren nach eigener Aussage jemand, dem man besser nicht widersprach. Billard fand er cooler als Schule, und um einen Job bemühte er sich immer nur, wenn gerade eine Verhandlung anstand - weil sich das günstig auf die Sozialprognose auswirkte. Die Taten wurden schwerer und schwerer und gipfelten schließlich in einem Mord. Selbst hinter Gittern gab er noch eine ganze Weile den harten Kerl.

Der 37-jährige Manuel Willführ sitzt bereits seit 14 Jahren wegen Mordes. Er ist einer der rund 50 Lebenslänglichen in Schwalmstadt.

Heute hat Willführ den Realschulabschluss nachgeholt, eine Kochlehre absolviert und wochentags um 15.15 Uhr einen Arbeitstag in der Anstaltsküche hinter sich. Seit einem Jahr arbeitet er in einer Therapie sein Leben auf. Zu Unbeherrschtheiten lässt er sich nicht mehr hinreißen: „Wenn ich hier drin gelassen bleibe, ist das die beste Vorbereitung für draußen. Und ich find's angenehmer.“ Mit seiner frühen kriminellen Karriere ist der 37-Jährige eher untypisch für die „El-Eller“, wie die zu lebenslänglicher Haft Verurteilten im Gefängnis -Jargon heißen. „Das sind nicht die Gefährlichsten“, sagt Anstaltsleiter Jörg Bachmann. Viele sind Ersttäter, die Jahrzehnte ein unauffälliges bürgerliches Leben führen und in eine tragische Beziehung zu ihren Opfern - meist Lebenspartner oder Eltern - verstrickt sind. Um im Gefängnis renitent zu werden, fehlt ihnen die kriminelle Energie, für ernstzunehmende Ausbruchspläne das einschlägige Wissen. Ihre Rückfallquote ist niedrig.

Aussicht auf Rückkehr in die Freiheit

Mit mangelnder Gelegenheit hat das nichts zu tun. Denn „lebenslänglich“ heißt im Strafrecht etwas anderes, als der Ausdruck suggeriert. Juristen verstehen darunter eine Freiheitsstrafe von unbestimmter Dauer, die - das hat das Bundesverfassungsgericht bestimmt - die Aussicht auf Rückkehr in die Freiheit bieten muss, solange das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung dem nicht entgegensteht. Nach einer Erhebung der Kriminologischen Zentralstelle der Länder saßen in deutschen Gefängnissen im Frühjahr 2007 rund 2000 Häftlinge mit einem solchen Urteil. Im Schnitt kommen sie nach 15 bis 20 Jahren frei und sind dann 49 Jahre alt. Theoretisch könnte man da noch einiges anstellen.

Lars B. (Name geändert) hat das allerdings nicht vor. Er weiß, dass draußen eine Wohnung, Geschwister und ein Job auf ihn warten, und allmählich kommt der Tag in Sicht, an dem er als Freigänger nur noch zum Übernachten in den Vollzug muss. Der 44-Jährige passt ins Bild des klassischen Lebenslänglichen, wie Psychologen und Vollzugspraktiker ihn beschreiben. Der zuvor unbescholtene Lackierermeister heiratete in eine zerstrittene Familie hinein und half schließlich dabei, die Mörder seines Ex-Schwiegervaters zu dingen. Trotz seines Geständnisses bekam er dafür lebenslang. „Ich hatte mit weniger gerechnet“, sagt der 44-Jährige, wenn er an die Urteilsverkündung vor neun Jahren denkt. Doch er hadert nicht mit dem Strafmaß: „Das ist schon gerecht. Es war ein Menschenleben.“

Schulabbrecher können ihre Abschlüsse nachholen

Man kann die Tat nur verarbeiten, wenn man sich schuldig findet“, erklärt Anstaltspsychologe Detlef Sturhahn-Betsch. „Wichtig ist, dass man sich klarmacht: Warum habe ich das gemacht?“ Das dafür notwendige langwierige und mitunter schmerzhafte Aufrollen der eigenen Biografie beginnt üblicherweise gegen Ende der Haftzeit. In den ersten Jahren legt man den Gefangenen nahe, zu arbeiten, um damit schon etwas Geld für den späteren Übergang in die Freiheit anzusparen. Manche erlernten auf diese Weise überhaupt erst, einem geregelten Ablauf zu folgen, sagt Bachmann: „Viele hier sind nicht in der Lage, ihren Tag, geschweige denn ihr Leben zu strukturieren.“

Das Hochsicherheitsgefängnis im hessischen Schwalmstadt.

Solche Defizite will der Strafvollzug ausgleichen. Ein strenger Zeittakt vom Wecken um 5.30 Uhr bis zum Einschluss um 21.30 Uhr gibt dem Tag sein äußeres Gerüst, Arbeit und Bildungsangebote bestimmen den Inhalt. Schulabbrecher können ihre Abschlüsse nachholen, Ungelernte Gesellenbriefe erwerben. So mancher hartgesottene Schwerkriminelle bekomme bei Prüfungen weiche Knie, wissen Vollzugsbedienstete zu erzählen. Bachmann spricht von „Persönlichkeitsentwicklung für Leute, die noch nie in ihrem Leben ein Erfolgserlebnis hatten“. Das Zeugnis in der Hand sei mehr als eine bloße Qualifikation für den Arbeitsmarkt: „Das bewirkt ein anderes Denken“. Besonders gefragt sind hinter Gittern - und da bestätigt sich ausnahmsweise ein Klischee - metallbearbeitende Berufe.

„Freundschaften kann man hier drin nicht gewinnen“

Lars B. etwa hat eine Schlosserlehre absolviert. Nun ist er so etwas wie ein Hausmeister, repariert verstopfte Abflüsse und tauscht defekte Schlösser aus. Seit 2003 darf er hin und wieder in Begleitung von Zivilbeamten für ein paar Stunden die Anstalt verlassen. Dafür pflegt er drinnen weniger Kontakte. Drei bis vier Mitgefangene seien es, mit denen er mitunter Freizeit verbringe, erzählt der 44-Jährige. Aber von denen werde er nach seiner Entlassung keinen mehr sehen: „Freundschaften kann man hier drin nicht gewinnen. Ich muss meinen Weg alleine gehen.“

Von Knastbruderschaften hält auch Manuel Willführ nicht viel. Nicht nur, weil ihn die immergleichen Geschichten und Prahlereien anöden, sondern auch, weil er sich von einem früheren Zellengenossen denunziert fühlt: „Hier drinnen gibt's keine Freunde, hier gibt's Kollegen - und die hauen einen noch in die Pfanne. Ich werde keinen von denen wiedersehen.“ Indirekt aber hat die Anschwärzerei etwas Entscheidendes bewirkt. Denn als die Anstaltsleitung von angeblichen Ausbruchs- und Geiselnahmeplänen erfuhr, ließ sie Willführ sicherheitshalber verlegen. Mit Hand- und Fußfesseln sowie schwerer Bewachung sei er sich „wie ein Terrorist“ vorgekommen, erzählt der 37-Jährige. „Da ist mir ein Licht aufgegangen: Jetzt muss ich auf die Bremse treten. Resozialisierung - das kommt von einem selber.“ Die drei Stunden Freizeit, die der Anstaltsplan an Wochentagen vorsieht, verbringt der 37-Jährige mit Büchern, DVDs und der Playstation. B. spielt Tennis, geht in den Kraftraum und verfolgt per Fernsehen und mit mehreren Tageszeitungen das Geschehen außerhalb der Anstaltsmauern: „Klar, die Wirtschaftskrise beschäftigt einen - ob man später einen Job bekommt? Aber die Deutsche Bank hat ja jetzt wieder Gewinn gemacht.“

Telefon- und Briefverkehr werden überwacht

Ein gutes Freizeitangebot erhöhe nicht nur die Sicherheit, sagt Anstaltsleiter Bachmann , greift ein zerlesenes Strafvollzugsgesetz vom Schreibtisch und zitiert den Paragraf 3: „Das Leben im Vollzug soll den allgemeinen Lebensverhältnissen soweit als möglich angeglichen werden.“ Deshalb gibt es Fernseher in den Zellen, Telefone auf den Fluren und Besuchsmöglichkeiten, die bei Eheleuten die Gelegenheit zu intimen Kontakten einschließen. „Hier sind schon Kinder gezeugt worden“, sagt Sturhahn-Betsch. Bachmann kennt die Stammtischparolen vom „Kuschel-Vollzug“ und vom lockeren Leben im Gefängnis . Aber er sieht seine Aufgabe nicht darin, ein Bedürfnis nach Vergeltung zu befriedigen: „Im Strafvollzugsgesetz steht nichts von Strafe, sondern von Resozialisierung. Wir dürfen nur die Freiheit entziehen, mehr bestrafen dürfen wir nicht.“ Schließlich sei der Gesellschaft am meisten gedient, wenn ein einstiger Straftäter nach seiner Entlassung nicht mehr rückfällig werde. Zudem ziehen allein schon die Erfordernisse der Sicherheit der Angleichung ans Alltagsleben enge Grenzen.

Telefon- und Briefverkehr werden überwacht, Handys sind verboten, und wenn Gefangene Besuch empfangen, sitzt in der Regel immer ein Aufsichtsbeamter dabei. Es verlangt viel Personal und Geld, die im Schnitt 5200 Insassen der 17 hessischen Gefängnisse an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr zu bewachen, zu verpflegen, gesund zu erhalten und zudem noch zu erziehen. 2800 Vollzugsbeamte, Juristen, Psychologen, Sozialarbeiter, Ärzte, Pfarrer und Lehrer sind nach Angaben des Wiesbadener Justizministeriums im Justizvollzug tätig. Rechnet man noch die Baumaßnahmen mit, kostete etwa im Jahr 2007 jeder Gefangene das Land pro Tag 95,61 Euro - ein Durchschnittswert, den die Hochsicherheitsgefängnisse mit ihrer höheren Personalausstattung deutlich übertreffen. In Schwalmstadt etwa kostet der Hafttag 140 Euro. Für den gesamten Justizvollzug summierten sich die Ausgaben 2007 auf gut 171 Millionen Euro. Davon kamen knapp 14 Millionen durch Eigenbetriebe wie etwa Druckereien und Schlossereien sowie durch Arbeit der Gefangenen für Fremdfirmen wieder herein.

Für Bachmann macht die Gesellschaft dabei ein gutes Geschäft. Er wirft die durch Resozialisierung verhinderten Straftaten in die Waagschale. Denn auch Kriminalität verursacht hohe Kosten - angefangen von den Gerichtsprozessen über die Behandlung der Gewaltopfer bis hin zu Einnahmeausfällen für Steuer- und Sozialkassen. Manuel Willführ will, wenn er dereinst entlassen wird, in dieser Rechnung kein Posten mehr sein. Weit weg von der Stadt, in der sein früheres Leben spielte, eine Arbeit suchen und keinen Ärger mehr machen, lautet sein Zukunftsprogramm. In einem Satz: „Ich will bei Null anfangen.“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare