Fiktion von Sicherheit

Hilfssheriffs in der S-Bahn dürfen nicht helfen

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Die Bierdose in der Hand und auf Krawall gebürstet - wer stoppt ihn?

Frankfurt - Sie fahren regelmäßig S-Bahn? Auch in den Abendstunden? Sie glauben, dass Sie alles richtig machen in puncto Sicherheit? Sie setzen sich stets in den ersten Wagen, also dort, wo abends immer der Mann mit dem roten Barett und dem „DB-Sicherheit“-Schild steht? Von Michael Eschenauer

Falls es Probleme gibt, wird der mir beistehen, denken Sie. Sie könnten sich irren.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Hessen hat auf einen ihrer Meinung nach gravierenden Etikettenschwindel im S-Bahnverkehr des Rhein-Main-Gebiets aufmerksam gemacht. „Bei einem großen Teil der angeblichen Sicherheitsleute handelt es sich um nichts anderes als wandelnde Notrufsäulen“, sagt Gewerkschaftsmann Mathias Venema. Eingesetzt von Subunternehmern der Bahn seien sie von ihrem Einsatzauftrag her mitnichten für die Durchsetzung von Sicherheit und Ordnung verantwortlich, sondern sollten Auskünfte erteilen oder Passagieren beim Ein- und Aussteigen helfen. Bei Auseinandersetzungen dürften sie nur die Kollegen der „DB-Sicherheit“ oder der Bundespolizei verständigen.

Störer, Randalierer oder Schläger

Zudem, so Venema, seien die Mitarbeiter seit April 2012 nur noch als Einzelstreife unterwegs. In einer derartigen Konstellation sei es ihnen kaum möglich, gegen Störer, Randalierer oder Schläger vorzugehen.

„Die Leute befinden sich in einer Zwickmühle“, so der Verdi-Mann. Einerseits hätten sie per Dienstvorschrift die klare Anweisung, sich bei Auseinandersetzungen zwischen Fahrgästen zurückzuhalten. Andererseits gäbe es bei den Männer und Frauen den Impuls, zu helfen, aber auch die Angst, bei Passivität wegen unterlassener Hilfeleistung belangt zu werden.

Ältere Frauen eingesetzt

Es würden sogar ältere Frauen eingesetzt, aber auch junge Männer fühlten sich in diesen Einsätzen oft extrem unwohl. Nicht nur, weil man Störern alleine und ohne Zeugen gegenübertreten müsse, sondern beim geringsten Fehler eine Abmahnung riskiere.

Lesen Sie hierzu auch den Kommentar von Michael Eschenauer

Maximilian Meyer, Sprecher des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) spricht von einer „sehr abgehobenen Debatte“. „Tatsache ist, dass jeder, der abends in der S-Bahn nicht alleine sitzen will, zuverlässig im ersten Wagen ab 21 Uhr einen Servicemitarbeiter finden kann.“ Ab dem Fahrplanwechsel 2014/2015 werde man außerdem die Stundenzahl im Bereich Sicherheit und Service um 25 Prozent anheben, und die S-Bahn-Begleiter gingen bereits um 20 Uhr in Dienst. „Bei uns fahren flächendeckend Begleiter in den S-Bahnen mit, und zwar von Friedberg bis Dietzenbach. Das ist doch ein Wort.“ Es sei ihm kein Fall bekannt, wo es zu Problemen gekommen sei. Sicherheit durch Anwesenheit sei ein Konzept, das sehr gut funktioniert habe. Meyer spricht von einem „stummen Wächter“, der allerdings zugegebenermaßen nicht eingreife.

Sicherheitskraft und Kartenkontrolleur

Bahn-Sprecher Thorsten Sälinger bestätigt dies und ergänzt, schon jetzt seien zwei Drittel aller S-Bahnen abends zusätzlich mit Doppelstreifen aus Sicherheitskraft und Kartenkontrolleur bestückt. In Umfragen sei das Angebot als gut bewertet worden. Auch zahle man den S-Bahn-Begleitern 12,30 Euro obwohl ihnen nur 7,76 Euro laut Tarifvertrag zustünden.

Grundsätzlich trifft man in der S-Bahn auf drei Gruppen an Begleitpersonal. Einerseits Mitarbeiter des eigenen Sicherheitsdienstes der Bahn: Bei ihnen, die in Doppelstreifen unterwegs sind und als Sicherheits- und Ordnungsdienst bezeichnet werden, kann der Fahrgast auf direkte Hilfe bauen. Sie greifen ein, sie setzen das Hausrecht der Bahn durch, dürfen Störer aus dem Zug werfen oder festhalten und die Polizei einschalten.

Verdi kritisiert Arbeitsbedingungen

Daneben gibt es die Gruppe der „S-Bahn-Begleiter“ mit den von Verdi kritisierten Arbeitsbedingungen. Sie tritt zwar ebenso wie die Sicherheitsleute mit waffenscheinpflichtigem Schlagstock, Pfefferspray und Handschellen auf, ist gleichermaßen als Werkschutzkraft ausgebildet, darf aber offiziell nur Serviceaufgaben wahrnehmen. 150 dieser „Scheinriesen“ (Insiderspott) sind in den S-Bahnen unterwegs. Alle tragen den Schriftzug „DB-Sicherheit“.

„Sie als Fahrgast können gar nicht unterscheiden, mit wem Sie es zu tun haben“, so Venema. Die Unterschiede in der Kleiderordnung sind marginal. Die „echten“ Sicherheitsleute tragen Schirmmütze, die Service-Leute, die jeweils einem Zug zugeteilt werden, Barett. Beide sind in blauen Uniformen unterwegs. Als dritte Gruppe gibt es noch die „Prüfer“, also die Kartenkontrolleure.

Ursache der irreführenden Beschriftung sei, so Venema, das Motiv der Bahn, Geld zu sparen. Sicherheitsleute dürften grundsätzlich nur als Doppelstreife unterwegs sein. Wer also weniger Geld ausgeben wolle, dem bleibe gar nichts anderes übrig, als die Leute offiziell zu Service-Mitarbeitern umzudeklarieren. Schätzungsweise spart die Bahn auf diese Weise pro Einsatz-Stunde 20 Euro an Lohnkosten.

Verdi fordert die Wiedereinführung der Doppelstreifen und die offizielle Beauftragung der „Service“-Mitarbeiter mit Sicherheitsaufgaben. Derzeit läuft wieder die Ausschreibung der Bahn für Sicherheitsfirmen, die die S-Bahnbegleiter bereitstellen. Laut RMV-Sprecher Meyer gibt es Überlegungen, die Mitarbeitergruppen „Sicherheit“ und „Service“ künftig besser unterscheidbar zu machen.

Quelle: op-online.de

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