Hinter den Bordell-Kulissen

Frankfurt - Eigentlich haben Frauen, die keine körperliche Liebe verkaufen, in Bordellen nichts verloren. Bei der Frankfurter Bahnhofsviertelnacht machte ein Haus eine Ausnahme. Es ließ Besucherinnen hinein, die normalerweise nichts mit dem Rotlichtmilieu zu tun haben. Der Andrang war riesig.

Die rote Doppeltür zur Taunusstraße steht weit offen, rotes Licht fällt auf die Straße, Plakate versprechen „Girls, Girls, Girls“. Doch an der Tür warnt ein Schild: „Zutritt für Frauen und Jugendliche verboten“. Weibliche Gäste sind in Bordellen unerwünscht - außer wenn sie dort arbeiten. Bei der Frankfurter Bahnhofsviertelnacht am Donnerstagabend aber hatte eine kleine Gruppe Frauen die Möglichkeit, ein sogenanntes Laufhaus zu besichtigen.

21 Bordelle gibt es im Bahnhofsviertel, sagt Juanita Henning vom Verein Dona Carmen, der sich für die Rechte von Prostituierten einsetzt und der die Führung an diesem Abend organisiert hat. An die 1000 Frauen arbeiten nach ihren Angaben in diesen Häusern, der Jahresumsatz soll angeblich zwischen 80 und 100 Millionen Euro liegen. Bestätigt, widerlegt oder korrigiert bekommt man eine solche Zahl nirgends. Das Thema Rotlicht ist eine Grauzone, in die wenig Menschen Einblick haben.

Dementsprechend war das Interesse bei den weiblichen Bahnhofsviertelnacht-Besuchern riesig. Obwohl die Führung nur mit Anmeldung möglich war, drängten sich Massen von Frauen vor dem Büro von Dona Carmen und baten darum, noch mitgenommen zu werden. Auf den wenigen Metern bis zum Bordell wurde die Gruppe immer größer, weil sich ständig neue Frauen einschlichen. Junge Mädchen waren darunter und ältere Frauen mit viel Schminke, Frauen, die man für Feministinnen halten könnte, ein Transvestit und ganz viele Frauen wie Du und Ich.

In gemischten Zonen ist nur Wohnungsprostitution erlaubt

Prostitution ist in Frankfurt nicht grundsätzlich strafbar. Allerdings wird das Gewerbe mit einer „Sperrgebietsverordnung“ räumlich eingegrenzt. Es gibt absolute Sperrzonen, gemischte Sperrzonen und Toleranzzonen, wie bei der Stadt in Erfahrung zu bringen war. In den gemischten Zonen ist nur Wohnungsprostitution erlaubt. Großbordelle, Massagesalons oder Clubs sind nur innerhalb der Toleranzzone zulässig - zum Beispiel im Bahnhofsviertel.

Eine Rezeption suchen die Frauen bei der Führung im Eingangsbereich des Bordells vergeblich. An den Wänden hängen lebensgroße Fotos von Bikinischönheiten, noch könnte das notfalls auch ein Sonnenstudio sein. Eine Treppe führt hinauf in die fünf Etagen des Hauses, entlang an rotgestrichenem und rotbeleuchtetem Rauputz, durch die Luft wabert ein aufdringlicher künstlicher Erdbeerduft.

Die Gruppe biegt nach links ab, in einen für Freier nicht zugänglichen Nebentrakt. An dessen Ende liegt die „Kantine“ des Bordells, ein fensterloser Raum mit Tisch und Eckbank im Landhausstil, einem Kühlschrank mit Glastür, einer Bar mit Obstschale, an der Wand das berühmte Bild von Edward Hopper mit den einsamen Trinkern. Zwei junge Frauen mit Pferdeschwänzen blättern gerade in einem Modekatalog, verziehen sich aber schnell. In Frankfurt müssen sowohl die Betreiber von Bordellen als auch die Beschäftigten eine Gewerbeanmeldung besitzen, erklärt ein Sprecher des Ordnungsamts. „Es gibt aber keine festgeschriebene Form für diese Anmeldung. Da schreibt jeder was anderes rein: Die Frauen „Modell“ oder „Hostess“, die Betreiber „Zimmervermittlung“.“ Daher wisse man „eigentlich nichts“ über die Beschaffenheit der Szene. Das Ordnungsamt verweist auf die Polizei, die Polizei auf das Ordnungsamt.

Pro Zimmer am Tag 130 Euro Miete

Das Haus, das zur Bahnhofsviertelnacht weibliche Gäste empfing, sieht sich in der Tat als eine Art Hotel. Die Frauen müssten pro Zimmer am Tag 130 Euro Miete zahlen, erklärt ein Mann, der sich „Wirtschafter“ nennt. Über Preise und Dienstleistungen verhandelten die Damen dann selbstständig. „Laufhaus“ heißt ein solches Bordell, weil die Kunden im Haus herumlaufen, bis sie sich mit einer der Damen geeinigt haben und sich die Zimmertüre schließt.

In den letzten Jahren seien extrem viele Bulgarinnen und Rumäninnen in die Bahnhofsviertel-Bordelle gekommen, sagt Fabienne Zwankhuizen von der Beratungsstelle Tamara. Traditionell arbeiteten dort viele Latinas und Thailänderinnen, „deutsche Frauen gibt es extrem selten in den Häusern“. Viele Frauen kämen immer nur für eine kurze Zeit nach Frankfurt. „Die Fluktuation in den Häusern ist unheimlich hoch.“ Gerade die Osteuropäerinnen könnten oft kein Deutsch - ein Problem, findet Tamara: „Wenn man nicht verhandlungssicher ist, wird man sehr schnell ausnutzbar.“

Zur Sicherheit der Frauen gibt es in jedem Stockwerk Videokameras, erklärt der Wirtschafter und zeigt auf die Monitore in einem Überwachungsraum. Sieben kleine Bildschirme hängen im Kreis um einen großen Flachbildschirm, auf dem gerade eine Tierdokumentation läuft. Für Voyeure ist das nicht ergiebig: Die Schwarz-Weiß-Monitore zeigen Flure und Treppen und schemenhafte graue Gestalten. Die 34 Zimmer sind nicht zu sehen. „Was die Frauen dort tun, handeln sie selbst mit den Freiern aus“, erklärt Annette, eine derbe Frau mit Reibeisenstimme, die man durchaus als Puffmutter bezeichnen könnte. Sie arbeitet nicht in dem Haus in der Taunusstraße, sondern vermietet Zimmer in einer Privatwohnung. Während der Führung beantwortet sie die zahlreichen Fragen der weiblichen Gäste. „25 Euro für 15 Minuten sind das Minimum“, sagt Annette, eine halbe Stunde kostet 50, eine ganze 100 Euro. „Im Durchschnitt hat eine Frau neun Freier am Tag.“

Mischung aus 80er Jahre und Mädchenzimmer

Im Zimmer des Wirtschafters hängen 34 mit roten Märkchen versehene Schlüssel an einem Holzbrett. Wie diese Zimmer aussehen, dürfen sich die Besucherinnen jetzt anschauen. Der Stil wirkt wie eine Mischung aus 80er Jahre und Mädchenzimmer: Spiegelfliesen an der Wand, geometrische Stühle, ein schwarzer Schrank - Lichterketten und Girlanden, künstliche Blumen, ein orientalischer Überwurf über dem wackelig wirkenden Bett. Auf dem Nachttischchen eine Küchenrolle, Babyöl, Duftspray. In der Ecke eine Metallschatulle mit Schloss: die Kasse.

Das Problem, sagt Juanita Henning von Dona Carmen, sei, „dass das Gewerbe über das Strafrecht und nicht über das Arbeitsrecht geregelt wird“. Wenn beispielsweise ein Freier nicht bezahlt, sei es für die Frauen schwer, das Geld einzuklagen. Der Verein setzt sich dafür ein, dass Prostitution als freiberufliche Tätigkeit anerkannt wird.

Im Vergleich zu vor 15 Jahren seien die äußeren Arbeitsbedingungen deutlich besser geworden, sagt Beraterin Zwankhuizen. „Damals waren die Bordelle in einem grauenhaftem Zustand.“ Heute hätten die meisten Zimmer im Bahnhofsviertel ein eigenes Bad. Über die inneren Arbeitsbedingungen der Frauen - ob sie Geld an Zuhälter abgeben müssen oder zu dieser Arbeit gezwungen werden - wissen auch die Tamara-Mitarbeiterinnen wenig. „Die Frauen sind extrem misstrauisch.“

Es geht zu wie bei einem Straßenfest

Die Freier, denen die Frauen-Gruppe auf der Treppe zurück nach unten begegnet, sind irritiert. Der Wirtschafter wird nervös und scheucht die weiblichen Gäste auf die Straße. Dort geht es an diesem Abend zu wie bei einem Straßenfest. Zwischen Bordellen und Bahnhofsmission, Banken und Bars schlendern Tausende umher und erkunden einen Stadtteil, den die meisten Frankfurter früher gemieden haben. Heute buchen sie zur Bahnhofsviertelnacht eine Stadtführung.

In den vergangenen Jahren hat sich viel getan im Quartier. Vor allem junge Kreative haben den Stadtteil für sich entdeckt. Zwischen persischen Imbissen, indischen Juwelieren, türkischen Frisören, zwischen Moscheen und Freimaurerloge, zwischen Drogenhilfeeinrichtungen und Bankentürmen haben sich trendige Bars etabliert, Künstler haben in Hinterhöfen Ateliers eingerichtet, ein Polizeirevier wurde zum Studentenwohnheim umgebaut. Aber die Bordelle sind geblieben.

dpa

Quelle: op-online.de

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