HipHop-Queen Nicki Minaj in Festhalle

Die berühmteste Kehrseite des Rap

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Die wohl einflussreichste Rapperin der Geschichte, meint die „New York Times“: Nicki Minaj.

Frankfurt - Butts, Boobs, Beats und ein bisschen Königin Salomé - die berühmt-berüchtigtste Kehrseite der Rap-Hemissphäre macht auf ihrer „The Pinkprint“-Welttour Station in der Frankfurter Festhalle. Von Peter H. Müller 

Nicki Minaj setzt bei ihrem „arschgeilen“ Live-Spektakel vor allem auf provokant-laszive Erotik, unverschleierte Powerfrau-Statements und derben Spaß. Das „brave“ weiße Amerika hat Taylor Swift - Lady Nicki aber erzählt uns jetzt den schön schmutzigen Rest. Ein neuer kurviger Pop-Feminismus? Vielleicht. Sicher ist: Derweil man noch staunend grübelt, kreischen sich rund 10.000 enthemmte Fans in den Kreislauf-Kollaps - so sie nicht schon während des langen Wartens auf die HipHop-Queen in Ohnmacht gefallen sind. Und die Erkenntnis „Sex sells“ zementiert sich mit jeder weiteren Twerking-Einlage. Tja, wer auch immer glauben wollte, Miley Cyrus habe auf ihrer völlig versexten „Wrecking Ball“-Tour das schlüpfrigste aller Kopfkino-Themen schon bis zum Anschlag ausgereizt, wird von der männerfressenden „Anaconda“ nun eines Besseren belehrt.

Kein Zweifel: Onika Tanya Maraj (32), von der „New York Times“ zur „wohl einflussreichsten Rapperin der Geschichte“ gekürt, ist die derzeit heißeste Nummer der Szene. Ihr „Wackel mit dem Hinterteil“-Sprechsing-Imperativ „Anaconda“ (nein, es geht mitnichten um die besagte Riesenschlange) wurde auf YouTube sagenhafte 400 Millionen Mal geklickt, via Twitter jubilieren inzwischen fast 20 Millionen Follower und ihre CDs gehen weg wie warme Semmel. Warum? Weil eine stets unberechenbare Kunstfigur unter ihrem programmatischen, an die gute alte „Ménage à trois“ angelehnten Künstlernamen das Testosteron-geschwängerte Genre mal eben auf Monsterpumps und „Bitch“-Reime gestellt hat.

Gnadenlos sexualisiert, zu gleichen Teilen (selbst-)ironisch wie selbstbewusst, mal blonde Kitsch-Barbie, mal brünette Geisha, dann wieder coole Domina: Nicki Minaj kann eine atemberaubende Rapperin sein. Und nie ist zu prognostizieren, ob sich die einschlägigen HipHop-Machos oder doch eher die Hörer vor dem nächsten Verbalangriff der Kurvenkönigin fürchten sollten. Bis die Implantat-bewehrte Popo-Live-Party in der Festhallen-Sauna endlich steigt, braucht es allerdings sehr viel Ausdauer. Und Geduld.

Gegen 21.45 Uhr - ein DJ-Team, später dann Womanizer Trey Songz (mit seinem neuen Album „Trigga“), haben die Halle zum Kochen und die teilweise seit mehreren Stunden harrenden Fans in Stimmung gebracht - wird die Queen of Rap dann endlich zu „All Things Go“ aufs Podest gehievt. Noch halbwegs in sehr transparenten Stoff gehüllt. Aber nach dem Gesichtsschleier fallen dann zu „I Lied“ und „The Crying Game“ sukzessive natürlich auch (fast) alle übrigen Hüllen - wenn nicht gleich das komplette Role-Model-Outfit gewechselt wird.

Das zweistöckige, rundum per Videowand umrahmte Bühnen-Setting ist dagegen übersichtlicher: Zwei Synthesizer-Stationen, ein Drummer-Turm, der Rest des Sounds kommt aus der Konserve - was nicht verwundert, denn Tracks wie „Bang Bang“ oder „Turn me On“ brauchen eben die Playback-Anteile von Jessie J und David Guetta. Ganz nebenbei kann auch Miss Minaj, ohnehin von einer fleißigen Tabledance-Crew und Background-Sängerinnen flankiert, immer mal ihren Gesangs-Part unterbrechen. Immerhin: Ihre teilweise schwindelerregend rasenden Rap-Passagen sind nicht getürkt.

Und: „King Nicki“, wie sie von der Fangemeinde gern genannt wird, hat auch musikalisch durchaus etwas zu bieten. Ihr - nun ja - Akustik-Teil mit R&B-Balladen wie „Marilyn Monroe“ oder „Grand Piano“ klingt in der Tat mehr nach Musik als nach fiebrigem HipHop-Rhythmus für die nächste Hinternwackelei. Und das Beyoncé-Cover „Flawless“ hat man auch schon übler gehört. Lassen wir also alle Spekulationen zum Silikon-Anteil in diesem fast schon Cartoon-mäßig (aus)geformten Körper, lassen wir die gern gezogenen Vergleiche zu Lady Gaga und das Jammern über eine durchchoreografierte Show, die kaum Raum für Spontanes lässt.

Nicki Minaj, die sich in ihrer neuesten „Pinkprint“-Inkarnation sogar mal vergleichsweise introspektiv bis emotional gibt, von gebrochenem Herzen oder vergeblicher Flucht in Pillen und Zaubertränke erzählt, schafft in ihrer hypersexualisierten Zirkus-Show trotzdem einen bemerkenswerten Spagat: Sie ist schrille Kunst-Kultfigur, die toughe Antithese zu all den tätowierten Machismen ihres Genres - und, wenn ihr Allerwertester den Blick mal nicht verstellt, suggeriert sie sogar glaubhaft, dass man ihre beste Seite noch gar nicht gesehen hat.

Quelle: op-online.de

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