Die alltägliche Wahrheit

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„Irgendwann trifft jeder junge Mensch auf einen HIV-Infizierten“

Frankfurt - Am meisten vermisst Hans, „körperlich fit zu sein und richtig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können“. Er arbeitet nicht, musste sein Schreibwarengeschäft vor vielen Jahren aufgeben, kann die Kraft für einen Vollzeitjob nicht aufbringen. Von Domenico Sciurti

„Im Alter kommt immer mehr das Alleinsein“, erklärt er. Aus dem normalen Leben hat ihn eine Krankheit gerissen: Hans ist seit mehr als 25 Jahren HIV-positiv. Es gab Zeiten, in denen er seine Beerdigung plante.

Zum Leben hat Hans nach eigenen Angaben monatlich nur etwas mehr als den Hartz IV-Satz. Er sei auf Klamotten-Spenden von Freunden angewiesen, könne sich Theater- und Konzertbesuche nicht leisten. Die Ausgaben für einen Kaffee in der Bar müsse er genau planen. Es sei schwer, so mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Seit dieser Woche ist Hans’ Geschichte an sechs Stellen in Frankfurt zu hören. Der 52-Jährige ist einer von sechs Menschen, die für das Audio-Projekt der Aids-Hilfe Frankfurt „Stimmen in der Stadt“ von sich und ihrer HIV-Erkrankung erzählen.

Bis Mittwoch ertönen die Geschichten von ihm, Wolfgang, Peter, Ilona, Felix und Bernd in einer Schleife, 24 Stunden lang, aus Lautsprechern an der Konstablerwache, der Hauptwache, am Uhrtürmchen in Bornheim Mitte, auf der Biebergasse und am Eisernen Steg. Vorbild ist ein gleichnamiges Projekt in Berlin im Jahre 2010.

„Schuldgefühle, Scham und niedriges Selbstbewusstsein“

„HIV ist mit Schuldgefühlen, Scham und niedrigem Selbstbewusstsein verbunden“, sagt Projektleiter Thorsten Berschuck. Die Erzählungen zeigten, wie es sich mit der Krankheit lebe und welche Probleme die Betroffenen beispielsweise auf der Arbeit oder in einer Partnerschaft hätten. Das Audio-Projekt „Stimmen in der Stadt“ erzählt aus dem Leben der HIV-Infizierten. Es sind Protokolle einer Wahrheit, die Tag für Tag ertragen werden muss. Ziel sei, aufzuklären und ein Umdenken zu erreichen, sagt Berschuck. „Die Hörer gleichen die Bilder über HIV in ihren Köpfen mit dem Gehörten ab und können sich dann fragen: Sind die noch aktuell?“

Hans möchte aufklären: „Es geht nicht nur um Schutz“, sagt er. „Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, mit wie vielen Problemen ein HIV-Positiver konfrontiert ist.“ Tägliche Medikamenteneinnahme, Probleme auf der Arbeit, Unverständnis in der Öffentlichkeit. Bewusstsein zu schaffen versuche er mit „Stimmen in der Stadt“ und anderen Projekten. Hans arbeitet ehrenamtlich für die Aids-Hilfe, betreut beispielsweise HIV-Positive, die jünger als 25 Jahre alt sind. Außerdem besucht er Schulklassen, lädt sie manchmal sogar zu sich nach Hause ein, um deren Fragen zu beantworten. „Junge Menschen werden in ihrem Leben irgendwann mal auf einen Positiven treffen“, sagt Hans. Bei seiner Arbeit wolle er nicht den mahnenden Finger erheben. „Wenn sie den Alltag von Positiven verstehen, gehen sie respektvoller ihnen um.“ Außerdem würden sie dann auch mehr auf sich selbst aufpassen.

Vor mehr als 25 Jahren nicht vorsichtig genug

Hans war vor mehr als 25 Jahren nicht vorsichtig genug. Er hatte ungeschützten Sex. Nach einer Routine-Untersuchung habe ihm der Arzt die Nachricht übermittel, die sein ganzes Leben verändern sollte: HIV-positiv.

Hans brauchte lange, um den Schock zu verarbeiten. Erst nach einem Jahr vertraute er sich seiner Mutter an, nach vier Jahren seinen Freunden. Obwohl Hans darauf besteht, dass ein Test nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Betroffenen gemacht werden darf, ist er doch froh, dass er es damals auf diese Weise herausgefunden hat. „Ich wär’ wahrscheinlich nie zum Test gegangen“, sagt er. Jahre nach der Diagnose erkrankte Hans an Aids. „Ich hatte schon meine eigene Beerdigung geplant“, erzählt er, so schlimm habe es um ihn gestanden. Dann rettete ihn die Kombinationstherapie.

Wer ihn angesteckt habe, sei unwichtig. „Zum Sex gehören immer zwei.“ Lernen mit der Krankheit umzugehen, sei wichtiger, betont er. Dennoch: „Jeder sollte regelmäßig einen Test machen.“ Nicht nur zum Eigenschutz, sondern gerade auch zum Schutz der anderen. Viele ließen sich nicht testen, weil sie sich im Falle eines positiven Befundes eingestehen müssten, dass sie andere in Gefahr gebracht hätten. Der Fall Nadja Benaissa habe gezeigt, dass man „als HIV-Positiver quasi mit einem Bein im Knast steht“, sagt er. Die ehemalige „No Angels“-Sängerin wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, weil sie ungeschützten Sex mit Männern hatte, obwohl sie von ihrer HIV-Infektion wusste.

Medizin heute auf einem guten Stand

Die Medizin sei heute auf einen guten Stand, die Ansteckungsgefahr könne auf ein Minimum reduziert werden, sagt Hans. Heute könnten HIV-Infizierte fast normal leben. Den Ratsuchenden bei der Aids-Hilfe sagt er immer: „Du kannst studieren gehen. Du kannst reisen.“ Der 52-Jährige versucht Hoffnung zu geben und Angst zu nehmen. Er kämpft gegen die Krankheit seiner Schützlinge, und darf die seine nie vergessen. Auch er führe heute ein fast normales Leben, habe in den 25 Jahren seiner Infektion sogar vier feste Partner gehabt. „Die sind alle ‘negativ’ in die Beziehung reingegangen, und ‘negativ’ wieder rausgekommen.“, erinnert er sich. „Doch die Angst vor Ansteckung ist auf beiden Seiten immer da gewesen. Diese Angst schränkt das Leben dann doch ein“, sagt Hans. Wenn er sich vor mehr als 25 Jahren nicht mit HIV angesteckt hätte, er stünde heute mitten im Leben, stellt er sich vor. Vielleicht hätte er seinen Laden noch, hätte ihn sogar womöglich vergrößert. „Mit dem Alter wird man nachdenklicher“, resümiert er. Bei Freunden gelte er als lebensfroh. Doch glücklich, sagt Hans, sei er nicht.

‹ Mehr Infos und alle Interviews zu „Stimmen in der Stadt“ auf www.stimmeninderstadtfrankfurt.de.

Quelle: op-online.de

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