„Antrieb nicht verlieren“

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Mit der Diagnose HIV-positiv gehen die Menschen ganz unterschiedlich um. Bohl hilft den Betroffenen.

Frankfurt - Jeder Infizierte ist einer zu viel. Diese Einstellung teilt auch Michael Bohl. Doch werde selbst bei der allerbesten Prävention, die Zahl derer, die sich jährlich mit HIV infizieren, nicht wesentlich zu drücken sein, meint der Sozialarbeiter und Familientherapeut.

Die derzeitige Zahl der Neuansteckungen sei „moderat“, ergänzt er. Seit 20 Jahren berät Bohl Menschen, die das Immunschwächevirus in sich tragen. Im Interview mit Domenico Sciurti spricht er über seine Erfahrungen als Berater bei der Aids-Hilfe Frankfurt in der Friedberger Anlage.

Herr Bohl, wieso arbeiten sie für die Aids-Hilfe?

Ich bin 1992 von der Jugendhilfe in Mainz zur Aids-Hilfe nach Frankfurt gewechselt. Als schwuler Mann fühlte ich, dass das Thema nahe an meiner eigenen Biografie liegt. Damals wusste man noch nicht so viel über Aids wie heute und die Not war groß. Ich begriff das Thema wohl als persönliche Herausforderung.

Nahe an der Biografie eines schwulen Mannes? HIV ist aber keine Infektion, die sich auf Schwule beschränkt.

Nein. Auch wenn damals wie heute HIV und Aids noch sehr oft mit dem Schwulsein verbunden wird. Als Aids die ersten Male auftauchte, sprach man sogar von Schwulenkrebs. Heute weiß man es besser: Aids ist keine Schwulenkrankheit. Dennoch sind mehr Homosexuelle als Heterosexuelle mit HIV infiziert: etwa 75 Prozent der neu Infizierten in Deutschland sind Männer, die Sex mit Männern haben. In vielen anderen Ländern kann man das allerdings nicht so sagen.

Wieso gibt es denn mehr Homosexuelle als Heterosexuelle mit HIV?

Genau wird man das wohl nie wissen. Sagen kann man aber, dass die Wahrscheinlichkeit, sich als homosexueller Mann mit HIV zu infizieren, sehr viel höher ist, als die für einen Heterosexuellen. Die Gruppe der Homosexuellen ist ja auf die Bevölkerung gesehen sehr viel kleiner und der Anteil an HIV-Infizierten in dieser Gruppe ist schon seit jeher sehr viel höher. Dadurch ist hier auch die Wahrscheinlichkeit sehr viel höher, auf einen HIV-Infizierten zu treffen. Hätten Heterosexuelle die gleiche Wahrscheinlichkeit, wäre die Zahl der Infektionen dort auch höher.

Im Groben lässt sich das so sagen und relativiert sich dann womöglich wieder an den Bedingungen jedes Einzelfalls.

Was sollten Menschen tun, wenn sie erfahren, dass sie HIV-positiv sind?

Sie sollten unter anderem sich zeitnah an einen Spezialisten wenden. In Frankfurt gibt es zwei große HIV-Schwerpunktpraxen und andere erfahrene Berater. In der Uniklinik Frankfurt gibt es das HIV-Center. Bei den Ärzten bekommen sie dann erst einmal ihre Basis-Informationen und die Blutwerte werden gecheckt.

Was genau wird im Blut untersucht?

Zum einen vor allem die CD4-Helferzellen. Das sind die Zellen, die dafür sorgen, dass das Immunsystem den Körper verteidigen kann. Der Wert dieser Zellen muss hoch sein. Zum anderen wird die Virusbelastung ermittelt. Die sollte niedrig sein. Sind die Werte gut, wird nichts Weiteres unternommen. Der Patient sollte sich dann aber etwa alle drei Monate untersuchen lassen. Verschlechtern sich die Werte deutlich, insbesondere bei einem Abfall der CD4-Helferzellen unter 200 pro Mikroliter Blut und haben sich die HI-Viren deutlich vermehrt, wird die Einnahme von Medikamente empfohlen.

Seit knapp drei Jahren bietet die Aids-Hilfe Frankfurt einmal wöchentlich einen Aids-Schnelltest an. Müssen sie oft die schreckliche Nachricht von einer HIV-Infektion übermitteln?

Wie übermitteln nicht. Das machen unsere Ärzte. Und das kommt glücklicherweise nicht so oft vor. In einem Jahr sind es etwa zehn bis zwölf positive Testergebnisse. Aber nach der ersten Diagnose sind wir schnell die Ansprechpartner.

Wie kommen diese Menschen mit der Diagnose zurecht?

Sie reagieren ganz unterschiedlich. Manche ahnen es schon vorher. Haben vielleicht ein ausschweifendes Sexualleben und haben sich mit einer möglichen Infektion schon auseinandergesetzt. Die gehen natürlich anders damit um, als diejenigen, die damit nicht gerechnet haben. Manche fallen in ein emotionales Loch. Schließen sich zu Hause ein. Isolieren sich. Das Vertrauen zu anderen Menschen geht mitunter verloren. Einige infizieren sich in ihrer Partnerschaft. An einem bestimmten Punkt ihrer Beziehung entscheiden sie sich, ungeschützten Sex zu haben. Und dann sind sie plötzlich HIV-positiv. Ganz schwierig ist es oft, wenn sie erfahren, dass der Partner von seiner Infektion wusste.

Wie fühlen Sie sich, wenn die Nachricht übermittelt wird?

Pauschal ist das nicht zu beantworten. Es ist sehr unterschiedlich. Aber es bleibt auch nach all den Jahren, salopp gesagt, ein beschissenes Gefühl.

Wie helfen Sie den Betroffenen?

Ich erkläre oft, wie die medizinische Versorgung aktuell funktioniert und unterstütze sie bei den vielen möglichen rechtlichen Fragestellungen. Das kann das Arbeitsrecht sein, Rentenfragen, Fragen zum Krankenversicherungsschutz und vieles mehr. Erst einmal ist es ja wichtig, dass sie möglichst alles haben und behalten, was sie zum Leben benötigen.

Ich rede außerdem viel mit ihnen. Manche verlieren ihren Antrieb weiterzumachen. Können keine Leistung mehr für ihren Job aufbringen. Manche haben Selbstmordgedanken. Oftmals erzählen die Betroffenen keinem von ihrer Infektion. Im Alltag müssen sie sich dann sehr kontrollieren. Hier im Beratungsraum können sie diese Kontrolle fallen lassen. Manchmal hilft schon eine Stunde, um falsche Vorstellungen zu relativieren und Ängste abzubauen. Um deutlich zu machen, dass ein gutes Leben mit HIV absolut realistisch ist.

Quelle: op-online.de

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