Auf Hochglanz polierte Raritäten

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Ein Bergmann-Automobil aus dem Jahr 1898

Frankfurt - „So viel Liebe zum Detail, und das bei einem Alltagsgegenstand!“ Jürgen Stahlhebers Blick ruht voller Bewunderung auf einer alten Singer-Nähmaschine mit breiten Fußbrett für den mechanischen Antrieb und feinziseliertem Jugendstil-Dekor auf dem schwarzglänzenden Gehäuse. Von Barbara Goldberg

Der Geschäftsführer der Fritz Hochhut GmbH, einem 100 Jahre alten Frankfurter Traditionsunternehmen, das Baumaschinen vertreibt, kann zu fast jedem Exponat der Technischen Sammlung Hochhut eine eigene Geschichte erzählen. Ein Motorrad, eine DKW RT 125, Baujahr 1956/57, hat Stahlheber sogar selbst restauriert. Zwei Jahre hat er dafür gebraucht, manchmal hat er die ganze Nacht in der Werkstatt zugebracht. Jetzt steht die Maschine, auf Hochglanz poliert und fahrbereit, mitten in der großen Halle, als warte sie darauf, dass jemand aufsteigt und mit ihr davonbraust.

Mit dem früheren Inhaber der Firma, dem 2001 verstorbenen Fritz Hochhut, der die Sammlung als Privatmann angelegt hatte, teilte Stahlheber die Liebe für alte Motoren, Apparate und Maschinen. „Wenn der Chef und ich früher unterwegs waren und irgendwo einen Schrottplatz entdeckten, haben wir sofort angehalten und uns umgeschaut.“ In einer großen Garage horteten sie zunächst ihre Fundstücke. Doch für Hochhuts Sammelleidenschaft reichte dieses Domizil schon bald nicht mehr aus, schließlich gehörte irgendwann auch eine echte Dampfmaschine dazu (bis heute gewaltigstes Prunkstück der Sammlung), sowie etliche Oldtimer, ein alter Kranwagen und ein 4000 PS starker Bootsmotor. Um diese Schätze zusammenzuhalten und um sie Interessierten zugänglich zu machen, wurde bereits zu Lebzeiten Hochhuts eine Stiftung für die Technische Sammlung gegründet. Bald fand man dafür in der ehemaligen Frankfurter Mercedes-Benz-Niederlassung an der Ecke Frankenallee/Hattersheimer Straße auch ideale Räumlichkeiten. Doch dann starb, einige Jahre nach Hochhut, dessen Werkstattmeister Michael Wolf, der so etwas wie die Seele der Sammlung war.

Nun haben sich Thomas Bernard, der Anwalt der Familie Hochhut, Jürgen Stahlheber und Tomica Maladenovic als amtierender Stiftungsvorstand mit neuem Schwung daran gemacht, den ins Stottern geratenen Motor wieder anzuwerfen. Aber ein Museum schwebt ihnen dabei nicht vor, das wäre mit ihrem ehrenamtlichen Engagement auch gar nicht zu leisten. „Klein, aber fein“, soll die Sammlung mehr im Verborgenen glänzen; Besucher müssen sich telefonisch anmelden. Aber dann wird ihnen wirklich etwas geboten, ohne dass man dafür Eintritt zahlen muss.

Straßenzugmaschine Lanz Gummi-Mops aus dem Jahr 1923

Wer ein altes Motorrad, Auto oder irgend eine andere technische Rarität besitzt, soll in Zukunft in den rekonstruierten historischen Werkstätten nach Lust und Laune schrauben, sägen, polstern, ölen, feilen und reparieren können. Sogar eine eigene Sattlerei, in der man die Lederpolster seines Oldtimers aufarbeiten kann, wird eingerichtet. Die Fachbibliothek lädt zum Stöbern und Schmökern ein und wird von einer Gruppe technikbegeisterter Rentner bereits intensiv genutzt. Schulklassen sind ebenfalls willkommen und können eine Führung buchen.

Gleich am Eingang ragt die gewaltige Dampfmaschine wie ein Koloss bis zur Decke auf. Damit sie mit ihrem Gewicht nicht einbricht, musste eigens der Boden unter ihr verstärkt werden. Dampf produziert sie nicht mehr, aber wenn man ein Geldstück einwirft, setzt sich das Schwungrad schnaufend und stampfend in Bewegung – Musik in den Ohren jedes Nostalgikers. Im Gegensatz zur Dampfmaschine sind fast alle Oldtimer noch fahrtüchtig, ja, man könnte einfach einsteigen und losfahren, da die meisten sogar für den Straßenverkehr zugelassen sind, wie auch das Automobil der Firma Bergmann Gaggenau von 1898, „das zweitälteste verkehrstaugliche Auto in ganz Deutschland“, wie Stahlheber nicht ohne Stolz erzählt. Bei einer Spritztour über die Frankenallee müsste man sich allerdings ein wenig umstellen. Denn statt eines Blinkers findet man bei vielen Oldtimern an der Außenseite eine Art Köcher, in dem eine Kelle mit rotem Kreis steckt, die nach links oder rechts aus dem Seitenfenster hinausgestreckt wird.

Besonders schön ist die Anekdote, die Stahlheber über den quietschgelben Citroen Tornado erzählen kann. „Wussten Sie, woher die Redewendung: ,Das ist doch das Gleiche in Grün!’ stammt?“, fragt er mit verschmitztem Lächeln. „Aus einem ganz frühen Plagiatsprozess. Das nämlich soll der Richter damals ausgerufen haben, als er den berühmten Opel Laubfrosch mit dem älteren Modell Citroen Torpedo verglich – und die verräterische Ähnlichkeit zwischen beiden entdeckte.“ Als wirklich überholt muss indes ein hohes Damen-Rad aus dem Jahr 1876 gelten, an das vorsorglich ein extra Stützrad angebracht wurde, weil der männliche Konstrukteur Radlerinnen nicht zutraute, das Gleichgewicht halten zu können. In diesem Punkt scheint das Verhältnis der Geschlechter heute besser ausbalanciert zu sein.

Informationen zur Sammlung unter:

www.technische-sammlung-hochhut.de

Anmeldung zur Besichtigung jeweils mittwochs von 10 bis 12 Uhr unter der Rufnummer 069 7392796.

Quelle: op-online.de

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