Deutschförderung für Flüchtlingskinder

Höchste Anspannung an den Schulen

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Nach sechs Wochen Sommerferien beginnt für die etwa 800 000 Schüler und rund 60 000 Lehrer in Hessen Montag wieder der Alltag im Klassenzimmer.

Offenbach - Unterricht für Zuwanderer- und Flüchtlingskinder ist für Kultusminister Alexander Lorz (CDU) die größte Herausforderung in dem am Montag beginnenden neuen Schuljahr 2015/16. Dafür sollen von Anfang an 100 neue Intensivklassen eingerichtet werden.

Aber auch in anderen Bereichen kommen auf Hessens Schulen Veränderungen zu. Vor Schuljahresbeginn am Montag herrscht an den meisten Schulen des Landes höchste Anspannung. Die unerwartet große Zahl schulpflichtiger Flüchtlingskinder bereitet vielen erhebliche Kopfschmerzen. Kultusminister Lorz räumte ein, dass im Verlauf des Schuljahrs noch viel improvisiert werden müsse. Schließlich sei noch nicht abzusehen, wie viele Flüchtlingskinder bis Sommer 2016 hinzukommen werden.

Wichtige Weichenstellungen im neuen Schuljahr:

BESONDERE SPRACHFÖRDERUNG: Insgesamt soll es im neuen Schuljahr landesweit 399 Intensivklassen geben, in denen vorrangig deutsche Sprachkenntnisse vermittelt werden. Damit stehen laut Lorz allein an den allgemeinbildenden Schulen Intensivklassenplätze für rund 6 000 Schüler und damit gut 1 600 mehr als bisher zur Verfügung. Hinzu kommen weitere Intensivkurse vor allem im ländlichen Bereich.

In die Intensivklassen gehen maximal 16 Kinder. Sie haben in der Grundschule 18 Wochenstunden, in den höheren Klassen 22. Daneben sollen sie möglichst am normalen Musik, Sport- und Kunstunterricht teilnehmen Das Angebot gilt für alle Kinder, die nicht genug Deutsch können, um eine normale Schulklasse zu besuchen. Neben den Flüchtlingen sind dies auch Zuwanderer aus den EU-Ländern, vor allem Rumänen und Bulgaren. Sobald die Kinder ausreichende Deutschkenntnisse erworben haben, wechseln sie in Regelklassen. Neu sind im Schuljahr auch die berufsbildungsorientierten Klassen für 16- bis 18-jährige Zuwanderer und Flüchtlinge ohne ausreichende Deutschkenntnisse im Programm „Integration und Abschluss“ ebenfalls mit Intensivunterricht.

SCHÜLERZAHL: Eingeschult werden in der kommenden Woche hessenweit 53 000 Erstklässler und damit etwas mehr als im vergangenen Schuljahr. Die Gesamtschülerzahl an den gut 1 800 Schulen im Land ist mit rund 760 000 erneut rückläufig.

LEHRER: Mit Blick auf die vielen Flüchtlingskinder schloss Minister Lorz auch die Reaktivierung pensionierter Lehrer oder eine Umschulung von Lehrkräften mit anderen Fächern für solche Deutschkurse nicht aus. Bereits im vergangenen Schuljahr seien an den Schulen im Land Ressourcen für rund 10 000 Seiteneinsteiger-Schüler geschaffen worden. Kultusminister Lorz betonte auch, trotz rückläufiger Schülerzahlen bleibe diese „demografische Rendite“ in den Schulen, es würden keine Lehrerstellen abgebaut. Es gibt aber Umsetzungen von Stellen aus den Grundschulen und gymnasialen Oberstufen für neue Programme. Dazu zählen neben den Deutsch-Intensivklassen etwa der Ausbau der Inklusion, der Ganztagsschulen und des sogenannten Sozialindexes mit mehr Lehrkräften oder Sozialpädagogen in Schulen mit besonders schwierigen sozialen Bedingungen.

INKLUSION: Für die Inklusion, das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern in der Schule, wird das Land mehr Lehrerstellen einsetzen. Für die Unterrichtung behinderter Schüler in Regelschulen gehen mit den Städten Frankfurt, Hanau und Kassel sowie den Landkreisen Groß-Gerau und Main-Kinzig fünf neue Modellregionen „Inklusive Bildung“ an den Start. Im Ministerium heißt es: Die allgemeinen Schulen werden in diesem Prozess nicht allein gelassen. Sie erhalten sonderpädagogische Unterstützung durch den Einsatz von Förderschullehrkräften. Im kommenden Schuljahr stehen dafür rund 2 000 Förderschullehrerstellen zur Verfügung.

ISLAMISCHER RELIGIONSUNTERRICHT: Ausgebaut wird auch der bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht mit nunmehr 46 Schulen und mehr als 2 000 Schülern der Klassen 1 bis 3. Davon kommen acht Schulen und 750 Schüler neu hinzu. Als erstes Bundesland hatte Hessen im Schuljahr 2013/2014 den islamischen Religionsunterricht eingeführt.

ISLAMISCHES KOPFTUCH AN ÖFFENTLICHEN SCHULEN: In Hessen soll das Tragen eines islamischen Kopftuchs in öffentlichen Schulen nur noch in konkreten Einzelfällen verboten werden können. Lorz legte gestern einen entsprechenden Erlass vor, der mit Beginn des neuen Schuljahres in Kraft tritt. Das Bundesverfassungsgericht hatte im Januar ein generelles Kopftuchverbot gekippt, da es gegen die grundgesetzlich geschützte Glaubens- und Bekenntnisfreiheit verstoße. Die Entscheidung Anfang des Jahres bezog sich zwar auf eine Regelung im nordrhein-westfälischen Schulgesetz, doch findet sich im hessischen Schulgesetz eine vergleichbare Regelung. Der Erlass soll nun dafür sorgen, dass die Regelung künftig gemäß den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts ausgelegt wird. Dies bedeutet, dass der jeweilige Einzelfall geprüft werden muss. Ein Kopftuchverbot käme nur noch unter bestimmten Umständen infrage, etwa im Falle einer konkreten Gefahr oder einer Gefährdung des Schulfriedens. Lorz sagte aber, ihm sei kein Fall bekannt, wo ein solcher Antrag als Störung des Schulfriedens eingestuft worden sei.

G8/G9: Die Zahl der G8-Gymnasien geht weiter zurück. Nur noch 20 Schulen in Hessen werden ein Abitur nach acht Jahren (G8) anbieten. Dabei handelt es sich um 17 reine Gymnasien und drei kooperative Gesamtschulen. Im abgelaufenen Schuljahr hatte es 170 Schulen mit G9- und 33 mit G8-Angebot im Land gegeben. Bei 18 Schulen lief der Schulversuch mit einem Parallelangebot.

PAKT FÜR DEN NACHMITTAG: An 57 Grundschulen im Bundesland in sechs Pilotregionen wird eine verlässliche Betreuung der Kinder von 7.30 Uhr bis 17 Uhr erprobt. Das Land arbeitet dabei mit den Landkreisen als Schulträgern zusammen. 145 Lehrerstellen werden für die Startphase vom Land zur Verfügung gestellt. Auch die Kommunen in Hessen müssen Personal beisteuern. Die Mütter und Väter bezahlen für die zusätzliche Betreuung. Weitere 85 Lehrerstellen wandern in den sonstigen Ausbau der Ganztagsbetreuung. (dpa/epd/kna/psh)

Quelle: op-online.de

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