Gutachter nimmt Station am Klinikum unter die Lupe

Höchster Psychiatrie will Mängel beheben

Der Psychiater Hans-Joachim Kerschenbauer soll die geschlossene Station der Psychiatrie am Klinikum Frankfurt-Höchst begutachten. Zudem hat Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) dafür gesorgt, dass die Besuchskommissionen „unverzüglich“ starten können. Das sind nicht die einzigen Konsequenzen, die auf den TV-Bericht des Team-Wallraffs folgen.

Frankfurt –  Derzeit finde eine Begehung der Akutstation durch die Hygienedelegation des Gesundheitsamts statt, sagte die Geschäftsführerin des Klinikums Höchst, Dorothea Dreizehnter, gestern in Wiesbaden. Die „intensivere Befähigung des Personals“ sei angelaufen, nächste Woche soll die Station mit Farbe und Beleuchtung freundlicher gestaltet werden. Demnächst werden Patienten sich in spezielle Räume zurückziehen können.

Der Neubau für die Psychiatrie sei frühestens in vier Jahren fertig, bis dahin werde dafür mehr Platz im vorhandenen Gebäude geschaffen, das aus den 80er Jahren stammt und den Ansprüchen einer modernen Behandlung nicht mehr genüge. Die im selben Haus untergebrachte Geriatrie zieht ins Hauptgebäude um.

Rund zehn Tage hatten Ministerium, Stadt und Klinikum die im RTL-Report erhobenen Vorwürfe untersucht. Gestern stellten sie vor, was „in einem ersten Schritt“, wie Klose sagte, folgt. Es sei sehr wichtig, dass die Missstände aufgedeckt wurden. Das Ministerium als Fachaufsicht werde nun monatlich Gespräche mit dem Klinikum führen, die Fixierungsprotokolle der vergangenen Monate sichten. Laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2018 bedarf es einer richterlichen Anordnung und einer Eins-zu-eins-Betreuung durch qualifiziertes Pflegepersonal, um Patienten festzubinden.

Dreizehnter sagte, das Klinikum komme seitdem dieser Verpflichtung nach. Manchmal mit externen Kräften, also geleastem Personal. Finanziert werde dies von den Krankenkassen nicht. Für manch andere Klinik sei dies ein Hinderungsgrund, das Urteil durchzusetzen.16 Patienten seien allein am vorigen Wochenende in die geschlossene Abteilung eingewiesen worden, sagte die Geschäftsführerin.

Die Personalausstattung sei fast vollständig. Den Mitarbeitern zollte sie Respekt: „Das ist einer der schwersten Jobs, den es in unserer Gesellschaft gibt.“ Deren Arbeit habe die „verkürzte“ Darstellung in dem TV-Bericht „schwer diskreditiert“. Was nicht heiße, dass sie die Vorwürfe nicht ernst nehme: „Wir begreifen das als ehrliche Chance.“ Dem regulären Beschwerdemanagement der Klinik seien nie Beschwerden über die Station zu Ohren gekommen. „Wir müssen schauen, wie wir näher an die Patienten und Angehörigen kommen.“

So sieht das Leben mit Schizophrenie aus

Das wünscht sich auch der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne). Die unabhängigen Beschwerdestelle im Gesundheitsamt und auch die Patientenfürsprecher hätten nichts von den Mängeln erfahren. Die im Film aufgeworfenen Fragen gingen „an den konzeptionellen Kern der Psychiatrie“, so Majer. Die Reform der 70er Jahre sei „in vielen Punkten noch nicht abgearbeitet“. Kerschenbauer sei der richtige Mann für das externe Gutachten. Er habe selbst als Psychiater in Höchst gearbeitet, bevor er im Stadtgesundheitsamt die Abteilung Psychiatrie aufbaute. „Er hat genug Distanz“, versicherte der Dezernent.

Kerschenbauer soll sofort loslegen. Gleiches gilt für die fünf aus Laien und Profis bestehenden hessischen Besuchskommissionen. Möglich wird dies, weil Klose die Zahl der Mitglieder gesenkt hat. Künftig müssen es nicht mehr sieben sein; schon vier Personen reichen, um den Auftrag zu erfüllen, den das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz vorschreibt, das seit eineinhalb Jahren in Kraft ist.

Von Jutta Rippegather

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild: Fabian Sommer/dpa

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