Hohe Hürden für inklusive Schule

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Hessen steht vor einer Herkulesaufgabe: Gemeinsames Lernen von Schülern mit und ohne Behinderung soll der Regelfall werden. Aber Eltern und Lehrer laufen Sturm gegen schlechte Voraussetzungen.

Offenbach - Das deutsche Schulsystem funktioniert wie ein Schubladenschrank. Nach Klasse 4 wird sortiert: Die einen gehen zur Haupt-, die nächsten zur Realschule und die Dritten zum Gymnasium. Und wer in keine dieser Schubladen passt, der wird zur Sonderschule geschickt. Von Peter Schulte-Holtey

Die heißt inzwischen aber Förderschule, damit das nicht diskriminierend klingt. Bislang war es so, dass die Kinder aus den höheren Schubladen immer weiter nach unten geschoben werden konnten, wenn sie nicht mehr passten. Das soll sich nun ändern. Denn seit drei Jahren ist eine UN-Resolution für Menschen mit Behinderung auch für Deutschland verbindlich. Nun sind die Bundesländer am Zug, die Voraussetzungen für den gemeinsamen Schulbesuch zu schaffen - also zum Beispiel Räume und Fachkräfte. Inklusion (Einbeziehung) - so heißt der Fachbegriff.

Auch in Hessen können sich Kinder und Jugendliche, die einen Anspruch auf sonderpädagogische Förderung haben, in einer allgemeinen Schule unterrichten lassen. Das Kultusministerium hat bereits einen Entwurf für die Vorgehensweise erarbeitet. Die entsprechende Verordnung soll im April verabschiedet werden. Doch es hakt an allen Ecken.

In einem offener Brief an Kultusministerin Dorothea Henzler laufen die Mitglieder der Fachgruppe Grundschule des Kreises und der Stadt Offenbach Sturm gegen die geplanten Maßnahmen. „Wir Grundschullehrkräfte stellen übereinstimmend fest, dass die Klassen bereits ohne Inklusion von immer mehr Schülerinnen und Schülern besucht werden, die massive Lernstörungen und Verhaltensauffälligkeiten aufweisen“, heißt es. Die Tendenz sei steigend, die Sorgen über die nun drohende weitere Belastung sind enorm. Pädagogen in Grundschulen würden sowohl in Bezug auf Diagnosefähigkeiten als auch auf Fördermöglichkeiten an Grenzen geraten, so die Warnung.

Wo die Hauptkritikpunkte an den Plänen des hessischen Kultusministerium ansetzen, wird auch in einer gemeinsamen Stellungnahme der Elternbeiräte deutlich. Darin heißt es unter anderem: „Inklusiver Unterricht von Schülerinnen und Schüler mit und ohne Beeinträchtigung kann nicht bei einer Klassenstärke funktionieren, die bereits unter ,exklusiven Bedingungen’ schwierig sind. Bisher galt eine Klassenhöchstgrenze von 20 Kindern - in der Grundschule - und höchstens vier Kindern mit Behinderung.“ Beide Begrenzungen, die aus Sicht der Eltern eine sinnvolle Arbeit gemeinsamen Unterrichts erst ermöglichen, fehlen im Entwurf.

Heftig kritisiert wird auch, dass das staatliche Schulamt zukünftig nicht mehr verpflichtet ist, vor seiner endgültigen Entscheidung ein sogenanntes förderdiagnostisches Gutachten erstellen zu lassen. Dieses würde aufwändige persönliche Tests beinhalten. Nach dem neuen Entwurf hingegen könnte das Schulamt alleine aufgrund einer Empfehlung des Förderausschusses an der jeweiligen Schule entscheiden. „Da die Empfehlung des Ausschusses auch gegen den Willen der beteiligten Eltern ausfallen kann, heißt das im Klartext: das staatliche Schulamt kann alleine anhand der Aktenlage gegen den Elternwillen entscheiden“, so die Elternbeiräte. Auch das wurmt: Müttern und Vätern soll weiterhin keine Wahlmöglichkeit eingeräumt werden, welche Schule ihr Kind besuchen soll. Zudem werde der sonderpädagogische Förderbedarf bei der Lehrerzuweisung an Schulen viel zu wenig berücksichtigt: „Bisher wurden die zusätzlichen Lehrerzuweisungen an dem betroffenen Kind gemessen. Jetzt wird pauschal eine Zuweisung vorgenommen - pro sieben Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gibt es eine Förderschullehrerzuweisung.“

Zornig ist auch Michael Brehm, Vorsitzender des Stadtelternbeirats in Offenbach. „Zwar können Eltern ihre Kinder an einer Regelschule anmelden, diese kann aber auf Grundlage ihrer Gegebenheiten entscheiden, ob es möglich ist, das Kind in der Regelschule zu unterrichten oder aber an die Förderschule zu verweisen. Da Regelschulen bisher wenig auf Förderbedarfe zugeschnitten sind, werden diese in aller Regel auf die Förderschule verweisen. Somit ändert sich nichts an der bisherigen Praxis“, schildert er die Situation - und schiebt noch einen „Hieb“ in Richtung Landesregierung hinterher: „Wegen der Sparmaßnahmen im Kultusministerium wird sich auch an der Anzahl der Lehrerstellen an Regelschulen nichts ändern und die Kommunen, insbesondere die chronisch finanziell klammen wie Offenbach, können an der notwendigen Ausstattung der Schulen wenig oder nichts ändern.“

Edeltraud Trinowitz, Grundschullehrkraft und Sprecherin der Fachgruppe bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, ist „wirklich enttäuscht“: „Wir brauchen Förderschulkollegen, die uns im Rahmen einer Doppelbesetzung unterstützen und nicht nur beraten. Wir brauchen Sozialpädagogen und therapeutische Fachkräfte als Teil unseres Kollegiums. Wenn die Verordnung nicht noch geändert wird, ist jetzt schon absehbar, dass die Inklusion nicht ausreichend zu leisten ist.“

Andere befürchten bereits eine Klagewelle in Hessen. „Wenn der Gesetzgeber den Eltern erst zusichert, dass ihre Kinder in der Regelschule lernen dürfen, die Schulen das aber hinterher ablehnen, ist es zu befürchten, dass die Eltern in großer Zahl ihr Recht vor Gericht einklagen müssen“, heißt es.

Auch vor Beschwerden von Eltern über Belastungen bei der Unterrichtsqualität wird gewarnt. Dabei verweist Rene Schüttke von der Janusz-Korczak-Förderschule in Langen auf die Vorteile der Inklusion: „Die behinderten Kinder lernen von den anderen. Sie imitieren, sind motiviert und strengen sich mehr an. Es gibt in den gemischten Klassen sicherlich mehr Impulse für diese Kinder als in Einrichtungen, wo alle stark lernbehindert oder geistig behindert sind“. Und: „Auch die sogenannten ,normalen’ Kinder profitieren deutlich. Studien haben gezeigt, dass sie zusätzliche soziale Kompetenzen erlangen.“

Quelle: op-online.de

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