Bildungs-Chancen von Region abhängig

Hohe Zahl an Sitzenbleibern

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Der „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung bescheinigt den hessischen Schulen insgesamt Fortschritte in der Bildungsgerechtigkeit, allerdings gibt es große regionale Unterschiede, etwa beim Anteil der Gymnasiasten an den Fünftklässlern.

Offenbach/Gütersloh - Im hessischen Schulsystem sind die Bildungs-Chancen regional unterschiedlich verteilt. In einigen Regionen, etwa dem Speckgürtel um Frankfurt, wechseln zwei von drei Kindern nach der Grundschule aufs Gymnasium; im Norden und Osten des Landes nur eins von drei Kindern.

Das geht aus dem jährlichen „Chancenspiegel“ hervor, den die Bertelsmann-Stiftung vorstellte. Wissenschaftler der Universitäten in Dortmund und Jena analysieren jährlich für die Stiftung, wie gerecht und leistungsstark das jeweilige Schulsystem der einzelnen 16 Länder ist. Gestützt auf Daten für 2012, bescheinigt die Studie den hessischen Schulen insgesamt Fortschritte in der Bildungsgerechtigkeit. Dazu rechnet die Stiftung den Anteil von Ganztagsschülern, der in Hessen auf 39,4 Prozent stieg. Gebundene Ganztagsschulen könnten am ehesten die Nachteile von Kindern ausgleichen, die von ihren Familien nur geringe Unterstützung bekommen, sagte Stiftungsvorstand Jörg Dräger in Gütersloh. Erstmals untersuchte der Chancenspiegel auch die Kreise und kreisfreien Städte. Ergebnis: Die Bildungs-Chancen sind auf der kommunalen Ebene höchst ungleich verteilt.

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Der Anteil der Gymnasiasten an den Fünftklässlern machte in Hessen 46,2 Prozent aus, mehr als im Bundesdurchschnitt (42,9 Prozent). Regional lag die Bandbreite zwischen 32,4 und 63,3 Prozent. Während die Quote im Kreis Offenbach bei 50,6 Prozent lag, schnitten der Main-Kinzig-Kreis mit 42,0 und die Stadt Offenbach mit 41,0 Prozent schlechter ab. Am geringsten war der Anteil in den Landkreisen Werra-Meißner, Fulda, Vogelsberg und Marburg.

Der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss sank 2012 auf 5,4 Prozent und lag niedriger als im Bundesdurchschnitt (6,0 Prozent). Allerdings brachten in manchen Regionen die Schulen jeden zehnten Schüler nicht zum Hauptschulabschluss, in anderen scheiterte nur jeder 30. Während die Stadt Offenbach hinter Kassel mit 9,0 Prozent den zweitletzten Platz belegte, rangierte der Kreis Offenbach (3,6 Prozent) hinter dem Landkreis Kassel und dem Hochtaunuskreis gleichauf mit dem Landkreis Fulda auf Rang drei. Gelobt wird in der Studie der verhältnismäßig geringe hessische Anteil an Förderschülern. Negativ schlägt indes eine hohe Zahl an Sitzenbleibern zu Buche. Der Anteil der Wiederholer in der Sekundarstufe liegt im Kreis Offenbach mit 4,1 Prozent am höchsten, der hessenweite Durchschnitt liegt bei 3,2 Prozent, in der Stadt Offenbach bei 3,6 Prozent.

Bundesweit spricht die Studie von einer mangelhaften Chancengerechtigkeit im Schulsystem. Der Bildungserfolg eines jungen Menschen sei weiterhin stark abhängig von seiner sozialen Herkunft. Neuntklässler aus höheren Sozialschichten haben zum Beispiel in Mathematik einen Wissensvorsprung von bis zu zwei Jahren gegenüber ihren Klassenkameraden aus bildungsfernen Familien. „Studien über das Schulsystem bringen selten neue Erkenntnisse“, kommentierte Stefan Wesselmann, Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Hessen den Chancenspiegel. „Aber manchmal muss die Wahrheit häufig genug wiederholt werden, bis sie auch wahr- und ernst genommen wird.“

Nach Ansicht des VBE Hessen sprechen die Ergebnisse dafür, dass es nicht unbedingt einheitliche Lösungen für ganz Hessen geben könne, da die regionalen Unterschiede sehr groß seien. Den Anteil der Gymnasiasten unter den Fünftklässlern zu bewerten, hält der VBE-Landesvorsitzende für äußerst fragwürdig. Aussagekräftiger seien eher die tatsächlich erreichten Abschlüsse am Ende der Schullaufbahn.

dpa/cz

Quelle: op-online.de

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