Holzernte mit „Vulkan“ und „Niall“

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Holzstämme werden einzeln aus dem Wald gezogen.

Karben - Verdutzt zieht der einsame Jogger im Karbener Stadtwald die Stöpsel seines Kopfhörers aus den Ohren. Trotz der Musik hat er ein mächtiges Wiehern gehört. Von Klaus Nissen

Es stammt von „Vulkan“, einem deutschen Kaltblut-Hengst, der zweihundert Meter entfernt gegen ein Kommando von Kurt Weber protestiert. „Vulkan“ ist ein sogenanntes Rückepferd, er soll einen bemoosten Eichenstamm ziehen. Zweimal, dreimal ertönt das Kommando, dann fügt sich das große Tier und schleppt das Holz zur nächsten Rückegasse. „Vulkan“ hat Erfahrung. Schon seit acht Jahren arbeitet das Tier jeden Winter im Wald.

„Vulkans“ Besitzer Ralf Zauner rangiert hundert Meter weiter mit dem Flämischen Kaltblut „Niall“. Zauner bückt sich, drückt mit einem Werkzeug die Kette unter einem Lärchenstamm hindurch und fixiert sie. Als er „jöer!“ ruft, zieht der fünfjährige Hengst an. Mit seinen 900 Kilogramm Eigengewicht hat „Niall“ kein Problem, die Lärche zu bewegen. Sobald der Führer „hoi“ sagt, geht es nach rechts, bei „ha“ nach links. Ein gepolsterter Kragen verteilt die Zuglast auf Brust und Rücken des Tieres.

Zauner geht neben dem Pferd und führt es mit einem langen Zügel. „Das Geschirr habe ich bei den Amischen in den USA gekauft“, sagt der 48-jährige Holzrücker. Die täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft habe gute Sattler, sagt Zauner. „Die deutsche Geschirr-Entwicklung blieb ja im Jahre 1935 stehen.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg machte die Mechanisierung in der Holzwirtschaft Pferdegeschirre weitgehend überflüssig. Spätestens seit den 1960er-Jahren holen Spezialtraktoren die Stämme aus dem Wald, moderne „Forwarder“ sägen sie ab und hieven sie an die Rückegasse. Damit Maschinen den Wald abernten können, muss er alle zwanzig Meter eine befahrbare Schneise haben. „Der Boden ist durch das Gewicht der Maschinen verdichtet“, sagt Zauner. Das hat Folgen: „Das Regenwasser läuft darauf aus dem Wald – die Rückegassen wirken wie Drainagen.“

Der Niddaer Forstamtsleiter Bernd Reißmann sieht diesen Nachteil der Mechanisierung ebenfalls: „Wir verlieren durch die vielen Rückegassen 15 bis 25 Prozent der Produktionsfläche im Wald.“ Für den Förster ist das ein Grund, wieder stärker auf Pferde zu setzen. Inzwischen werden in seinem Revier zehn Rückepferde eingesetzt. Die könnten auch auf nassen Böden die Stämme zum Abtransport bereitlegen und das Holz so früher an den Markt bringen. Den Abstand der Rückegassen könne man auf bis zu 80 Meter vergrößern, Das bringe mehr Platz für die Bäume, sagt Reißmann. Für den Forstamtsleiter wiegt das die um etwa einen Euro pro Festmeter höheren Abfuhrkosten auf. Diese Ansicht teilten freilich nicht alle seine Kollegen, räumt er ein.

Das Tagwerk sei nicht leicht, aber mit 35 bis 50 Euro pro Stunde angemessen bezahlt, sagt Zauner, ein ehemaliger Computerexperte, der den Schreibtischjob gegen die Arbeit mit den Pferden eingetauscht hat. „In Hessen könnte man locker 650 Rücker beschäftigen“, schätzt er. Tatsächlich seien es etwa zwei Dutzend. Den März und April über arbeiten sie noch mit den Pferden in den Wäldern. Dann spannt Forstmann Zauner seine Tiere vor die Mähmaschine: Die Heuernte steht an. Im Sommer unternimmt er Kutschfahrten mit zahlenden Gästen. Und gibt Unterricht - für die zahlreicher werdenden Rücke-Teams im Wald. 

dpa

Quelle: op-online.de

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