hr-Sinfonieorchester und Milky Chance

Grandioses Kopfkino

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Clemens Rehbein von der Kasseler Formation Milky Chance harmonierte bestens mit dem von Evan Christ geleiteten Orchester.

Frankfurt - Mehr Hessen war noch nie beim „Klassik trifft Pop“-Grenzgang: Für sein „Music Discovery Project“ lädt das hr-Sinfonieorchester eine Kasseler Newcomer-Sensation zum gemeinsamen Musizieren in die Frankfurter Jahrhunderthalle: Milky Chance. Von Peter H. Müller 

Unter dem Motto „Liedschlag“ gerät auch dieses neunte multimediale Joint Venture seiner Art zu einem besonderen Crossover-Fest. Vielleicht ist die interessante Erkenntnis des Abends, dass man nicht eine Sekunde an die übliche Schubladensuche verschwendet. Oder den enervierend häufig bemühten Buchstabenstreit anzettelt. E oder U, Klassik oder Pop oder was auch immer - solche Etiketten darf man getrost knicken, wenn das „Music Discovery Project“-Experiment mal wieder zusammenbringt, was laut Genre-Polizei nicht zusammengeht.

Hier Mendelssohn Bartholdy (Ouvertüre aus „Ein Sommernachtstraum“), Prokofjew („2. Puschkin-Walzer“) oder Beethoven (Trauermarsch aus der 3. Sinfonie/ „Eroica“) - dort ein kreativer Singer/Songwriter-Sound, der für sich schon schwierig zu verorten ist und in Wikipedia mal die nebulöse Überschrift „Folktronica“ angehängt bekam. Ausgetüftelt wurde dieses zuweilen magisch gute Liedgut, das Elektro-Pop mit Folk, Rock und Reggae kurzschließt, in einem Keller in Nordhessen.

Die Köpfe hinter dem von Live-Stammgast Antonio Greger (Mundharmonika/Bassgitarre) unterstützten Do-it-yourself-Unternehmen: Sänger/Gitarrist Clemens Rehbein und Kumpel Philipp Dausch, der am DJ-Pult die Elektro-Sounds austüftelt. Als Milky Chance haben die beiden 2013, kurz nach dem Abi, ein veritables Märchen geschrieben - zunächst via YouTube und dem Song „Stolen Dance“, dann mit ihrem Debütalbum „Sadnecessary“, das konsequenterweise auch auf dem eigenen Label „Lichtdicht Records“ erschienen ist.

Die Zutaten: Aus dem Bauch heraus erzählte, ins Herz gehende Geschichten, die der putzig windzerzauste Clemens Rehbein gern „tanzbare Melancholie“ nennt, dazu seine markant kratzigen Stimme, die tönt, als seien Bob Marley, Tom Waits und Jack Johnson geradewegs auf eine Tonspur gepresst worden und eben Philipp Dauschs elektronische Samples/Percussions/Drumbeats, die dem stets dezent bekifft klingenden Ganzen Erhabenheit und einen atmosphärischen Kick bescheren.

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Und Stücke wie „Sweet Sun“, „Follow“ oder „Loveland“ passen sich auch harmonisch - für die „MDP“-Arrangements mit großem Orchester wurden eigens Song-Partituren geschrieben - in das von den hr-Sinfonikern unter US-Gastdirigent Evan Christ ausgeguckte Repertoire: Beethovens „Trauermarsch“, der ins treibende „Running“ mündet, Charles Ives´ meditative, mit aufsässigen Querflöten ringende „Unanswered Question“, die nahtlos in „Stolen Dance“ fortgeschrieben wird - das wirkt organisch, und nicht einen Moment gekünstelt.

Das hr-Sinfonieorchester liefert dazu grandiose Interpretationen von Astor Piazzollas Jahrhundertstück „Libertango“ in einer filigranen Streicherfassung oder das unglaublich expressive Schostakowitsch-Finale (6. Sinfonie) - im Zusammenspiel mit klug gesetzten Video-Animationen (Martina Sauer/Thomas Wecker) entsteht da immer großes Kopfkino.

Quelle: op-online.de

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