Humor-Flaggschiff

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Einer der legendären Titel in der 30-jährigen Geschichte des Satiremagazins „Titanic“. Altkanzler Helmut Kohl war oft Zielscheibe des Spotts und wurde als „Birne“ sogar eine Art Maskottchen. Er ließ die „Titanic“ gewähren und ging nie juristisch gegen das Blatt vor.

Frankfurt - Die endgültige Teilung Deutschlands - das ist ihr Auftrag, weshalb Achim Frenz ganz folgerichtig den dann obsoleten „Tag der deutschen Einheit“ am 3. Oktober schon einmal in „Titanic-Feiertag“ umbenannt hat. Von Christian Riethmüller

Der Leiter des Caricatura Museums für Komische Kunst in Frankfurt hat allen Grund, „das endgültige Satiremagazin Titanic“ zu loben und zu preisen. Schließlich würde es sein Haus wohl nicht geben, hätten nicht im Herbst 1979 einige mehr oder minder bekannte Autoren und Zeichner eine Zeitschrift gegründet, die sich sehr schnell zum Camelot des deutschen Humors entwickeln sollte. Bei dieser Tafelrunde trafen sich nicht nur „the Best and the Brightest“ namens Knorr, Henscheid, Eilert, Gernhardt, Poth oder Waechter. Auch die hoffnungsvollen Talente fühlen sich seit jeher von dieser heute in der Sophienstraße im Frankfurter Stadtteil Bockenheim zu findenden Trutzburg der Satire magisch angezogen. Ob nun Walter Moers, Gary Larson, Greser & Lenz, Eugen Egner, Rattelschneck, Max Goldt, Hans Zippert, Oliver Maria Schmitt, Simon Borowiak, Martin Sonneborn, Thomas Gsella etc. pp. - sie alle wirkten für „Titanic“, um dann den dort erworbenen Ruhm nach ihrem Ausscheiden in klingende Münze zu verwandeln und zu Bestseller-Autoren zu avancieren, während der Satire-Dampfer selbst den finanziellen Schiffbruch immer mal wieder gerade noch vermeiden konnte?

So war es offensichtlich nie. Die „Titanic“ ist immer noch nicht untergegangen, sondern erfreut sich einer treuen Leserschaft, die immerhin eine Druckauflage von knapp 100 000 Exemplaren jeden Monat erlaubt. Außerdem kann sie sich der tiefen Verbundenheit ihrer Mitarbeiter sicher sein, die mitunter auch nach mehrjähriger Absenz wieder Beiträge für das Magazin beisteuern und damit helfen, neue Leser zu gewinnen.

Die sollten natürlich wissen, was sie bisher 30 Jahre lang verpasst haben. Zu diesem Zweck ist ab Sonntag, 4. Oktober, die äußerst empfehlenswerte Schau „Titanic - Das Erstbeste aus 30 Jahren“ im Caricatura Museum zu sehen. Insgesamt 560 Exponate, darunter Zeichnungen, Titelseiten, Filmausschnitte und Hörproben, entführen in eine Welt des „Kuriosen, Irren, Verwegenen, Verwesenden und Verbotenen“, wie das Museum treffend zusammenfasst.

„Titanic“-Redaktion schnitt ungerührt Tiraden mit

Es fügt sich wunderbar, dass das Museum mit seiner großen Sammlung der Vertreter der „Neuen Frankfurter Schule“ - Robert Gernhardt, F. W. Bernstein, Chlodwig Poth, Hans Traxler und (leihweise) F. K. Waechter - einige der „Titanic“-Gründer quasi in Beschlag hat, doch führt die Schau weit über diese Leuchttürme hinaus in den Ozean der Erinnerung. Nicht nur für Novizen, sondern auch für langjährige „Titanic“-Leser gibt es vieles zu entdecken und seien es nur längst vergessene Pointen fast schon zeitlos wirkender Karikaturen oder Strips.

Jünger als sein Blatt: Der neue „Titanic“-Chefredakteur Leo Fischer (28).

Die über alle drei Stockwerke des Museums führende Ausstellung zeigt aber auch noch einmal, mit welchen medienwirksamen Aktionen das Magazin immer wieder ein Millionenpublikum erreichte, das freilich nicht immer wie Bolle köstlich amüsiert war, wenn etwa Bernd Fritz inkognito bei „Wetten, dass…?“ auftrat und behauptete, er könne die Farbe eines Buntstifts am Geschmack erkennen. Ein großer Spaß war auch die Aktion, mit der „Titanic“ mit dem Versprechen einiger Würste und einer Kuckucksuhr die FIFA-Delegierten im Jahr 2000 überzeugte, die Fußball-WM 2006 nach Deutschland zu vergeben. Die Leser der „Bild“-Zeitung hatten für diesen Ulk weniger Verständnis, was an einer Hörstation aufs Erhellendste wie aufs Erheiterndste nachzuhören ist. Die schimpften nämlich wie die Rohrspatzen durchs Telefon, während die „Titanic“-Redaktion die Tiraden ungerührt mitschnitt.

Ähnlich humorlos reagierten auch verschiedene Amts- und Würdenträger, die ins Visier des Magazins geraten waren und sich etwa per Fotomontage in Schweizer Hotelbadewannen wiederfanden. Weil manche Richter dann nicht ihren Tucholsky parat und vergessen hatten, dass Satire eigentlich alles darf, hat die „Titanic“ in den 30 Jahren ihres Bestehens sogar den Rekord angehäuft, die „verbotenste Zeitschrift Deutschlands“ zu sein. Mehr als 35 Hefte wurden vom Markt geklagt, und fast eine halbe Million Euro an Schmerzensgeldern und Strafen gezahlt, um dann doch einige der inkriminierenden Titel in die Ausstellung zu hängen.

Diese Frechheit könnte das nächste juristische Scharmützel mit sich bringen, weshalb der frühere „Titanic“-Chefredakteur Oliver Maria Schmitt auch den schleunigen Besuch der Schau empfiehlt, bevor diese verboten wird.

Die Ausstellung „Titanic - Das Erstbeste aus 30 Jahren“ ist von 4. Oktober bis 31. Januar im Caricatura Museum für Komische Kunst in Frankfurt, Weckmarkt 17, zu sehen. Öffnungszeiten: Di-So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 21 Uhr.

Der neue Chefredakteur Leo Fischer, mit seinen 28 Jahren zwei Jahre jünger als sein Blatt, freut sich derweil, im Museum angekommen zu sein: „Da können wir verstauben und Spinnweben ansetzen“. Zuvor wird aber noch kräftig gefeiert, unter anderem auch mit der endgültigen Lesung „30 Jahre Titanic - Der Staatsakt“ am Sonntag ab 20 Uhr im Mousonturm in Frankfurt. Dort werden zur Geburtstagsgala alte und junge Größen aus 30 Jahren Satiregeschichte erwartet.

Quelle: op-online.de

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