„Ich bin dazu verdammt, zu putzen“

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Maria Watt (65) arbeitet zur Aufbesserung ihrer kleinen Rente in einem Minijob und putzt bei einer Bank.

Frankfurt - So hat sich Maria Watt ihren Lebensabend nicht vorgestellt. Die 65-jährige Seniorin reibt sich die schmerzende Schulter unter ihrer abgewetzten Weste. Von Lukas Ondreka

Zwei Stunden ist es her, da hat sie mehr als 1000 Quadratmeter Bürofläche geputzt - 100 Meter über dem Boden, in einem der beiden Bürotürme der Deutschen Bank in Frankfurt. Jetzt sitzt die Rentnerin in ihrer 60-Quadratmeter-Sozialwohnung im Stadtteil Griesheim und erzählt: „Ich bin dazu verdammt, zu putzen. Meine Rente reicht einfach nicht aus, ein menschenwürdiges Leben zu führen. “

Wie die gebürtige Westerwälderin arbeiten immer mehr Rentner in Hessen in Minijobs. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der 65-Jährigen und Älteren in geringfügiger Beschäftigung zwischen Dezember 2003 und dem Dezember vergangenen Jahres um knapp 14 000 auf 56 600 an. Das ist ein Zuwachs von fast einem Drittel.

Über die Gründe gehen die Meinungen auseinander. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) erklärt den Trend vor allem mit der Existenznot vieler älterer Menschen. „Die wenigsten Rentner jobben als willkommene Abwechslung vom Alltag“, sagt Hans-Joachim Rosenbaum, Bezirksleiter Rhein-Main der Gewerkschaft. „Vielmehr müssen die meisten arbeiten, weil sie von ihrer Rente allein nicht leben können.“

Stundenlohn liegt unter neun Euro

Ralf Geruschkat von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Frankfurt sieht das anders. Die Zahl der Senioren in Minijobs bewegt sich nach Meinung des Chefvolkswirts der örtlichen IHK „keinesfalls in einem besorgniserregenden Rahmen“. In Hessen gingen nur vier bis sechs Prozent der Rentner einem Minijob nach. Geruschkat bestreitet nicht, dass bei manchem die Altersarmut der Grund für einen Minijob sei. Doch andere fühlten sich schlicht noch in der Lage zu arbeiten, und Unternehmen wüssten erfahrene Mitarbeiter zunehmend zu schätzen.

Regale einräumen statt Plackerei beim Putzen, das habe ihr vorgeschwebt, erzählt Maria Watt. Doch keine Einzelhandelskette stellt die zierliche Rentnerin ein. Deshalb schmeißt der Wecker sie nun wochentags um 03.00 Uhr aus dem Bett. Dann frühstückt sie, drückt ihrem Ehemann einen Kuss auf die Wange und macht sich auf den Weg: Rente aufstocken. Seit Anfang vergangenen Jahres hat sie den Job bei einer Reinigungsfirma. Der Stundenlohn liegt unter neun Euro, und oft arbeitet sie mehr als die vertraglich festgeschriebenen zwei Stunden am Tag, um ihr Pensum zu schaffen. Sie ist aber angewiesen auf die 400 Euro, die der Minijob einbringt.

„Natürlich gibt es Problemfälle“

Ihre Geschichte sei beispielhaft für Menschen, die ihr Erwerbsleben auf dem Niedriglohnsektor zubringen, sagt der Gewerkschaftler Rosenbaum. Nach dem Hauptschulabschluss lernte Maria Watt keinen Beruf. Ihre Mutter sagte, sie solle Ehefrau werden, erinnert sich Watt. Nach der Schule arbeitet sie als Bürohilfe. 1998 wird sie arbeitslos, rutscht nach zwei Jahren in Hartz IV.

Als ihr das Arbeitsamt 2006 mit 59 Jahren die Frühverrentung anträgt, hat sie mehr als ein Jahrzehnt nichts in die Rentenkasse eingezahlt. Mit 620 Euro Rente hätte man sie daraufhin „abgeurteilt“, sagt Watt. Zusammen mit der mickrigen Rente ihres Mannes reiche es nicht zum Leben. „Nach kurzer Zeit stand uns das Wasser bis hier“, sagt Watt und hält ihre Hand über Augenhöhe.

„Natürlich gibt es Problemfälle, die vom Sozialstaat aufgefangen werden müssen“, meint Geruschkat. „Aber die sind weit davon entfernt, ein Massenphänomen zu werden.“ Klar sei jedoch: Es brauche zukünftig mehr individuelle Vorsorge.

Rosenbaum dagegen glaubt, dass in Zukunft noch mehr Senioren arbeiten müssen. „Das ist unumgänglich, zieht man das allmählich fallende Rentenniveau und die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre in Betracht.“ Viele Menschen seien körperlich nicht in der Lage, so lange zu arbeiten und müssten daher Rentenkürzungen hinnehmen. Und Erwerbstätige im Niedriglohnsektor verdienten zu wenig, um für später was auf die hohe Kante zu legen.

dpa

Quelle: op-online.de

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