Qualmende Schlote - ein falsches Bild

Frankfurt - Qualmende Schlote, Chemiedämpfe und laute Maschinen - die Industrie hat ein Imageproblem. 17 Prozent beträgt ihr Anteil an der Wertschöpfung in Hessen. 1995 waren es noch 21 Prozent gewesen. Von Michael Eschenauer

Es müsse sich im politischen Raum nicht alles um die Förderung der Standortqualität oder andere Formen der Unterstützung drehen, lautet ein weit verbreitetes Argument. Gleichzeitig wird dem „sauberen“ Dienstleistungssektor mit einem Anteil von 77 Prozent an der Wertschöpfung und drei Viertel aller Erwerbstätigen eine immense Bedeutung attestiert.

Diese Sichtweise ist überholt. Die Auffassung vertritt zumindest die Initiative Industrieplatz Hessen (IPH). Sie stellte jetzt auf einer Veranstaltung der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände (VhU) im Beisein von Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) eine 50.000 Euro teure Studie vor. Ihre Botschaft: Die Industrie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Sie baut nicht nur Kühlschränke oder Drehbänke, die klassischen „Produkte“ eben, sondern fragt ihrerseits industriell gefertigte Dienstleistungen wie spezielle Software, Ingenieur-Knowhow, Leistungen aus dem Baubereich oder standardisierte Logistikdienstleistungen nach.

Wichtig für den Wohlstand in Hessen

Diese neue Perspektive, so VhU-Präsident Dieter Weidemann, führe dazu, dass sich 14 Prozent der Unternehmen weiter zur klassischen Industrie zählen dürften. Hinzu kämen aber acht Prozent an Firmen, die industriell erstellte Dienstleistungen anbieten würden, und über „Vorleistungsverbünde“ seien weitere zehn Prozent der Firmen an der industriellen Wertschöpfung beteiligt.

Weidemann spricht von der „Smart Industrie“, in der Produktion, Software und Dienstleistungen speziell auch im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik eine intelligente Verbindung eingehen würden. Diese „Verbundsicht“ führt die Unternehmer-Lobbyisten zu dem Ergebnis, dass sich 56 Prozent der hessischen Wertschöpfung aus Dienstleistungen zusammensetzten, die es ohne die Industrie gar nicht geben würde. Das verarbeitende Gewerbe sei, so folgert Weidemann, „unverzichtbarer Absatzmarkt und Drehscheibe der Wertschöpfungketten“. Fazit: Die Industrie ist wichtig für den Wohlstand in Hessen. „Die Studie zeigt eindeutig, dass ein Rückgang von Industrie einen Rückgang an gesamtwirtschaftlichen Innovationen und an industrienahen Dienstleistungen bedeutet.“ Allerdings sei diese Vernetzung zu wenig bekannt. Auch die amtlichen Statistiken berücksichtigten sie nicht.

Unterscheidung hier schmutzige Industrie, da saubere Dienstleistung hat sich überholt

All dies mündet in Forderungen: Innovationen müssten steuerlich entlastet, Fördergelder angepasst, die Bildung wirtschaftsorientierter, die Bürokratie weniger, die Landesstraßen mehr werden, bekam Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) zu hören. Außerdem brauche man zuverlässige und preisgünstige Energie. Die VhU selbst will die Kooperation fördern.

Posch sieht es als seine Aufgabe an, die Bedeutung der Industrie stärker herauszustellen. Sie sei immerhin der Grund, warum Deutschland die Krisenjahre 2008/2009 schneller als andere Länder überwunden habe. „Die Unterscheidung hier schmutzige Industrie, da saubere Dienstleistung hat sich überholt“, so der Wirtschaftsminister. Es sei wichtig, in der Bevölkerung eine offenere Haltung der Industrie gegenüber zu fördern. Dies sei besonders bei der Suche nach Standorten für Industrieanlagen, aber auch bei der Planung neuer Stromtrassen für die geplante Energiewende von Bedeutung. Wenn die wichtige Rolle, die die Industrie spiele, mehr ins öffentliche Bewusstsein eingedrungen sei, werde sich, so Poschs Hoffnung, der mancherorts existierende Widerstand gegen bestimmte Vorhaben legen. Posch erwähnte ihn nicht, aber der der Zusammenhang zum Flughafenausbau ist offensichtlich.

Quelle: op-online.de

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