Weg frei für ein schwedisches Möbelhaus

Industrie-Türme in Wetzlar gesprengt

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Wetzlar - Die Sprengung von Industriegebäuden macht den Weg frei für ein schwedisches Möbelhaus. Das Projekt sorgt in der Stadt für Aufbruchstimmung - bei den Nachbarn allerdings für Sorgenfalten.

Mit der Kraft von 250 Kilo Sprengstoff sind aus Wetzlar zeitgleich riesige Betonklötze und ein Stück Industriegeschichte verschwunden. Die am Sonntagmorgen gesprengten Türme waren seit den 1960er Jahren stadtbildprägend. Sie standen auf dem Gelände eines früheren Zementwerkes, das seit Ende des 19. Jahrhunderts zu Wetzlar gehörte. Mehr als 100 Jahre später richtet sich die mittelhessische Stadt neu aus, mit Auswirkungen auch auf die Region. "Unser Image ist immer das einer Industriestadt gewesen", sagt Baudezernent und Stadtrat Harald Semler (Freie Wähler). Doch wie alle betroffenen Kommunen müsse sich auch Wetzlar dem Strukturwandel anpassen und neu aufstellen, inklusive neuem Image. Heute nennt sich Wetzlar gerne "Goethe- und Optikstadt". Es gibt hier noch immer Arbeitsplätze bei einem Stahlunternehmen, bei feinmechanischen und optischen Firmen wie dem Kamerahersteller Leica, der seinen Hauptsitz 2014 nach Wetzlar verlegte. Doch es gingen auch Jobs verloren: Die Produktion in dem Zementwerk etwa wurde nach Angaben der Stadt vor etwa elf Jahren nach und nach zurückgefahren, der Standort dann 2010 geschlossen. Zurück blieb eine Industriebrache mit Potenzial, denn sie liegt in der Nähe des Bahnhofs und der City.

So sah es auch der schwedische Möbelriese Ikea, der auf dem Gelände eine neue Filiale mit etwa 150 neuen Jobs platzieren will. Deswegen mussten nun die Türme weichen. Zu den Vorteilen des Standortes gehöre, dass er bereits jetzt gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sei, sagt Unternehmenssprecherin Chantal Gilsdorf. Und: "Wir müssen nicht auf der grünen Wiese bauen." Neue Flächen würden für das Möbelhaus also nicht verbraucht. Es soll 2017 öffnen. Für Stadtrat Semler ist das Projekt auch "Reparatur". Nicht nur bekomme Wetzlar damit ein anderes Gesicht. "Sondern wir kriegen hier über 70 000 Quadratmeter Industrieboden mit über 150-jähriger Industriegeschichte ausgetauscht, ohne einen Cent Steuergelder." Die Freude über das Projekt hält sich bei den Nachbarn allerdings in Grenzen. Das wenige Kilometer entfernte Gießen reagierte verschnupft. Die Uni-Stadt fürchtete unter anderem negative Folgen für die Geschäfte in der City. Am Ende einigten sich beide Kommunen. Um die Folgen für den Gießener Einzelhandel möglichst gering zu halten, wurde die Verkaufsfläche für das sogenannte innenstadtrelevante Randsortiment auf unter 3000 Quadratmeter begrenzt.

Hier fällt der AfE-Turm in Frankfurt

Man bleibe zwar bei seinen Standpunkten, sagt Gießens Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich (Grüne). "Wir haben aber als gute Nachbarn gesagt, dass wir einen Kompromiss finden wollen." Deswegen könne die Stadt mit der reduzierten Fläche leben. Denn es gehe um die Region. "Ikea ist nicht nach Wetzlar gegangen, sondern nach Mittelhessen." Das Warenrandsortiment spielt immer wieder eine Rolle, wenn Verkaufstempel wie Möbelmärkte entstehen. Es geht dabei um Produkte, die in den großen Märkten zu haben sind, aber eben auch in den Geschäften der Citys. Heimtextilien etwa, Geschirr oder Gläser. Die Sorge: Der Handel in der Innenstadt könnte leiden. Und Wetzlar ist nicht die einzige Kommune in Hessen, die ein Möbelhaus ansiedeln möchte. Bad Vilbel bei Frankfurt wartet seit längerem darauf. Der Streit um die Größe der Verkaufsfläche für das Randsortiment dort beschäftigte zwischenzeitlich auch die Gerichte.

Soweit kam es im Fall Ikea nicht. Wetzlars Stadtrat Semler findet, das mit Gießen ein guter Weg gefunden worden sei. "Unterm Strich bin ich der Auffassung, dass wir gut daran tun, dass wir Entwicklung in unserer Region haben." Ähnlich sieht das der geschäftsführende Direktor des Hessischen Städtetags, Stephan Gieseler: "Beide Städte werden profitieren", meint er. Das neue Möbelhaus sei zudem auch im Sinne der Bürger. "Es ist ein Infrastrukturangebot, über das sich der Bürger in der Regel freut."

dpa

Quelle: op-online.de

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