„Industriepark wichtig für Region“

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Infraserv-Geschäftsführer Jürgen Vormann spricht über den Expansionskurs seiner Firma und die Beliebigkeit der Politik.

Trotz der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise ist der Betreiber des Frankfurter Industrieparks Höchst, die Infraserv GmbH, auf Expansionskurs. Über die Strategien des Unternehmens auf diesem Weg, die Beliebigkeit von politischen Überzeugungen und das Klagen auf häufig hohem Niveau sprach Jürgen Vormann, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Infraserv, mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

Infraserv Höchst ist ganz gut durch das Krisenjahr 2009 gekommen. Inwieweit musste Ihr Unternehmen Kurzarbeit nutzen und Arbeitsplätze abbauen?

Wir haben die Wirtschaftskrise natürlich auch gespürt, denn einige unserer Kunden waren stark betroffen. Dies gilt insbesondere für die Unternehmen, die ihrerseits wiederum viele Kunden in der Automobil-, Bau- oder Elektroindustrie haben. Bei unseren Kunden aus dem sogenannten Lifescience-Bereich hat sich die Krise hingegen kaum ausgewirkt. Uns selbst hat die rückläufige Nachfrage insbesondere im Logistikbereich zu schaffen gemacht. Daher mussten wir bei unserer Tochtergesellschaft Infraserv Logistics Kurzarbeit einführen. In einigen Bereichen dort müssen wir dieses Instrument auch in diesem Jahr noch nutzen. Ansonsten hatten wir bei Infraserv Höchst keine Kurzarbeit und wir werden auch keine Personalanpassungen vornehmen.

Hat sich Ihr Unternehmen aus Offenbach ganz zurückgezogen?

Wir hatten auf dem Stadtgebiet eine kleine Aktivität unserer Tochtergesellschaft Infraserv Logistics, die Logistik-Services für die Unternehmen Invista und Allessa angeboten hat. Mit der Entscheidung der Invista, den Standort auf den Prüfstein zu stellen, haben wir seinerzeit beschlossen, dass wir uns aus den Aktivitäten in Offenbach zurückziehen. Mittlerweile sind wir auf dem Offenbacher Stadtgebiet nicht mehr aktiv.

Welchen Stellenwert hat der Industriepark Höchst für das Rhein-Main-Gebiet?

Ich glaube, als einer der größten deutschen Forschungs- und Produktionsstandorte für die Chemie- und Pharmabranche mit 90 Unternehmen und 22.000 Mitarbeitern kommt dem Industriepark Höchst in der Region ein besonderer Stellenwert zu. Neben dem Frankfurter Flughafen und der Finanzbranche ist der Industriepark Höchst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Rhein-Main-Region mit dem klaren Schwerpunkt auf industrielle Wertschöpfungsaktivitäten. Wir können als Volkswirtschaft nicht nur davon leben, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden oder Wertpapiere verkaufen. Industrielle Wertschöpfung ist unverzichtbar, um unseren Wohlstand zu halten und zu mehren.

Wie geht es 2010 für den Industriepark und Infraserv weiter?

Die Aussichten sind verhalten optimistisch. Die Wirtschaftskrise hat die Chemieindustrie im vergangenen Jahr sehr stark getroffen. Wir werden jetzt ein eher verhaltenes Wachstum sehen, aber auf einem im Vergleich zu früheren Jahren deutlich niedrigeren Niveau. Als Dienstleister rechnen wir folglich für das laufende Geschäftsjahr auch nur mit einer eher verhaltenen Entwicklung.

Werden in diesem Jahr weitere Unternehmen im Industriepark angesiedelt?

Unmittelbar größere Ansiedlungsprojekte sehen wir im Moment nicht. Wir stehen aber immer in Kontakt mit potenziellen Ansiedlungskandidaten. Diese Gespräche sind vor dem Hintergrund der allgemein wirtschaftlichen Situation allerdings zunehmend schwieriger geworden. Auch bereits angesiedelte Unternehmen tun sich zur Zeit mit Investitionsentscheidungen schwerer als zuvor.

Infraserv betreibt seit vergangenem Jahr über eine Tochtergesellschaft auch andere Industrieparks. Welche Parks werden Sie als nächstes bewirtschaften?

Unsere feste Überzeugung ist, dass unser Geschäftsmodell sehr zukunftsfähig und mittlerweile auch im Markt akzeptiert ist. Wir sind davon überzeugt, dass wir auch andere Standorte erfolgreich betreiben können.

Wir werden in den nächsten Jahren im Bereich der Chemie- und Pharmabranche eine Standortkonsolidierung in Deutschland und Europa erleben. Kleine Standorte werden sich aufgrund der Infrastrukturkosten nicht erfolgreich im internationalen Wettbewerb behaupten können. Infraserv Höchst ist gut positioniert, um eine aktive Rolle in diesem Konsolidierungsprozess zu spielen. Die Übernahme des Standorts Griesheim war für uns ein erster Schritt - der erste durch Infraserv übernommene Standortbetrieb außerhalb des Industrieparks Höchst. Das Thema externes Wachstum steht bei uns auf der Agenda.

Übernimmt Infraserv in diesem Jahr den Betrieb eines weiteren Industrieparks?

Das streben wir an. Ob es in diesem Jahr eine weitere Übernahme einer Standortbetreiberfunktion geben wird, kann ich heute noch nicht sagen.

Ist der Industriepark Höchst ein Modell für das Wirtschaften der Zukunft?

Er kann Modellcharakter für bestimmte Branchen und bestimmte Regionen haben. Die chemische und pharmazeutische Industrie ist auf hocheffiziente Infrastruktureinrichtungen im Ver- und Entsorgungsbereich angewiesen.

Es macht für produzierende Unternehmen jedoch keinen Sinn, diese Einrichtungen selbst vorzuhalten, zu betreiben und hier Investitionen zu tätigen. Unser Geschäftsmodell bietet echte Synergiepotenziale für unsere Kunden und damit wettbewerbsfähige Kostenstrukturen. Insofern machen Industrieparks mit einem professionellen Standortbetreiber in unserer Branche Sinn. In anderen Teilbranchen kann dieses Modell aber auch funktionieren. Dazu zählen zum Beispiel die Petrochemie und die Papierindustrie, also klassische Prozessindustrien.

Infraserv ist aus der Hoechst AG hervorgegangen. Standen Sie hinter der Umstrukturierung?

Meine persönliche Überzeugung ist, dass Mitte der 90er Jahre, als die Konzernrestrukturierung angestoßen worden ist, Veränderungen überfällig waren. Die Hoechst AG hätte in den alten Strukturen nicht auf Dauer überleben können. Die Neuausrichtung habe ich aus tiefstem Herzen begleitet. Mit der Neustrukturierung haben wir eine Transparenz geschaffen, die bei der Hoechst AG nie vorhanden war. Die Management-Verantwortlichkeiten wurden klar zugeordnet, und man hat einen Standort wie den Industriepark Höchst für Wettbewerb von außen geöffnet. Nichts ist so heilsam wie Wettbewerbsdruck.

Was halten Sie von der Politik?

Es gibt offensichtlich eine gewisse Tendenz hin zur situativen Beliebigkeit von Entscheidungen - und zwar quer über all Parteigrenzen hinweg.

Dass heißt, bestimmte politische Grundüberzeugungen werden in Frage gestellt, wenn es opportun erscheint. Das gilt auch für die Wirtschafts- und Finanzpolitik. Wir unterstützen als Unternehmen und als chemische Industrie insgesamt beispielsweise die politischen Bestrebungen im Hinblick auf die Steigerung der Energieeffizienz und die Reduzierung der CO2-Emissionen. Wenn man aber sieht, wie dieses Ziel politisch mit der künftigen entgeltlichen Zuteilung von Emissionsrechten umgesetzt werden soll, sehe ich für die deutsche Industrie ein massives Wettbewerbsproblem. Der Politik geht es ganz offensichtlich nicht mehr primär um die CO2-Emissionen, sondern um das Stopfen von Haushaltslöchern. Denn: Wir als Industriepark-Betreiber nutzen die Kraftwärmekopplung und erreichen Effizienzgrade in der Größenordnung von 90 Prozent. Wir haben also technisch gar nicht die Möglichkeit, die Effizienz weiter zu steigern - anders als klassische Kraftwerksbetreiber, deren Anlagen weit weniger effizient sind.

Dennoch müssen wir nach dem jetzigen Stand der Diskussionen künftig CO2-Rechte entgeltlich übernehmen. Das bedeutet in einem globalen Standortwettbewerb Wettbewerbsnachteile für uns. Deswegen fordern wir eine kostenfreie Zuteilung von CO2-Emissionsrechten auf Basis bestmöglicher technologischer Standards, mit anschließender entgeltlicher Handelbarkeit der Emissionsrechte. Damit würde man dieselben Steuerungseffekte im Hinblick auf die gewünschte CO2-Reduktion erzielen, ohne energieintensive und effiziente Unternehmen im Wettbewerb zu benachteiligen.

Sie bereisen exotische Länder. Was bedeutet das Eintauchen in andere Kulturen?

Es ist eine Erweiterung des persönlichen Horizonts. Es bedeutet aber auch, herkömmliche Betrachtungsweisen in Frage zu stellen. Als Westeuropäer muss man sich erst einmal in anderen Regionen der Erde umschauen, um zu erkennen, wie gut unsere Lebensverhältnisse hierzulande sind. Die existenziellen Herausforderungen, mit denen Menschen in anderen Ländern tagtäglich konfrontiert werden, sind für uns doch unvorstellbar. Da relativiert sich manches, und es wird einem wieder bewusst, dass wir in Deutschland hin und wieder auf einem sehr hohen Niveau klagen.

Quelle: op-online.de

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