„Yesterday. Die Sixties in Buch und Schrift“ zeigt Pop Art

Inspiriert vom neuen Geist

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Der deutsche Künstler Mike Rose nannte seine farbkräftigen Buchstaben-Collagen „Communication Art“ - Fotos:

Offenbach - Die 1960er Jahre werden in der neuen Schau des Offenbacher Klingspor- Museums lebendig. „Yesterday. Die Sixties in Buch und Schrift“ reflektiert eine bewegte Zeit in Werken regionaler und internationaler Künstler. Von Reinhold Gries 

Museumsdirektor Hans A. Halbey stellte damals Weichen, die weit über den Nachlass zu Rudolf Koch und Co. hinausgingen. Der feuerrote Schriftteppich des gerade 90 Jahre alt gewordenen Dreieichenhainer Textilkünstlers und Malers Heinz Diekmann, eigens für das Klingspor-Museum realisiert, wirkt wie ein Signal für die neue Zeit. Nicht zufällig geht es da ums „Menetekel“. Inspiriert vom neuen Geist war auch Mike Rose, dessen Communication-Art Anregungen der Pariser „Groupe Lettriste“ collageartig in abstrakt gemalte Schriftbilder übernahm. Malpoeten waren auch andere, die das Klingspor in raren Plakaten, Künstlerbüchern, Drucken und Originalarbeiten vorstellt. Dafür stehen Ernst Jandls „Konkrete Poesie“ in fast dadaistischer Typographie, HAP Grieshabers griffig-expressive Holzschnitte, Horst Antes´ surreale Kopffüßler-Welt, Victor Vasarelys Optical-Art-Linienspiele und Max Ernsts experimentelle Radierungen. Ein „Who is Who“ der Moderne, das allzu lange in Magazinen des Offenbacher Museums schlummerte.

Zum Ereignis wird die Ausstellung auch durch seine phantastischen Bestände an Pop Art amerikanischer wie deutscher Ausprägung. Nicht von ungefähr tauchen The Beatles in typisch poppiger Art mitten im „Meer der Löcher“-Spiel auf oder die blonde Ikone Marylin Monroe mitten im Artist Lexikon. Die Signale wurden überall gehört: neue Sexualmoral, freie Kunst und Liebe, Musik, die direkt in die Magengrube fährt, Flower Power mit freizügigem Drogenkonsum, aber auch der Schrei nach mehr Demokratie.

Anspruchsvolle und avantgardistische Seite der Pop Art

Ein Siebdruck von Robert Indiana im Pop-Art-Buch „Numbers“ von Robert Creeley aus dem Jahre 1968: Das Klingspor-Museum zeigt Prunkstücke einer bewegten Zeit.

Bürgerschreckartiges ist weniger die Intention der Klingspor-Ausstellung. Auch das Tournee-Plakat zu Jimi Hendrix’ 69er-Tour des in Offenbach lebenden Grafikers Günther Kieser fällt keineswegs aus der Rolle. Natürlich zeigt man auch Typisches von Tom Wesselman und Roy Lichtenstein. Aber schon Robert Rauschenbergs Drucke und Zeichnungen zu Dantes Inferno zeigen die andere, künstlerisch hoch anspruchsvolle und avantgardistische Seite der Pop Art. Je mehr man darin eintaucht, umso mehr erkennt man das künstlerische Potential. Nicht nur bei Robert Indianas „Numbers“ oder einem herrlichen Künstlerbuch zum legendären Sunsetstrip in Los Angeles. Dazu kamen die frischen Ideen und Happenings der Fluxus-Bewegung zwischen New York und Wiesbaden, die heute noch so aufrühren wie gestern.

Was Otto Normalbürger einst provozierte, ist heute zeitlos geworden. Dazu zeigt das Klingspor-Museum auch Bedeutendes aus unserer Region, das in den 60er/70er Jahren im Weltmaßstab mithalten konnte. Das sieht man an nie veröffentlichten „gesichtslosen Gesichtern“ des Neu-Isenburger Künstlers Walter Zimbrich „Wally“ und „Edeltraud II“. Als Xylomontagen gehören sie zum Besten, was aus Holzstich gemacht wurde. Herrlich vertrackt auch serielle Künstlerbuch-Vexierbilder von Thomas Bayrle und Bernhard Jäger, die ihren erotischen Hintergrund durchaus geschickt zu tarnen wissen. Daneben imponiert Hans Hillmanns großformatiges Filmplakat zur Akira Kurosawas „Die 7 Samurai“ wie eine moderne Version des Schlachtenbildes. Dass in diesem Pop-Art-Haifischbecken auch „Sister Corita“, eine amerikanische Nonne, mitmischte, passte in die damalige Aufbruchsstimmung, von der man heute wieder gern etwas mehr hätte. Nicht nur in der Kunst.

„Yesterday. Die Sixties in Buch und Schrift“ vom 20. Mai bis 28. Juni im Klingspor-Museum, Offenbach, Herrnstraße 80. Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag und Freitag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch 14 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 16 Uhr

Quelle: op-online.de

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