„Prometeo“ am Staatstheater Darmstadt

Raumgreifendes Theater der Klänge

Darmstadt - In seiner leisen Art ist Luigi Nonos „Prometeo“, im Untertitel deklariert als „Tragödie des Hörens“, eines der strahlkräftigsten Werke der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts. Es setzt einen gewissen technischen Aufwand voraus und wird deshalb selten aufgeführt. Von Stefan Michalzik 

Im Opern-Repertoirebetrieb eines Stadttheaters taucht diese Rarität erst jetzt zum ersten Mal überhaupt auf. Das Darmstädter Staatstheater hat sich für die sorgfältige Einrichtung durch den Intendanten Karsten Wiegand die Sporthalle am Böllenfalltor erschlossen.

Auf diesen speziellen Raum kommt es nicht an. Der Raum als solcher ist ein grundlegender Parameter für dieses Theater der Klänge. Das mehrsprachige, von dem Philosophen Massimo Cacciari montierte Libretto kreist um den antiken Mythos vom suchenden Aufklärer Prometheus; die Texte gehen unter anderem auf Hölderlin und Walter Benjamin zurück. Unmittelbar nachzuvollziehen sind sie einzig durch die Lektüre im Programmheft. Szenische Bilder gibt es nicht und keine Bühne. Alles spielt sich rund um das Publikum herum ab. Worte lösen sich in Klang auf, Klänge schweben mittels Elektronik und Lautsprechern im Raum umher. Instrumentalgruppen, Chor, Vokalsolisten und Sprecher sind auf Podien postiert. Neben dem Dirigenten Johannes Harneit sind zwei Subdirigenten erforderlich, vier erfahrene Kräfte vom Experimentalstudio des SWR braucht es für die Steuerung der Live-Elektronik.

Vor Beginn werden die Zuschauer - überflüssigerweise - mit verdeckten Augen in Gruppen in die Halle geführt. Die Klappen soll man - sinnstiftenderweise - für die Dauer des ungefähr zwanzigminütigen Prologs aufbehalten. Hier fällt das einzige Wort in einer verständlichen Artikulation. „Ascolta - Höre!“ - das ist es, worauf der 1990 verstorbene italienische Komponist in seinem 1984 in Venedig uraufgeführten opus magnum: Eine neue, von visuellen Bildern unabhängige Form des Hörens.

Zweieinviertel Stunden dauert die Aufführung, mehrmals im Verlauf der neun Teile werden die Zuschauer mittels einer Leuchtschrift dazu aufgefordert, die Plätze auf den Sitzinseln zu wechseln. Auf dass sich die räumliche Perspektive verändert. Das Vergehen von Zeit ist verspürbar, keine Länge. Am Ende ist es düster in der Halle. Einer qualitative Beurteilung entzieht sich dieses Werk. Es geht um keine Interpretation, sondern darum, die vom Komponisten festgelegten Parameter verlässlich umzusetzen. Alles andere passiert beim teilnehmenden Hörer. Das ist ungeheuer viel, so lässt es sich aus einem Applaus ohne Ende schließen.

Quelle: op-online.de

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