Schulbeginn

„Kinderängste ernst nehmen“

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Gemischte Gefühle zum Schulstart: Während sich viele Kinder schon seit Wochen auf ihre Klasse freuen, ist es bei manchen doch auch so, dass sie dem Unterricht eher mit Bangen entgegensehen.

Dietzenbach - Die schönste Zeit des Jahres geht zu Ende. Am Montag starten Hessens Schulen wieder durch und viele Eltern fragen sich: Wie kann ich mein Kind unterstützen? Ein Dietzenbacher Erziehungsberater mahnt zur Gelassenheit und gibt Tipps.

Der Schulbeginn am nächsten Montag kann nicht nur für die Erstklässler erhebliche Umstellungen und Probleme nach sich ziehen. Denn Schätzungen zufolge leiden pro Schulklasse ein bis zwei Schüler an Schulangst, -phobie oder anderen Verhaltensauffälligkeiten. Die Folgen zeigen sich in mangelnden schulischen Erfolgen und in körperlichen Beschwerden. Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei dem Erziehungsberater Diethelm Sannwald in Dietzenbach nach. Er ist Leiter des Beratungszentrums Mitte des Diakonischen Werks Offenbach-Dreieich-Rodgau.

Welche Hilfen sollten Eltern Grundschülern zum Schulstart anbieten? Viele meinen ja, jetzt wird es ernst?

Es besteht eine gewisse Gefahr, dass Eltern von frischgebackenen Grundschülern in so eine Haltung hineinkommen: jetzt ist Schluss mit lustig, jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Weil man denkt, dass mit Eintritt in die Schule die spielerische, kleinkindliche Lebensphase zu Ende ist und es nun darum geht, sich Kompetenzen und Wissen anzueignen, um dann später erfolgreich im Wettbewerb um gute Ausbildungsstellen, Studienplätze und Berufsperspektiven zu konkurrieren.

Das geht in der Regel mit einer inneren Anspannung einher, die sich auf die Kinder überträgt. Falsch ist darüber hinaus die verbreitete Annahme, dass alles was Spaß macht, einen nicht ernsthaft weiterbringen könne. Das Gegenteil ist der Fall. Je lockerer und spielerischer Lernen vor sich geht, je höher also der Spaßfaktor ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gelernte auch „hängenbleibt“, also in den persönlichen Erfahrungsschatz integriert wird. Das ist wissenschaftlich belegt und hat damit zu tun, dass wir Erfahrungen mit positiver, emotionaler Beteiligung nachhaltiger abspeichern als stur auswendig Gelerntes.

Mütter und Väter sollten also gelassen sein. Trotzdem möchten sie ihrem Kind helfen - zum Beispiel bei den Hausaufgaben.

Ausschlaggebend ist weniger, ob Eltern neben ihren Kindern sitzen, wenn diese Hausaufgaben machen, oder nicht. Es geht vielmehr darum, eine entspannte, störungsfreie Atmosphäre zu schaffen, die den Kindern hilft, sich zu konzentrieren. Hilfreich ist sicherlich auch, wenn die Eltern sich von ihrem Kind die gestellten Hausaufgaben zeigen (und erklären) lassen und für ihr Kind ansprechbar sind, während es die Hausaufgaben erledigt.

Welchen Tipp geben Sie, wenn es etwa darum geht Vorurteile abzubauen - gegen Lehrer, die man vielleicht nicht mag, oder Fächer, die dem Schüler nicht liegen?

Also das ist eine echte Herausforderung. Jeder von uns weiß, wie es ist, wenn man einen Kollegen oder einen Vorgesetzten hat, der einem unsympathisch ist, oder Aufgaben, die einem nicht liegen und denen man am liebsten aus dem Weg gehen würde. Das tun wir ja auch, da wo es möglich ist und uns nicht zu viele Nachteile einbringt. Da, wo es nicht gut möglich ist, beißen wir in der Regel die Zähne zusammen, wie man so schön sagt, und beißen uns irgendwie durch. Wir sind nun mal als Menschen so gebaut, dass wir nach dem streben, was sich gut anfühlt, und unangenehmen Situationen nach Möglichkeit aus dem Weg gehen.

Was heißt das nun für den Umgang mit Grundschulkindern?

Man sollte nicht versuchen der eigenen Tochter einzureden, dass Lehrer X, den sie doof findet, doch eigentlich ein netter Mensch sei. Oder dem eigenen Sohn, dass sein „Hassfach“ doch eigentlich interessant und anregend sei. Die Chancen, das solche gut gemeinten Ermunterungen angenommen werden, stehen eher schlecht. Oft steckt hinter der Ablehnung einer Lehrperson die Angst vor Überforderung, vor dem Neuen oder der Herausforderung, der man sich noch nicht gewachsen fühlt. Dann ist es hilfreich, wenn Eltern Verständnis äußern und beispielsweise sagen: „Ja, das kenne ich. Als ich ein Schüler war, gab es auch so einen Lehrer. Der hat mir sogar Angst gemacht, weil ich das Gefühl hatte, der sieht alles, was ich nicht kann.“ Und vielleicht gibt es sogar eine interessante Geschichte, wie sich diese Situation damals weiter entwickelt hatte.

Abgesehen davon wird man im Leben immer wieder mit Menschen und Dingen bzw. Aufgaben konfrontiert, die man nicht mag ...

Ja - und es ist in der Tat eine wichtige Fähigkeit, Unlustgefühle auszuhalten und auch einmal an einer Aufgabe dranzubleiben, die zunächst keinen Spaß macht. Das Erfolgserlebnis ist hinterher unter Umständen umso größer, wenn man es dann doch geschafft hat. Die Psychoanalytiker sprechen in diesem Zusammenhang von „Triebverzicht“ als eine wichtige Voraussetzung zur Entwicklung einer reifen Persönlichkeit. Dies zu lernen ist jedoch keine Sache von einigen Monaten. Es ist vielmehr Teil eines Reifungsprozesses, der sich bis ins Erwachsenenalter erstreckt.

Das klingt jetzt aber wie ein Widerspruch zu ihrem ersten Statement?

Das ist es aber nicht. Denn: Wo immer es geht und möglich ist, sollten wir die Tätigkeiten und Aufgaben des Lebens mit Spaß und Freude erledigen - das gilt nicht nur für Schüler. Und gleichzeitig sollten wir in der Lage sein, uns Situationen zu stellen und Aufgaben zu meistern, die wenig Spaß und Lustgewinn versprechen, weil das im Leben eben unausweichlich und notwendig ist. Menschen, die nur das Eine oder das Andere können, sind in ihrem Handlungsspektrum und ihren Lebensperspektiven stark eingeschränkt.

Oftmals müssen Schüler auch Ängste abbauen. Welche Grundregeln gelten, wenn es um den Start an der neuen Schule geht?

An der Schwelle zu einer neuen Lebenssituation sind Ängste normal. Das kennen wir Erwachsenen auch in Zusammenhang mit einem anstehenden Orts- oder Jobwechsel. Ängste zeigen an, dass wir uns einer neuen Situationen noch nicht gewachsen fühlen. Sie haben also ihre Berechtigung, schließlich hat man noch nicht die Erfahrung gemacht, dass man mit der neuen Situation klarkommt und sie bewältigen kann. Nun gibt es Kinder, die sind so voller Zutrauen in die Welt und in sich selber, dass sie angstfrei auf Neues zugehen, es sich vertraut machen und damit im Leben einfach gut klarkommen. Die sind dann als Erwachsene in der Regel kontaktfreudige Menschen, die zugleich in sich selber ruhen.

Das liegt aber nicht jedem ...

Stimmt! Andere sind nicht so vertrauensvoll und zuversichtlich und tun sich schwerer mit neuen Situationen, wie zum Beispiel den Schulstart, umzugehen. Da macht es dann keinen Sinn, ihnen die Ängste ausreden zu wollen. Im Gegenteil: Es geht darum, diese Ängste ernst zu nehmen, mit den Kindern darüber zu reden und - vor allem - sie zu stärken und zu ermutigen. Wenn sich Sechsjährige in solchen Schwellensituationen auf einmal wieder wie Vierjährige verhalten, vielleicht wieder zu den Eltern unter die Bettdecke kriechen oder wieder anfangen am Daumen zu lutschen, dann ist das kein Problem. Man nennt das im psychologischen Fachjargon „regressives Verhalten“. Die Kinder holen sich darüber intensivere, elterliche Zuwendung und sind dann besser gewappnet, um sich den anstehenden Herausforderungen zu stellen. Das regressive Verhalten hört in der Regel nach einer Weile von selber wieder auf. Grundsätzlich gilt: Schwierige Gefühle können sich erst verändern, wenn sie da sein durften. Es gilt also, die Kinder mit ihren Ängsten anzunehmen, sich ihnen mit Geduld und Liebe zuzuwenden und darauf zu vertrauen, dass sie ihren Weg schon weitergehen werden. Das tun sie dann nämlich auch.

Quelle: op-online.de

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