Interview mit Bruder Paulus

„Lebendige Gottesbeweise“

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Bruder Paulus: „Die Kloster-Form heute ist mehr auf Kooperation mit Laien angelegt, wir sind froh um alle, die uns helfen, unsere Berufung zu leben.“

Unsere Redaktionen haben das Osterfest zum Anlass genommen, Geschichte und Geschichten der Klöster und ihrer Gemeinschaften in der Region nachzuspüren. Interview mit Kapuzinerpater Paulus Terwitte aus dem Kloster Liebfrauen in Frankfurt. Von Peter Schulte-Holtey

Viele Klöster in Europa und Nordamerika werden bereits als „geistliche Altersheime“ bezeichnet, tatsächlich ist die Situation vielerorts dramatisch. 2013 bereiteten sich in Deutschland nach einem Bericht der Zeitschrift „Publik Forum“ 62 Novizinnen auf ihren Dienst in einem aktiven Frauenorden vor. 60 Jahre zuvor gab es demnach noch 3500 Novizinnen. Das Durchschnittsalter der Jesuiten in den deutschsprachigen Ordensprovinzen beträgt 65 Jahre. „Die meisten anderen Orden haben einen noch höheren Altersdurchschnitt“, heißt es weiter. Um die Klöster überhaupt noch weiterzuführen, holen viele Orden, so die Zeitschrift, Mitglieder aus Indien oder von den Philippinen nach Europa. Warum begeistern sich immer weniger junge Menschen fürs Leben in einem Orden? Nachgefragt bei Kapuzinerpater Paulus Terwitte aus dem Kloster Liebfrauen in Frankfurt:

Die Kirche wandelt sich derzeit radikal. Was verändert sich in den Klöstern - wo sind sie heute noch genauso beständig wie früher?

Natürlich gab es früher, als es noch Kaiser gab, entsprechende Obrigkeitsstrukturen auch in Klöstern. Die Filmindustrie hat da viel Stoff gefunden für Dramen wie „Leben einer Nonne“. Früher wurden überzählige Jungen oder Mädchen gern auch in Klöstern untergebracht. Doch das ist nun schon lange vorbei. Früher wie heute gibt es den regelmäßigen Tagesablauf, die Liebe zum Bruder, zu Schwester, den Willen zum Gebet und zur Hingabe an Gott und die tätige Nächstenliebe. Das ist in den verschiedenen Orden verschieden ausgeprägt, und das ist auch gut so.

Früher waren die Klöster ja auch Zentren der Bildung und der Wissenschaften. Welche Bedeutung haben Klöster denn heute noch in unserer Gesellschaft?

Sie sind zunächst einmal lebendige Gottesbeweise. Jeder Bruder, jede Schwester hat eine persönliche Erfahrung mit Gott gemacht. Dann kam die Wahl des Klosters. Und darin leben sie nun mit denen zusammen, die ebenfalls von Gott berührt sind. Diese göttlichen Gründe für das Zusammenleben sprechen Zeitgenossen bis heute an. Sie erleben, wie Männer oder Frauen selbstlos um Gottes Liebe willen auf Ehe, Besitz und persönliche Lebensplanung verzichten. Diese Selbstlosigkeit tut Not in einer Zeit, die vor allem dem „ICH“ Weihrauch streut. Klöster werden deswegen gern besucht. Aber wenn ein junger Mann, eine junge Frau sagt „Ich will den Weg eines Ordenschristen gehen!“ dann erfährt er oder sie kaum Unterstützung.

Sicherlich kein einfacher Weg. Die Zahl der Mönche und Brüder, der Nonnen und Schwestern sinkt ... Was läuft da schief?

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Sie sind ähnlich den Ursachen für die immer spätere Heirat von Menschen und das Aufschieben des Elternwerdens: Man möchte so lange wie möglich unabhängig sein. Man versteht Freiheit vor allem als Selbstbestimmungsrecht. Die Bindung an einen Menschen oder an eine Gruppe von Menschen erscheint wie der Eintritt in ein Gefängnis. Dass Liebe jedoch zur Bindung drängt, zu Hingabe, zum einmaligen Akt des Versprechens von Treue einem Partner gegenüber oder eben Gott gegenüber in einem Orden - das müssen sich Jugendliche heute direkt neu erkämpfen. Gesellschaftlich wird die Maxime ausgegeben: Verwirkliche erst einmal dein eigenes Glück. Biblisch und menschlich wäre: Verwirkliche vor allem das Glück des anderen.

Sie leben ja auch in klösterlicher Gemeinschaft. Was ist in ihrem Orden noch typisch für die „Kloster-Form“?

Die Zusammenkünfte zum Gebet, der Austausch über den Glauben und das gemeinsame Arbeiten an einem Projekt wie hier bei uns in Liebfrauen ist typisch. Ebenso typisch ist die offene Tür der Kirche, des Beichtstuhls, des Sprechzimmers und des Franziskustreffs. Letzterer ist wohl besonders charakteristisch: Den armen Mitmenschen einen Platz anbieten, Sie erfahren lassen, wie viel sie wert sind vor Gott und den Brüdern und den vielen Helferinnen und Helfern hier. Die Kloster-Form heute ist mehr auf Kooperation mit Laien angelegt, wir sind froh um alle, die uns helfen, unsere Berufung zu leben. Wir könnten nicht in Exerzitien gehen oder Urlaub machen, wenn wir nicht Leute hier hätten, die für uns die eine oder andere Aufgabe dann erledigen. Selber Priester aus der Umgebung des Klosters helfen mit, dass so regelmäßig wie gewohnt alle Gottesdienste in der Kirche stattfinden können.

Was wünschen Sie sich für ihr Leben als Kapuziner in Zukunft?

Ich hoffe sehr, dass meine Freude und mein erfülltes Leben Funken schlägt, die Begeisterung für Gott und für die Nächstenliebe wecken. Mir ist nicht bang um den Bestand unseres Klosters. Wenn Sie durch die Landschaft fahren, können sie viele ehemalige Klöster sehen. Sie hatte ihre Zeit, und vielleicht wird man das auch einmal von den Kapuzinern sagen. Mir läge viel daran, dass die jungen Brüder bei uns frei sind, ihre Berufung zu leben. Es wäre schade, wenn sie verheizt würden, etwas Altes noch ein bisschen länger aufrechterhalten zu müssen. Wer wirklich ehelos, arm und gehorsam frei wie Jesus sein will, der kann es auch heute im Kapuzinerorden sein; den Weg dafür will ich unbedingt freihalten helfen.

Prozessionen am Karfreitag in Jerusalem

Prozessionen am Karfreitag in Jerusalem und weiteren Städten

ZUR PERSON: Bruder Paulus Terwitte, geboren 1959 im westfälischen Stadtlohn studierte zunächst Theologie und trat in den Kapuzinerorden ein. Bundesweit bekannt wurde er durch zahlreiche Bücher und journalistische Veröffentlichungen sowie durch Fernsehauftritte bei „Hart aber fair“, Anne Will und Maybrit Illner. Darüber hinaus kommt er in Sendungen auf SAT1, HR4 und dem Domradio Köln zu Wort. Er leitet das Kapuzinerkloster Liebfrauen in Frankfurt, ist dort Beicht- und Gesprächsseelsorger und verantwortlich für den Franziskustreff, den Frühstücksraum für arme und obdachlose Menschen.

Quelle: op-online.de

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