Landrat Oliver Quilling im Interview

Der Wert? Unbezahlbar!

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Sieht für Schulen und Vereine Chancen durch Kooperationen: Oliver Quilling

Offenbach - In Sachen Ehrenamt sind die Bürger des Kreises Offenbach führend in Hessen. Wie viele freiwillige Helfer in der Region er schon ausgezeichnet hat, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall kennt Oliver Quilling (CDU) als Landrat den Wert ehrenamtlicher Arbeit.

Eine Gesellschaft ohne dieses Engagement ist für ihn nicht vorstellbar. Mit Quilling sprach unser Redaktionsmitglied Ralf Enders.

Die Ehrenamtsagentur des Kreises wurde 2003 eingerichtet. Wie fällt die Bilanz nach zehn Jahren aus?

Rundum positiv. Das ehrenamtliche Engagement hat im Kreis Offenbach seit langem einen hohen Stellenwert. Mit der Gründung der Ehrenamtsagentur 2003 haben wir eine wichtige Voraussetzung geschaffen, um die Arbeit der Ehrenamtlichen gezielt zu unterstützen. Dazu gehört unter anderem die finanzielle Förderung und Bereitstellung von Ressourcen, die fachliche Beratung und eine maßgeschneiderte Qualifizierung. Mittlerweile nutzen viele der über 1 800 Vereine im Kreis Offenbach die unterschiedlichen Angebote der Ehrenamtsagentur. Mit Veranstaltungen wie „Ehrenabend für Engagierte“ oder im kommenden Jahr „EHRENAMT IST interKULTurell“ werden, außerdem die Vernetzung gefördert und Synergien geschaffen.

Gibt es Schätzungen oder belegte Zahlen, wie viele Menschen im Kreis Offenbach ehrenamtlich engagiert sind?

Beim letzten Freiwilligensurvey 2009, bei dem diese Zahlen erhoben werden und der alle fünf Jahre durchgeführt wird, waren 36 Prozent der Kreisbevölkerung ehrenamtlich aktiv. Dass das bürgerschaftliche Engagement im Kreis Offenbach außergewöhnlich hoch ist, zeigt auch ein Blick in das aktuelle landesweite Ranking bei der Ehrenamtscard. Hier belegen wir mit 1 422 E-Card-Inhabern, Menschen, die sich mindestens fünf Stunden wöchentlich freiwillig engagieren, unangefochten den 1. Platz in Hessen.

Wie sähe das öffentliche Leben aus Ihrer Sicht ohne diese ehrenamtlich Tätigen aus?

Das kann ich mir nicht vorzustellen, denn das ehrenamtliche Engagement ist und bleibt unverzichtbarer Bestandteil unseres öffentlichen Lebens. Dazu gehört die „Vorlese-Oma“ in der Grundschule ebenso wie die ehrenamtlichen Politiker, die ehrenamtlichen Richter, die freiwilligen Feuerwehren, Menschen, die in ihrer Freizeit Kranken- und Altenbesuche machen oder die generationsübergreifende Schülerhilfe: Wie breit gefächert diese Aktivitäten, nicht nur in den klassischen Vereinsstrukturen sind und welche Leistungen sich dahinter verbergen, ist vielen gar nicht bewusst.

Vereinen und Organisationen fehlt es an Nachwuchs. Was sind für Sie die erfolgversprechendsten Rezepte gegen diese Entwicklung?

Viele junge Leute sind bereit, sich zu engagieren. Bestes Beispiel: Der Jugendengagementpreis 2013, der heute am Tag des Ehrenamtes für neun herausragende Projekte junger Menschen verliehen wird. Das zeigt: Kinder und Jugendliche sind vielfach ehrenamtlich aktiv, ohne das selbst so zu bezeichnen, beispielsweise als Streitschlichter - allein über 660 als qualifizierte Bus- und Bahnbegleiter -, im Jugendbereich, in Schulen, Jugendorganisationen, in Freundeskreisen oder ganz individuell für einzelne Projekte in ihrem Lebensumfeld. Hier gilt es, das einmal geweckte Interesse dauerhaft wach zu halten, und hier leisten auch die Vereine nach wie vor vorbildliche Arbeit. Und ehrenamtliches Engagement bringt etwas: Nicht nur Erfahrung fürs Leben sondern, wie unsere beiden Ehrenamtsstudien dokumentieren, auch in hohem Maß persönliche Zufriedenheit und Freude an der Tätigkeit.

In Deutschland treiben Kinder hauptsächlich in Vereinen Sport, in den USA fast nur in Schulen. Ist eine Entwicklung dorthin auch bei uns vorstellbar?

In Deutschland wird es immer bürgerschaftliches Engagement in Vereinen geben. Sinnvoll ist es, die Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen zu festigen. Gerade mit Blick auf den Ausbau der Ganztagesschule eröffnen sich Chancen, von der beide Seiten profitieren können.

Im Berufsleben gibt es klare Strukturen bei Streitigkeiten, in Vereinen oft nicht. Was kann man tun, um Ehrenamtliche vor unangemessenen Beschwerden über ihre Arbeit oder gar Haftungsansprüchen zu schützen?

Wesentlich ist die Stärkung der Kompetenzen und die qualifizierte Schulung der Ehrenamtlichen, und das ist eine der Kernaufgaben der Ehrenamtsagentur. Mit der Kreisvolkshochschule erarbeitet sie für jedes Semester zielgerichtete Schulungsprogramme, und sie ist in jedem strittigen Fall Ansprechpartner, der weiterhelfen kann. Tatsächlich sind Streitigkeiten jedoch eher die Ausnahme.

Angesichts der Personalmisere im Ehrenamt gibt es Forderungen, Ehrenämter zeitlich zu begrenzen, um nicht auf Lebenszeit „verhaftet“ zu sein, oder Ehrenämter symbolisch zu entlohnen. Was halten Sie davon?

Funktionen in Vereinen sind immer befristet, aber tatsächlich ist es mit Blick auf die Arbeitsbelastung nicht immer leicht, Nachfolger zu finden. Wir setzen unsererseits alles daran, das Ehrenamt angemessen zu würdigen und Danke zu sagen. Zahlreiche Ehrungen wie die Verleihung des Ehrenbriefes des Landes Hessen, die Sportplakette oder der Bürgerpreis für ehrenamtliche Sozialarbeit sollen die Arbeit anerkennen und die besondere Leistung herausstellen. Ein kleines Dankeschön ist auch die Ehrenamtscard mit den Vergünstigungen.

Aber ehrenamtliches Engagement ist und bleibt unbezahlbar, es lebt vom Einsatz eines jeden Einzelnen und daran würde auch eine symbolische Entlohnung nichts ändern.

Quelle: op-online.de

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