Wenn Krankenhäuser werben

Interview: Verdi-Klinikexperte Schulze-Ziehaus zu neuem Arbeitszeitmodell

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Pfleger im Einsatz: Verdi ist für Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich.

Offenbach – In den beiden Frankfurter Rotkreuz-Kliniken arbeiten die Pflegekräfte seit Jahresbeginn nicht mehr 38,5 Stunden, sondern nur noch 35 Stunden – und das bei vollem Lohnausgleich.

Ist das ein gutes Beispiel dafür, wie die Versorgung von Patienten auf den Stationen in Krankenhäusern verbessert werden kann? Nachgefragt bei Georg Schulze-Ziehaus, Krankenhaus-Experte der Gewerkschaft Verdi in Hessen:

Hat Sie der Vorstoß der Rotkreuz-Kliniken überrascht?

Der eklatante Mangel an Pflegekräften hat sich im letzten Jahr noch weiter verschärft. Daher erwarten wir grundsätzlich in diesem Jahr eine Vielzahl von unterschiedlichen Projekten vieler Arbeitgeber, um auf dem leergefegten Arbeitsmarkt noch Fachkräfte für sich zu gewinnen.

Für Kollegen, die eine neue Stelle suchen, sind dabei nicht allein die Verdienstmöglichkeiten – die müssen natürlich stimmen – bei der Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber ausschlaggebend, sondern auch die sonstigen Rahmenbedingungen, da ist natürlich eine um 3,5 Stunden verkürzte Wochenarbeitszeit bei vollem Lohn ein wichtiges Argument.

Ist das Projekt für Sie als Gewerkschaftler vorbildlich – sollten und können andere Krankenhäuser in Hessen nachziehen?

Natürlich ist eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich immer ein Beispiel, das auch in anderen Kliniken Schule machen sollte. Allerdings: der Vorstoß in den Frankfurter Rotkreuz-Kliniken ist nach den Presseberichten zunächst eine einseitige zeitlich auf zwei Jahre befristete Entscheidung eines Arbeitgebers ohne direkte tarifliche Bindung.

Wir sehen es durchaus auch als problematisch an, wenn nach der Welle der Abwerbeprämien für Fachpersonal nun noch einmal befristete Arbeitszeitboni „draufgelegt“ werden – Beschäftigte in Kliniken suchen überwiegend eine längerfristige Beschäftigungsperspektive.

Aber es gibt ja noch weitere Berufsgruppen im Krankenhaus, die alle zusammen für die gute Behandlung der Patienten wichtig sind ...

Genau – zum Beispiel Servicekräfte und Ärzte. Dort ist eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn ebenso erforderlich. Da gibt es also im Wettbewerb um gute Arbeitsbedingungen für Krankenhausbeschäftigte noch vieles, das andere Kliniken auch noch besser machen könnten. Und last but not least: Verlässliche Dienstpläne sind für Pflegekräfte ebenso wichtig. Die 35 Stundenwoche bei vollem Lohn- und Personalausgleich würde konterkariert, wenn wie derzeit Pflegekräfte weiterhin ständig an ihren freien Wochenenden für fehlende Kollegen einspringen müssten.

Und was versprechen Sie sich von den vom Bundesgesundheitsminister geplanten Vorgaben für die Mindestpersonalzahl auf den Stationen? Sollte auch die hessische Landesregierung tätig werden? 

Offen gesagt verspreche ich mir von den seit 1. Januar dieses Jahres in einigen Klinikbereichen geltenden sogenannten „Personaluntergrenzen“ nicht viel. Grundlage der Verordnung sind die Zahlen des bundesweit eingesetzten Pflegepersonals in dem Viertel aller Kliniken, das sowieso die niedrigste Personalausstattung hatte.

Wie werde ich...? Kinderkrankenpfleger/in

Was heißt das im Klartext?

Drei Viertel aller Kliniken hatten in den letzten Jahren mehr Pflegepersonal eingesetzt. Da sind wir von einer am individuellen Pflegebedarf der Patienten orientierten Mindestpersonalbesetzung noch meilenweit entfernt. Die negativen Auswirkungen der sogenannten „Pflegepersonaluntergrenzenverordnung“ erleben wir allerdings schon jetzt, wenn überlastete Pflegekräfte von ihren Arbeitgebern den Hinweis bekommen, die Überlastung könne doch für sie gar nicht so groß sein, ihre aktuelle Personalbesetzung läge doch auf Höhe der Personaluntergrenzen.

Daher: natürlich wäre es gut, wenn die hessische Landesregierung hier für bessere und vor allem bedarfsgerechte Personalstandards sorgen würde. Allerdings habe ich im Koalitionsvertrag leider keinen Hinweis darauf finden können, dass das auch beabsichtigt sein sollte.

Das Interview führte Peter Schulte-Holtey.

Quelle: op-online.de

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