Fluglärmproteste: Gewerkschaften in der Zwickmühle

Frankfurt - Wehe, die zunehmenden Proteste gegen den Fluglärm werden zu Jobkillern am Flughafen! Über diese Furcht wird bei Mitarbeitern von Fraport, beim Bodenpersonal oder bei Speditionen heftig diskutiert. Gewerkschaften in Hessen bringt die Nervosität in eine missliche Lage. Von Peter Schulte-Holtey

Sie wollen einerseits die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder schützen, andererseits reihen sie sich bei den Demonstranten ein, die Einschränkungen beim Flugbetrieb bzw. zumindest keinen weiteren Ausbau wollen.

Wie halten es denn nun die Macher beim Deutschen-Gewerkschaftsbund (DGB) und der Gewerkschaft Verdi mit dem Lärmschutz-Ausbau-Thema? Wer nach Antworten sucht, kommt an Gerold Schaub nicht vorbei. Er ist ein „Irgendwo-dazwischen-Mann“, Verdi-Landesfachbereichsleiter-Verkehr und zugleich stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Fraport. Zwei Jobs - und Schaub als Wanderer zwischen zwei Welten. Manche Ausbaugegner werfen ihm „einen konsequenten Tunnelblick auf die Arbeitsplatzfrage“ vor. Er sieht das völlig anders. Doch seine Zwangslage ist unübersehbar, wenn er feststellt: „Bei der über zehnjährigen Ausbaudiskussion wurde das Thema Arbeitsplatzentwicklung, Qualität der Arbeitsplätze und Kapazitätsausbau nicht gegenüber dem berechtigten Interesse der Wohnbevölkerung nach Nachtruhe bzw. nach Lärmminderung als höherrangig eingestuft. Vielmehr ist es immer eine Abwägung in einer Gesamtbetrachtung, zu welchem Ergebnis man kommt.“ Daher gebe es selbst bei den am Flughafen Beschäftigten unterschiedlichste Meinungen, meint Schaub und schiebt nach: „Dennoch darf die mit dem Flughafen einhergehende wachsende Wirtschaftskraft für die Region und das Land nicht vergessen werden. Der Flughafen ist und bleibt die zentrale Infrastruktureinrichtung.“

Gewerkschaften haben die Ergebnisse der Mediation begrüßt

Wie passt das zusammen? Schaub nimmt Anlauf 2: „Die hessischen Gewerkschaften haben durch den DGB die Ergebnisse der Mediation begrüßt und halten sie als zusammengehörend; das heißt Kapazitätsausbau und Nachtflugverbot ebenso wie aktiver Lärmschutz und Dialog.“ Und wird sich Verdi am weiteren Protest gegen den Fluglärm beteiligen? Der Verdi-Mann zur Zwitterstellung: „In dieser Frage wird es keine einheitliche Meinung von Verdi geben.“ Gewerkschaftler werden sich laut Schaub an Protesten beteiligen und zugleich auch weiterhin für die Kapazitätsausweitung einstehen. Alexandre da Silva, Regionsgeschäftsführer beim DGB-Südosthessen, ergänzt: „Wir haben kein Problem damit, in dieser Frage zwei Meinungen in der Organisation zu akzeptieren - zumal beide Standpunkte absolut ihre Berechtigung finden.“ Einen Seitenhieb gegen die Landesregierung fügt er noch an: „Ich sehe daher eher die Landesregierung in der Zwickmühle, wenn sie einerseits unter dem Druck der Proteste anfängt, kryptisch über ,Nicht-Auslastung der Kapazitäten’ nachzudenken, andererseits die Umsetzung der für alle vertretbaren Vorschläge aus der Mediation schlichtweg verpennt hat.“

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Dass sich Schaub und seine Kollegen in einer sehr unkomfortablen Lage befinden, liegt auf der Hand. „Hü und Hott“ - das wird auf Dauer nicht gehen. Sie müssen Flagge zeigen, denn von den Beschäftigten am Flughafen sind mehrere Tausend bei Verdi organisiert. Das Problem: Ein großer Teil der Belegschaft sieht die entscheidende Legitimation der Gewerkschaft darin, dass sie vorrangig für die Sicherung der Jobs am Flughafen eintritt. Andere Airport-Beschäftigte sehen Verdi dagegen in erster Linie in der Pflicht, den Ausbau um jeden Preis abzulehnen; es könne doch nicht im Sinne einer Gewerkschaft sein, die Gesundheit von tausenden von Menschen aufs Spiel zu setzen, argumentieren sie.

Verdi und DGB in der „Sowohl-als-auch”-Haltung

Verdi und DGB in der „Sowohl-als-auch”-Haltung: Reibereien mit Parteien und Bürgerinitiativen bleiben dabei nicht aus. So beschwerte sich die Wählergemeinschaft FAG Flughafenausbaugegner jetzt darüber, dass der DGB ihre OB-Kandidatin zur Podiumsdiskussion zur Oberbürgermeisterwahl zunächst nicht eingeladen hatte. Als dann doch noch der Brief vom DGB kam, sagte man ab.

Interessant ist der Blick in Richtung Nachbar-Flughafen Köln-Bonn. Auch dort rumort es bei Anwohnern. Der örtliche DGB-Vorsitzende Andreas Kossiski zeigt aber klare Kante, kein „irgendwo-dazwischen“. Er kritisiert das Vorhaben der rot-grünen Landesregierung Nordrhein-Westfalens, Nachtflüge für Passagiermaschinen von 0 bis 5 Uhr zu verbieten. Der Gewerkschaftler: „Ich sehe die Gefahr, dass ein Nachtflugverbot im Passagierbereich ein Verbot der Nachtflüge im Frachtbereich nach sich ziehen könnte. Ein Nachtflugverbot im Frachtbereich würde die Betriebe und die Arbeitsplätze am Flughafen gefährden. Der Flughafen Köln-Bonn und die am Flughafen operierenden Unternehmen brauchen Planungssicherheit.“ Ohne die Verlängerung der Nachtfluggenehmigung wäre z. B. FedEx nicht nach Köln-Bonn gekommen. Auch UPS dränge auf Klarheit. Zudem habe eine Studie des Prognos-Instituts ergeben, dass ein Nachtflugverbot im Passagierbereich bereits im ersten Jahr in der Kölner Region zum Wegfall von 1700 Jobs führen würde, berichtet Gewerkschaftler Kossiski. Ein Wink gen Frankfurt?

Quelle: op-online.de

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