Anzahl verdoppelt: Bundesweit 700 „Gotteskrieger“

Islamisten: Aus Hessen Reise in die Krisengebiete

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Wiesbaden/Dietzenbach/Frankfurt - Die Zahl der von Hessen und aus ganz Deutschland in die Krisengebiete in Nahost reisenden Islamisten steigt weiter an und hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Gleichzeitig suchen Experten fieberhaft nach Präventionskonzepten.

„Den Sicherheitsbehörden liegen Erkenntnisse zu „etwa 120 Islamisten vor, die in Richtung Syrien/Irak gereist sind, um dort auf Seiten des Islamistischen Staates und anderer terroristischer Gruppierungen an Kampfhandlungen teilzunehmen“, sagte gestern Marco Krause, Sprecher des Hessischen Innenministeriums. Dies würde eine Verdoppelung der aus Hessen stammenden Teilnehmer an den heiligen Kriegen in Nahost binnen eines Jahres bedeuten. Allerdings liegen laut Innenministerium nicht in jedem Fall Beweise vor, dass sich die fraglichen Personen tatsächlich in den Kriegsgebieten aufhalten. Die Gruppe bestehe zu 75 Prozent aus Männern; Frauen machten ein Viertel der Ausgereisten aus. Sie werden in der Regel angeworben, um Kämpfern als Frau zugewiesen zu werden, vereinzelt werden sie aber auch bei militärischen Aktionen eingesetzt.

Laut Krause ist etwa ein Viertel der gereisten Personen unterdessen wieder nach Hessen zurückgekehrt. Es sei unklar, wie viele aus der Gruppe der Rückkehrer sich tatsächlich aktiv an den Kämpfen beteiligt hätten. Bundeskriminalamt und Bundesamt für Verfassungsschutz gehen derzeit bundesweit von 700 „Gotteskriegern“ aus. Damit wäre der Anteil der hessischen Teilnehmer überproportional hoch; er läge etwa bei einem Sechstel. Als Schwerpunkt salafistischer Aktivitäten nennt das Innenministerium das Rhein-Main-Gebiet sowie Kassel.

Neue Form von Extremismus

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Am Mittwochabend fand im Dietzenbacher Kreishaus eine Veranstaltung mit über 200 Teilnehmern zum Thema „Salafismus und radikal islamistische Bewegungen als neue Formen von Extremismus“ statt. Fachreferent Dr. Marwan Abou-Taam von der Berliner Humboldt-Universität stellte fest, dass die jüngere Generation der Salafisten bereits die Abkehr von Religion und religiösen Begründungen für ihr Handeln vollzogen habe. Nunmehr werde emotionalisiert mittels Videos. Die Anschläge seien integraler Bestandteil des Fundamentalismus: „Taten müssen Bilder produzieren“, so Abou-Taam. Die Vereinfachungstheologie, wie er sie nannte, zeichne sich durch Schwarz-Weiß-Denken aus. Der Koran lasse jedoch mehrere Lesarten zu: „Er ruft die Verantwortung des Einzelnen ab“, betonte der Referent. Dessen Plädoyer: „Wir müssen die besseren Sozialarbeiter sein, sonst machen die Salafisten das.“ Sie schafften mit ihrer direkten Ansprache und ihren Hilfsangeboten bei Verführbaren und potenziellen Neumitgliedern „Momente der Entlastung“. Dies sorge für eine „emotionale Anbindung“ an die Gruppe mit all den bekannten Folgen.

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Präventionsprogramme haben nach Ansicht von Experten oft nicht den gewünschten Erfolg. „Wenn man die Statistik ansieht, muss man sagen, dass die Hinwendung zum gewalttätigen Islam nicht gebrochen worden ist“, sagte die Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI), Prof. Susanne Schröter, am Freitag zum Auftakt einer Konferenz zur Islamismus-Prävention.

Das hessische „Violence Prevention Network“ wurde in diesem Zusammenhang als „deutsches Best-Practice-Beispiel“ präsentiert. Die Beratungsstelle wendet sich laut Geschäftsführer Thomas Mücke mit intensiver Betreuung an Jugendliche, „die einen Ausweg aus extremistischen Ideologien suchen“ und ihre Eltern.

mat/mic/dpa

Quelle: op-online.de

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