Zunahme von Taschendiebstählen

Auf der Jagd nach Langfingern

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Wenn die Gutmütigkeit von älteren Herren ausgenutzt wird

Berlin/Offenbach/Hanau (psh/dpa) - Ingbert Zacharias, Sprecher der Polizei beim Präsidium Südosthessen, bestätigt den Trend: „Es wir mehr, das bekommen wir deutlich zu spüren.“ Nach seinen Angaben kommt vor allem der Betteltrick in Mode. Schwerpunkte gab es zuletzt im Kreis Offenbach und Hanau.

So funktioniert es: Angeblich taubstumme Diebinnen halten einem Passanten zunächst einen Zettel mit der Bitte um eine mildtätige Spende vor. Als der Mann dann seinen Geldbeutel zückt, wird er von einer zweiten Täterin genau dabei beobachtet. Nachdem der Mann dann einige Euro gespendet und seinen Geldbeutel wieder eingesteckt hat, wird auch dieser Umstand von den Täterinnen genau beobachtet. Unbemerkt ziehen sie dem älteren Herrn dann nämlich seinen Geldbeutel aus seinen Sachen, entwenden die darin befindlichen Geldscheine und stecken den Geldbeutel dann sogar wieder an seinen Platz zurück.

Version 2: Auf einer Einkaufsmeile bettelt eine Frau. Auch sie gibt vor, taubstumm zu sein. Ein freundlicher älterer Mann gibt der Bettelnden dann zehn Euro, vertraut darauf, dass er damit armen Kindern in Rumänien hilft. Daraufhin umarmt die Frau den Mann und küsst ihn. Hierbei versucht die dreiste Frau jedoch, aus der Geldbörse des Seniors noch mehr Euroscheine zu entwenden.

Menschenkenntnis und gesunde Portion Misstrauen

Die Zunahme der Taschendiebstähle wird nicht nur in Rhein-Main beobachtet. „Manche Menschen laufen so arglos durch die Stadt, dass ihr Verhalten schon fast als Einladung zu verstehen ist“, sagt Ingo Przeradzki. Der drahtige 54-Jährige führt eine Sondereinheit des Berliner Landeskriminalamtes - kurz LKA 711. Jeden Tag jagen die 19 Zivilfahnder in der Hauptstadt Langfinger. „Man braucht einen guten Blick für Leute“, sagt Przeradzki. Seit die Berliner Ermittlungsgruppe 2005 wegen der hohen Zahl von Taschendiebstählen gegründet wurde - damals als „EG Tasche“, haben er und seine Kollegen Hunderte Ganoven festgenommen. Mittlerweile kenne man den einen oder anderen. „Manchmal reicht ein Nicken und die wissen, dass wir sie im Auge haben.“ Menschenkenntnis und eine gesunde Portion Misstrauen seien für den Job nötig.

Viele der Täter stammten aus dem Ausland. In Berlin kommen mehr als drei Viertel der Tatverdächtigen etwa aus Rumänien, Polen und Bulgarien, Nordafrika oder Südamerika. Bundesweit hatten 2011 knapp zwei Drittel keinen deutschen Pass. Multikulti-Delikt sagen manche Ermittler darum zu Taschendiebstahl. „Das beeinflusst natürlich, und dagegen muss man ankämpfen“, sagt Przeradzki.

Diebe allen Alters

Der Fahnder steht am Bahnhof Zoo und beobachtet. Tausende strömen hier zu Zügen oder Bussen. „Das Gedränge, die fragenden Gesichter: Der Ort hat magnetische Wirkung auf Taschendiebe.“ Beliebter „Arbeitsplatz“ der Kriminellen seien Treppen. Dort präsentierten Reisende ihre Rucksäcke dem Dieb unbewusst auf Augenhöhe. „Rucksäcke sind Fremdkörper. Keiner merkt irgendetwas. Und wenn dann Geld und Handy noch im Außenfach verstaut sind ...“, so der Ermittler.

„Zwischen 8 und 85 Jahren haben wir schon alles dabei gehabt“, sagt Przeradzki zum Alter der Diebe. Vor einigen Jahren hätten die „Klau-Kinder“ Probleme gemacht: Roma, die von den Eltern Schläge bekamen, wenn sie zu wenig erbeuteten. Besonders geschickt seien Algerier in Restaurants: Das Opfer hänge seine Jacke über den Stuhl, der Täter setze sich mit dem Rücken dahinter und hänge seine Jacke ebenfalls über die Lehne. Dann greife er durch. „Echte Profis holen nur die Scheine aus dem Portemonnaie und stecken es wieder zurück“, weiß Przeradzki.

Ob man sich schützen könne? „Na klar“, sagt der Cheffahnder. „Taschen schließen, Rucksack im Gedrängel vor der Brust tragen und Augen aufhalten. Hinterher denkt man immer: Irgendwie war die Situation doch komisch..."

Quelle: op-online.de

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