Jagdszenen aus dem Vogelsberg

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Ruhig und gefasst präsentierte sich ein 55-jähriger Landwirt aus dem Vogelsberg vor dem Landgericht Gießen. Im Beisein seines Anwalts Hans Hauschild war er zum Berufungsprozess erschienen, in dem nochmals über seine rabiaten Angriffe mit einem Traktor auf mehrere Polizeibeamte im August 2007 verhandelt werden sollte.

Gießen - Die Szenen könnten aus einem Actionfilm sein: In rasender Wut räumt ein Bauer mit seinem Traktor im August 2007 drei Streifenwagen zur Seite, als wären sie Spielzeugautos. Die Polizisten können sich gerade noch rechtzeitig mit beherzten Sprüngen zur Seite in Sicherheit bringen, als der Landwirt mit Tempo auf sie zufährt und dann in einen Wald flüchtet.

Angriffe auf Polizisten

 Polizisten werden immer wieder angegriffen, genaue Zahlen darüber gibt es aber nicht. Die polizeiliche Kriminalstatistik 2008 für Hessen nennt 1545 Fälle von Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte - das waren 0,6 Prozent mehr als im Vorjahr, aber vier Prozent weniger als vor fünf Jahren. Zu den Vollstreckungsbeamten gehören nach dieser Statistik aber nicht nur Polizisten, sondern auch Beamte im Justizvollzug, beim Zoll und bei den Kommunen. Angriffe mit schwerwiegenden Folgen werden zudem in anderen Rubriken erfasst, etwa unter dem Begriff gefährliche Körperverletzung. Außerdem führt die polizeiliche Kriminalstatistik unter den Opfern krimineller Handlungen 254 Polizei-Vollzugsbeamte auf. Diese Tabelle sagt aber nichts darüber aus, ob die Beamten im Dienst oder in der Freizeit zum Opfer wurden. Sie zählt außerdem Beamte aus anderen Ländern mit, die bei einem Aufenthalt in Hessen Opfer einer Straftat wurden.

Dieser aggressive Angriff brachte dem Landwirt im Juni 2008 zwei Haftstrafen von insgesamt zwei Jahren und zwei Monaten ein. Der 55-Jährige aus der 14 000-Einwohner-Stadt Lauterbach im Vogelsberg legte gegen das Urteil des Amtsgerichts in Lauterbach Berufung ein. Gestern wurde der Prozess am Landgericht Gießen neu aufgerollt.
In der Berufungsverhandlung zeigte sich der etwas untersetzte Mann mit braunem Haar, akkuratem Seitenscheitel und Schnauzbart beherrscht. Aufmerksam verfolgte der 55-Jährige die Ausführungen der Vorsitzenden Richterin. Die Verhandlung war aber bereits nach kurzer Zeit wieder vorbei. Um die Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten zu klären, soll er von einem Psychiater begutachtet werden. Der Anwalt des 55-Jährigen will erreichen, dass die Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt wird. Würde die Strafe auf bis zu 24 Monate reduziert, wäre eine Bewährung nach Angaben des Gerichts möglich.
Der polizeibekannte Bauer war vom Amtsgericht in Lauterbach unter anderem wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Fahrens ohne Fahrerlaubnis in mehreren Fällen verurteilt worden. In das Urteil war ein früherer Strafbefehl wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis miteinbezogen worden.
Dass der Landwirt aus dem Ortsteil Wallenrod immer wieder mit seinem Traktor durch den Ort und über Feldwege fuhr, obwohl er keinen Führerschein mehr hatte, war der Grund, warum im August 2007 schließlich Polizeibeamte zu seinem Hof ausrückten. Sie wollten den Traktor beschlagnahmen und dem renitenten Bauern so Einhalt gebieten.

Doch statt sich zu fügen und Einsicht zu zeigen, verlor der Landwirt die Nerven und ging zum Angriff über. Mit abgesenktem Frontlader fuhr er auf die Polizisten zu und durchbrach die Sperre aus Polizeiwagen. Am Einsatz beteiligte Beamte hatten im ersten Prozess geschildert, dass sie Angst um ihr Leben gehabt hätten. Ein Polizeioberkommissar hatte erklärt, dass der Bauer auf dem Traktor den Frontlader eigens auf die Höhe der Köpfe der Beamten gebracht habe und dann auf sie losgefahren sei. Der Dienstgruppenleiter, der den Einsatz vor Ort geführt hatte, berichtete, wie er vom Traktor 150 Meter weit mit angesenktem Frontlader verfolgt worden sei.

Sieben Stunden nach der filmreifen Aktion und seiner Flucht in den Wald, nahm ein Sondereinsatzkommando den Mann auf seinem Hof fest. Der Landwirt lebt dort nach Gerichtsangaben mit seiner Mutter. Er hält Rinder und bewirtschaftet Ackerland. Dutzende Polizisten und sogar ein Polizeihubschrauber hatten über Stunden nach dem Bauern gesucht. Dieser war heimlich auf seinen Hof zurückgekehrt und hatte sich auf einem Heuboden unter Stroh versteckt - allerdings vergeblich.

Auch bei seiner Festnahme blieb der Landwirt seiner Linie treu und schlug und trat nach Angaben des Gerichts auf die Polizisten ein. Ein Polizeisprecher hatte den Vorfall im August 2007 so kommentiert: „Wir sind ja gewöhnt, dass hier auf dem Land mal einer mit einer Mistgabel auf Beamte losgeht - aber das war schon eine besondere Geschichte.“ An den demolierten Polizeiautos war ein Schaden von etwa 20 000 Euro entstanden. Verletzt worden war niemand.

Maria Panagiotidou (dpa)

Quelle: op-online.de

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