Jaguar im Senckenbergmuseum

„Ach, da kommt ja jemand!“

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Schau mir in die Augen, Kleiner. Präparator Udo Becker und der neue Jaguar des Senckenbergmuseums. Das stolze Tier ist zu bewundern ab sofort in der ersten Etage im Säugetiersaal, Vitrine 14.

Frankfurt - Er liegt entspannt auf seinem Ast und schaut gerade so, als würde er denken: „Ach, da kommt ja jemand!“ Dieser Jemand werden in Zukunft die Besucher des Senckenbergmuseums sein. Von Michael Eschenauer 

Zum ersten Mal seit über 40 Jahren zeigt die insgesamt über 10.000 präparierte Tiere umfassende Schau die nach Tiger und Löwe drittgrößte Großkatze, den Jaguar. „Wir hatten nur diesen einen Versuch. Es musste klappen, denn so ein Tier kriegen wir wohl nie wieder“, sagt Tierpräparator Udo Becker (53), der dem aus dem Zoo von Landau in der Pfalz stammenden männlichen Jaguar in viermonatiger Arbeit eine Form für die Ewigkeit verliehen hat. Die 20 Jahre alte Großkatze war am 31. Januar 2012 an Altersschwäche gestorben. Schon am 2. Februar holten die Senckenbergleute die gekühlte Leiche ab.

Becker ist einer von zwei Präparatoren des Frankfurter Museums und hier seit 31 Jahren tätig. Er arbeitet nach der „dermoplastischen Präparationsmethode“. Das „Ausstopfen“, so Becker, der sich zur einen Hälfte als Künstler, zur anderen als Handwerker bezeichnet, existiert seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Heute gehe es darum, „die Natürlichkeit“ des einst lebendigen Objekts einzufangen.

Und so kam die Katze auf ihren Ast: Zunächst brachte Becker den Jaguar in den „Sezierraum für Großsäugetiere“ und schälte den Körper vollständig aus dem Fell. Für das Tierpräparat wird nämlich nichts anderes verwendet als die Haut. Bestand hat außerdem nur das Skelett. An ihm arbeiten bereits die Forscher der Wissenschaftlichen Sammlung des Museums.

Ein Foto als Vorbild

Dann ging es an den Bau der Körperplastik. Als Vorbild für die Rekonstruktion diente ein Foto des World Wide Fund for Nature (WWF) mit einem prächtigen, auf einem Ast ruhenden Jaguar-Männchen aus dem Dreiländereck Brasilien, Peru und Paraquay. Ein mit Eisenträgern verstärktes Holzskelett, etwas Holzwolle als Füllmaterial und Gips bilden die Bestandteile des neuen, rund 100 Kilo schweren Jaguarkörpers. Abgüsse des Kopfes, Fotos, akribische anatomische Darstellungen der Muskelpartien sind unverzichtbar, wenn das Tier dem Beobachter „lebendig“ gegenübertreten soll. Auch die typischen Bewegungsabläufe müssen in die Nachbildung einfließen. Die Haltung von Kopf und Beinen wird mit exakten Winkelangaben festgehalten. „Beim Abdruck des Kopfes müssen wir beachten, dass es sich um eine Totenmaske, um einen toten Kopf handelt. Wir müssen ihm deshalb, ebenso wie dem übrigen Körper, durch eine entsprechende Gestaltung wieder Leben einhauchen“, sagt Becker. Die Augen fertigte eine Spezialfirma exakt nach den Original-Augen des toten Jaguars an.

Der Gips, das Modelliermaterial, wird in einer Schicht von ein bis zwei Zentimetern auf das Tiergerüst aufgetragen. Seine noch formbare, „spachtelfähige“ Oberfläche muss später die Strukturen von Muskeln, Weichteilen und Hautfalten exakt wiedergeben. Dann wird der nach einem Abguss exakt bis in die Lidstrukturen nachgebildete Kopf auf die „Körperplastik“ gesetzt.

Nun folgt ein Arbeitsabschnitt, bei dem der Präparator sich für zwölf Stunden jegliche Störung verbitten muss: Das von der Gerberei vorbereitete, feucht angelieferte Fell muss der wie ein steinernes Standbild aussehenden Plastik behutsam übergezogen werden. „Der Leim klebt nicht gleich. Wir können also wie beim Tapezieren nachkorrigieren“, berichtet Becker. Anschließend werden die einzelnen Fellteile sauber vernäht. „Da arbeiten wir an fünf Metern Naht bis zu zehn Stunden lang“, berichtet der Präparator. „Kaum ein Tier kann sich so entspannen wie eine Katze. Das in einem Präparat einzufangen ist sehr schwer, eine Meisterleistung“, kommentierte der Leiter des Senckenbergmuseums, Bernd Herkner, das Werk seines Mitarbeiters.

Quelle: op-online.de

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