20 Jahre dicke, gute Suppe

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Varieté in Bestform. Claudius Specht lässt die Kegel wirbeln. Der „Tempo-Jongleur“ kommt - eigentlich kaum zu fassen - aus der Schweiz.

Frankfurt - Varieté? Tolle Sache, aber nicht ganz billig. Für Gut- bis Starkverdiener ist das natürlich kein Thema. Bei uns Normalos aber verhält es sich anders. Da kommt für ein Pärchen bei 55 Euro Eintritt pro Person plus einer Flasche „Bürgstadter Centgrafenberg“ zu 42 Euro schon ein gewisser Kollateralschaden zusammen. Von Michael Eschenauer

Über Geld zu reden, wenn es um Kultur geht, ist degoutant. Ist es das? Was, so mag man sich fragen, ließe sich mit den 152 Euro für einen Abend im Tigerpalast alternativ anstellen? Man könnte 19-mal ins Kino gehen, 14,6 Jägerschnitzel vertilgen, zwei Stunden und 12 Minuten lang Indoor-Kart fahren, einen Fernsehabend mit dem „Bergdoktor“ (ZDF) und 13,2 Kilo Paprika-Chips auf den Knien verbringen oder eine nette Party mit den Kowalskys von nebenan veranstalten.

Nun verhält es sich leider so, dass das Jägerschnitzel am nächsten Tag verdaut und vergessen ist. Die Party mit den Kowalskys ebenfalls (es sei denn, Frau Kowalsky fällt mal wieder total aus der Rolle). Beim Fernsehabend erübrigt sich der Vergleich, denn täglich werden Abermillionen Stunden Lebenszeit vor den Bildschirmen in den Dreck geschüttet. Die 13,2 Kilo Paprika-Chips reißen es dann auch nicht mehr raus.

Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. Es sind die dicken, guten und manchmal etwas teureren Suppen, die lange warm halten. Sieht man es so, sind die 152 Euro für zwei Stunden Tigerpalast-Programm in Ordnung.

Es ist ja auch nicht wenig, was das Direktoren-Paar Johnny Klinke und Margareta Dillinger in den zwei Shows an sechs Tagen die Woche auffahren. Für das zweite Jubiläumsprogramm, das jetzt Premiere hatte, haben sie die Besten aus 20 Jahren Firmengeschichte für die Heiligkreuzgasse engagiert. Klassische Artistik, Varieté, Komik: Mitten drin zu sitzen, ist das Geheimnis. Man hört das Flügelschlagen der Papageien, die Magier Marko Karvo (Finnland) aus dem reinen Nichts zaubert. Die Staubkörner tanzen im Scheinwerferlicht - Nathalie Enterline (New York) hat sie beim artistischen Tanz aus ihrem Charly-Chaplin-Kostüm geklopft. Wenn Cong Tian, der „Schlappseil-Seiltänzer“ aus Japan, zu Boden springt, landet er 50 Zentimeter vor dem nächsten Bistrotisch. Sein stark geschminktes Gesicht lächelt, aber vor Konzentration und Anstrengung zittern ihm die Mundwinkel. So was sieht man nur im Tigerpalast.

Auch die muskelbepackten, schweißglänzenden Handstandakrobaten „Pellegrini Brothers“ kommen ganz nahe. Die Ansage warnt: „Sehr geehrte Herren, bitte passen Sie auf Ihre Tischdame auf.“ Die netten Italiener sind das Gegenstück zu Aurélia Cats (Paris). Sie verdreht und dehnt ihren Luxus-Körper am Trapez wie eine Anaconda im Leoparden-Fell. Das Publikum sitzt nach einem Blitz-Umbau im kleinen Kreis um sie herum. Männer, die sich jetzt darüber ärgern, dass sie gerade 9,50 Euro für ein Glas Rosé bezahlt haben, sind womöglich schon länger tot.

Klinke und Dillinger packen 180 Gäste in das frühere Quartier der Frankfurter Heilsarmee. Die Enge streift die Grenzen des Schmerzhaften. Doch das macht nichts, denn die Freundlichkeit ist nicht aufgesetzt, sie ist familiär. Nie wirkt eine Nummer abgeschmackt, peinlich oder verbreitet das Odium des Zweitklassigen. Herrlich bizarr sind die Auftritte von Puppenspieler Alex Bardi (Dänemark) mit seiner Soul singenden, ewig stirnrunzelnden Marionette oder von Bauchredner George Schlick (Hawaii), der total abgedrehte Dispute mit einem aus einer Serviette geknoteten Hasen und einer leeren Ritterrüstung führt.

Die allgegenwärtige Wirtschaftskrise zaust auch den Tigerpalast. „Die Lage ist knallhart. Die Banken haben vor Weihnachten bei ihren Feiern gekniffen - eine nach der anderen und das innerhalb von einer Woche,“ sagt Johnny Klinke. Das Publikum verzeihe keine Abstriche bei der Qualität. „Die lassen sich nicht bescheißen“, sagt der Show-Profi. Und der Konkurrenzkampf sei in Frankfurt einfach mörderisch. „Die Leute können hier ja alles machen und machen auch alles. Die gehen zum Eishockey, in die Oper, gut essen oder eben in den Tigerpalast.“ Gleichzeitig sei weniger Geld unterwegs. „Aber“, so macht sich der Chef Mut, „wir werden nicht zucken bei der Qualität. Denn Qualität ist unsere einzige Chance.“

Quelle: op-online.de

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