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100 Jahre „Frankfurter Schule“: Goethe-Universität feiert Jubiläum

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Jürgen Habermas wird im November in Frankfurt erwartet.

Im März 1919 meldet die „Frankfurter Zeitung“ Neuigkeiten aus der Goethe-Universität, die erst fünf Jahre zuvor gegründet worden war. Unter „Frankfurter Angelegenheiten“ heißt es, dass der Privatdozent für Staatswissenschaft, Franz Oppenheimer aus Berlin, mit Beginn des Sommersemesters zum ordentlichen Professor für Soziologie und Nationalökonomie berufen wurde.

Frankfurt – In der nüchternen Protokollnotiz wird dabei verschwiegen, dass der zum 1. April eingerichtete Lehrstuhl für Soziologie der erste überhaupt an einer deutschen Hochschule war. Zu verdanken war dies der Stiftung des Frankfurter Kaufmanns und Mäzens Karl Kotzenberg. Er wollte unbedingt Oppenheimer haben.

Sicherlich hätte sich Kotzenberg nicht träumen lassen, dass die Frankfurter Soziologie über Jahrzehnte hinweg weit über Deutschland hinaus die Forschungsagenda bestimmen sollte. Dafür stehen Namen wie Karl Mannheim, Norbert Elias, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Jürgen Habermas. Die „Frankfurter Schule“ ist mit ihrer „Kritischen Theorie“ weltweit ein Begriff – und Habermas gilt als der derzeit bedeutendste Philosoph Deutschlands.

Ein entscheidender Schritt zum Ausbau der Soziologie in Frankfurt war 1923 die Gründung des Instituts für Sozialforschung. Dieses wurde aus dem Privatvermögen des jüdischen Mäzens und Gelehrten Felix Weil finanziert. Durch ein liberal gesinntes Großbürgertum, das großzügig stiftete, konnten sich ganz neue Ideen in der Wissenschaft etablieren.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 musste an der Uni Oppenheimers Nachfolger Karl Mannheim gehen, das Institut für Sozialforschung wurde geschlossen. Adorno und Horkheimer emigrierten in die USA. Nach der Rückkehr begründeten sie 1950 das Institut und die Soziologie erneut – mit Unterstützung der US-Besatzungsmacht, die an einer „Reeducation“ der Deutschen interessiert war. Dies machen Felicia Herrschaft und Klaus Lichtblau in ihrer Dokumentation über „Die Soziologie in Frankfurt“ deutlich.

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Adorno und Horkheimer erhielten Professuren an der Goethe-Uni und gehörten fortan zu den führenden Intellektuellen im Nachkriegsdeutschland. Frankfurt war 1967/68 neben Berlin zentraler Ort der Studentenrebellion – und das Institut für Soziologie ein wichtiger Schauplatz. Adorno und der 1964 nach Frankfurt gekommene Habermas wurden von den Studenten oft angefeindet – obwohl sich die „Kritische Theorie“ an Karl Marx anlehnt.

Generell wurde die „Frankfurter Schule“ immer von zwei Linien in friedlicher Koexistenz dominiert. Neben der kritischen Gesellschaftstheorie gab es den eher an der Volkswirtschaft orientierten Zweig, für den Oppenheimer und Mannheim stehen. Oppenheimer gilt als Vordenker der „sozialen Marktwirtschaft“. Deren Begründer nach dem Zweiten Weltkrieg, der damalige Wirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard, hatte in den 1920er Jahren bei Oppenheimer in Frankfurt promoviert.

Heute zählt die Frankfurter Soziologie mit mehr als 20 Professoren und rund 60 wissenschaftlichen Mitarbeitern immer noch zu den größten Einrichtungen in Deutschland. Der 100. Geburtstag wird mit einer Reihe von Vorträgen in den kommenden Monaten gewürdigt. Die eigentliche Festveranstaltung zum 100. Geburtstag findet erst am 12. November mit Jürgen Habermas statt, der im Juni 90 Jahre alt wird. (dpa)

Von Thomas Maier

Quelle: op-online.de

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