Das 20. Jahrhundert begann in Darmstadt

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Nikolaus Heise ist der städtische Koordinator für die Mathildenhöhe. Er hat gut zu tun mit dem Unesco-Projekt, denn der Gesamtbestand von 56 Gebäuden, Mauern, Skulpturen und Gartenanlagen muss erfasst werden. Hier steht er im „Haus Glückert“, einer der Wohnvillen, gebaut vom Architekten Joseph Maria Olbrich.

Darmstadt ‐ Für ihn als jungen Mann, das hat Theodor Heuss rückblickend gesagt, habe das 20. Jahrhundert, „als Versprechen wie als Aufgabe“, erst in Darmstadt begonnen. Von Stefan Michalzik

Der erste Präsident der jungen Bundesrepublik, ein Kunsthistoriker, spielte auf die Bedeutung und Wirkung der Mathildenhöhe und jener Ausstellungen an, mit denen ihre Entstehung in den Jahren zwischen 1901 und 1914 verbunden ist. Die Stadt Darmstadt beabsichtigt, einen Antrag zur Aufnahme des Jugendstilensembles in die von der Unesco geführte Liste des Weltkulturerbes zu stellen.

Das wird, da der Andrang für Deutschlands nächste Meldemöglichkeit im Jahr 2011 groß ist, wohl erst 2018 geschehen. Auf der Mathildenhöhe drängen derweil die Probleme. Steigt man von der Stadt aus hinauf, ist links ein Bauzaun um das marode Mauerwerk zum Platanenhain hin zu sehen. Saniert werden, sagt Nikolaus Heise, der städtische Koordinator für die Mathildenhöhe, müsse an allen Ecken und Enden. Bis hinauf zur Spitze, den charakteristischen fünf Fingern des Hochzeitsturms.

Nikolaus Heise, ein besonnen und ruhig wirkender Mann in mittleren Jahren, von profundem Wissen und regem Engagement, ist gut beschäftigt. Für den Denkmalschutz in ganz Darmstadt sei er ja auch noch zuständig, sagt er. Da schwingt unausgesprochen das Wort „nebenbei“ mit. Die Mathildenhöhe beansprucht aber den größten Teil seiner Arbeitszeit. Fürs Erste muss der Bestand von 56 Objekten - Gebäude, Mauern, Skulpturen, Gartenanlagen - samt Zustand genau erfasst werden.

Seit 1830 nennt man den Berg Mathildenhöhe

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte das Darmstädter Fürstenhaus den östlich der Stadt gelegenen, bis dahin zum Weinbau genutzten Berg aufgekauft und im Geschmack der Zeit zu einem Landschaftsgarten nach englischem Vorbild umgestalten lassen. 1830 ließ die Großherzogin Mathilde einen Platanenhain anlegen. Einen „heiligen Hain“ mit tempelartiger Anlage. Seither wird der Berg Mathildenhöhe genannt. Unter dem Druck der explosionsartig wachsenden Stadtbevölkerung - von 10 000 Einwohnern zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf 70 000 an seinem Ende - wurde 1880 ein Gewölbebehälter zur Trinkwasserversorgung angelegt. Er bildete das Fundament für das sich seitlich des Hochzeitsturms entlangziehende Ausstellungsgebäude. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts schließlich wurde aus Anlass der Hochzeit der Prinzessin Alexandra von Hessen mit dem russischen Zaren die russisch-orthodoxe Kapelle erbaut.

Mit einer Ausnahme war Olbrich der Architekt sämtlicher Häuser. Der als Kunstgewerbler nach Darmstadt geholte Peter Behrens hat sein Wohnhaus selber gebaut.

So der Stand um die Wende zum 20. Jahrhundert. Dann kam der Jugendstil ins Spiel. Der kunstsinnige Großherzog Ernst Ludwig, erfüllt von einem Unbehagen ob des Historismus in der damaligen Architektur, berief aus Wien den Architekten Joseph Maria Olbrich, der im Zuge einer Künstlerkolonie neue Maßstäbe setzen sollte. Auf der Basis lebensreformerischer Ideen schuf Olbrich in der Formensprache des Jugendstils ein Ensemble aus acht Wohnhäusern und einem Atelierhaus, dem Ernst-Ludwig-Haus, in dem heute das Museum Mathildenhöhe untergebracht ist. Einem ganzheitlichen Lebensmodell zufolge sollte man in einer morgendlichen Prozession von den am Hang gelegenen Wohnhäusern aus über eine Treppe das als „Tempel der Arbeit“ angelegte Atelierhaus erreichen. Mit einer Ausnahme war Olbrich der Architekt sämtlicher Häuser. Der als Kunstgewerbler nach Darmstadt geholte Peter Behrens hat sein Wohnhaus selber gebaut. Es ist das erste Gebäude von Behrens, der später als Architekt der Berliner AEG-Werke und des Verwaltungsgebäudes der Hoechst AG zu einem der führenden Vertreter des Expressionismus und der Industriearchitektur werden sollte.

Die Ausstellung von 1901 gilt als die erste Internationale Bauausstellung

Drei weitere folgten, bis 1914 der Krieg den Aktivitäten auf der Mathildenhöhe ein Ende setzte. Spätere Versuche einer Wiederbelebung scheiterten.

Von der Mathildenhöhe gingen entscheidende Impulse für die Architektur des 20. Jahrhunderts aus. Das Bauen des Historismus war von der Hülle, von Dekor und Ornament bestimmt. Joseph Maria Olbrich, zuvor Mitbegründer der Wiener Sezession und Architekt ihres Ausstellungsgebäudes, dachte die Häuser von ihrer Funktion her. Einzelne Details, etwa die Fensterleisten am Hochzeitsturm, verweisen bereits auf Merkmale des Bauhauses. Eines der Wohnhäuser wurde mit einem Flachdach gedeckt. Das war für die damaligen Verhältnisse schlichtweg revolutionär. Das Ornament ist zwar auch ein Wesensmerkmal des Jugendstils. Doch lassen die Bauten eine Klarheit der Form im Sinne einer frühen Moderne erkennen.

Die Mathildenhöhe geht zurück auf einen Landschaftsgarten nach englischem Vorbild, den das Darmstädter Fürstenhaus zu Beginn des 19. Jahrhunderts anlegen ließ.

Für die Zukunft soll nach der von Nikolaus Heise erstellten Konzeption ein Weg beschritten werden, der an das fortschrittliche Gedankengut der Gründerjahre anknüpft. Das teils unansehnliche Umfeld will Heise im Sinne eines heutigen Innovationsgeistes belebt wissen. Eine Rekonstruktion, wie sie etwa beim Berliner Stadtschloss oder im Falle der Frankfurter Altstadt vorgesehen ist, wäre vom denkmalpflegerischen Standpunkt her nicht zu rechtfertigen. Kunstwelten würden entstehen. Wiederhergestellt werden soll allerdings die nur torsohaft erhaltene Achse unterhalb des Atelierhauses. Ein von dem Sammlerehepaar Sander privat finanzierter Museumsneubau soll die Symmetrie wiederherstellen, die mit dem Abriss eines beschädigten Wohnhauses nach dem Zweiten Weltkrieg ausgehebelt worden ist. Eine zeitgenössische Architektur von exemplarischem Format ist angestrebt, ein international ausgeschriebener Wettbewerb geplant.

Nach dem Krieg gab es eine gesichtslose Standardlösung

Schlüssig erscheint der Weg einer Rekonstruktion bei dem beschädigten Wohnhaus Olbrichs. Nach dem Krieg hatte man auf die erhaltenen unteren Stockwerke eine gesichtslose Standardlösung aufgepropft. Zur Stadt hin zeigt sich die Mathildenhöhe von ihrer Schokoladenseite. Der dahinter liegende Osthang indes, einst auch zum Ensemble gehörig, fällt dagegen schmerzlich ab. Für den Zweig Gestaltung der Fachhochschule, ein hässliches Zweckgebäude aus den sechziger Jahren, steht eine neue Gestaltung bald bevor. Ein benachbarter, auf die gleiche Zeit zurückgehender Wohnturm, der ob seiner Höhe mit dem Hochzeitsturm konkuriert, ließe sich durch eine die attraktive Neubebauung eines davor liegenden Parkplatzes optisch absetzen. Auch am Osthang soll ein internationaler Wettbewerb für eine dem Ort angemessene zeitgenössische Architektur sorgen.

Eine Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste brächte Darmstadt vor allem den Vorzug einer erhöhten touristischen Aufmerksamkeit. Gerd Weiß, der Präsident des Hessischen Landesamtes für Denkmalpflege, schätzt die Chancen positiv ein. Reform architektur vom Anfang des 20. Jahrhunderts ist im Bestand der Liste noch nicht erfasst. Weltkulturerbe oder nicht: Es ist eine große Aufgabe, die Darmstadt zu stemmen hat. Von dem Vorhaben geht ein Versprechen für die Entwicklung der Stadt zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus.

Quelle: op-online.de

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