Jamal soll bald ans Meer fahren

Die Schicksale des Rappers MC Muha und eines Neunjährigen hat der Zufall miteinander verknüpft. Der behinderte Musiker will dem gelähmten Kind helfen. Jetzt organisiert er ein Benefizkonzert.

Mühlheim - Mitunter sind es ein paar Sekunden, die entscheiden, wie sich ein Leben nach der Geburt entwickelt. Fehlt Sauerstoff, kann es ausgehen wie bei Jamal. Der Neunjährige aus einem Kinderheim in Idstein kam in der 28. Woche der Schwangerschaft zur Welt. Von Stefan Mangold

Wenn das passiert, erhöht sich das Risiko für eine Hirnblutung.

Jamal hatte Pech. Seitdem ist der Sohn einer deutschen Mutter und eines palästinensischen Vaters spastisch gelähmt. Laufen kann er nur mit Spezialkrücken. Für längere Strecken braucht er den Rollstuhl. Es hätte schlimmer kommen können. Bei manchen schlägt sich die Lähmung auf das Sprachzentrum nieder. Jamal spricht klar und verständlich.

Vor vier Jahren trat Muharrem Tatligün (35) auf dem Mathildenplatz in Offenbach auf. In der Pause fragte der Vater von Jamal den regional bekannten Rapper der Formation „ohne Fronten“, ob er mit seinem Sohn sprechen würde. „Er kam auf mich zu, weil ich Probleme mit dem Laufen habe“, erinnert sich Tatligün; er selbst hat Poliomyelitis, Kinderlähmung, verursacht durch Viren. Dank flächendeckender Impfungen gilt die Krankheit in Deutschland als ausgerottet. Muharrem Tatligün, der sich auf der Bühne MC Muha nennt, wuchs in der Türkei auf. Mit 13 Jahren kam er nach Offenbach, „bis dahin konnte ich nicht laufen“. Ihm half ein Zusammenspiel aus Therapien „und meinem Willen, mich auf den eigenen Beinen bewegen zu können“. Nach der ersten Begegnung traf sich Muharrem Tatligün regelmäßig mit Jamal und dessen Vater. Musiker will der Junge werden. Der Drittklässler singt die englischsprachigen Lieder auf seinem CD-Spieler mit. Seinen Berufswunsch relativiert er dennoch: „Das kann sich noch ändern“.

Im Kinderheim in Idstein wohnt Jamal zusammen mit seiner zwölfjährigen Schwester. Bis vor zwei Jahren lebten sie in Offenbach beim Vater. Der hatte damals einen Kinobesuch versprochen; bevor man aus dem Haus ging, legte sich der 35-Jährige noch einmal hin, „der Papa hat gesagt, dass ihm schlecht ist“. Weil Papa nicht mehr reagierte, wählten die Kinder den Notruf. Die Erschütterung über den Tod ist den Kindern noch immer anzumerken. „Wahrscheinlich hatte er einen Herzfehler, von dem er nichts wusste“, vermutet Muharrem Tatligün. Bei dem, was Jamal erlebte, wäre es nicht verwunderlich, einem verstockten Kind zu begegnen. Das Gegenteil ist der Fall. Jamal hat ein offenes und sanftes Wesen. Der stets lächelnde Junge ist unter den Kindern im Heim sehr beliebt. „Jamal ist ein wunderbar lebensfroher Mensch“, beobachtet die Erzieherin Jeannette Jendro (39).

Nach dem Tod des Vaters zogen Sohn und Tochter für kurze Zeit zur Mutter. Die lebte mittlerweile mit ihrem neuen Mann und zwei später geborenen Kindern zusammen. „Ich schaffte es nicht, das alles unter einen Hut zu bringen“, sagt die Frau, die nicht will, dass ihre und die Krankheiten von zwei weiteren ihrer Kinder in der Zeitung stehen. „Sechs Richtige“ im Lotto zu tippen, ist um einiges wahrscheinlicher, als das, was das Schicksal über der Familie abgelassen hat.

Muharrem Tatligün erzählt vom verstorbenen Vater Jamals, dessen Wunsch es gewesen sei, seinem gelähmten Sohn eine Delphintherapie zu ermöglichen. Die Krankenkasse übernimmt die Form der Behandlung nicht. „Delphine besitzen einen Sensor für Behinderungen“, sagt Britta Siebert vom Düsseldorfer Verein „Dolphin Aid“. Sie erinnert sich an einen Jungen; der linke Arm war gelähmt. Der Delphin sei bedächtig zu der Seite geschwommen „und stupste den Arm immer wieder ganz vorsichtig an“. Wie die Tiere Handicaps bemerken, sei nicht endgültig erforscht. „Die Kinder sprechen sehr gut an.“ Delphine hätten eine positive Ausstrahlung, „trotz deren Größe habe ich noch kein Kind erlebt, das Angst hatte“. Billig ist die Behandlung jedoch nicht. Jamals Mutter würde sie ihrem Sohn gerne ermöglichen. Aber das Geld fehlt. Vor zwei Jahren gab Muharrem Tatligün mit Freunden ein erstes Benefizkonzert im Jugendzentrum an der Sandgasse in Offenbach. Die Einnahmen beliefen sich auf 2000 Euro. Die Kosten für eine Therapie liegen allerdings bei 10 000 Euro. Wer hilft?

Vor einem dreiviertel Jahr erzählte Tatligün den Unternehmern Christian Rill (36) und Sascha Pinschmidt (33) von Jamal. Rill fuhr nach Idstein ins Kinderheim: „Es war für uns dann keine Frage, Muharrem beim Geldsammeln für die Delphintherapie zu unterstützen.“ Durch Kontakte zu Firmen haben Rill und Pinschmidt weitere 4000 Euro gesammelt. „Mir ist es lieber, wenn ich konkret sehe, wo gespendetes Geld landet“, erklärt Pinschmidt, der für den 8. Juni die Willy-Brandt-Halle in Mühlheim mietet. An dem Abend spielen einzelne Künstler und Formationen aus Hip-Hop und Pop wie Sheila Messina, ohne Fronten und United Liberty ohne Gage. „Hoffnungsschimmer“ heißt das zweite Benefizkonzert für Jamal. Der Telekommunikationsunternehmer Rill, der im vergangenen Jahr ein Musiklabel gründete, ist sich sicher, die noch fehlenden 4000 Euro über die Eintrittspreise einzuspielen. Jamal soll möglichst in diesem Jahr noch ans Meer fahren: „Unsere Unterstützer können sich hinterher im Internet Bilder von der Therapie ansehen.“ Auf die Frage nach seinen Freunden antwortet Jamal, er habe viele. Sein bester sei der 13-jährige Niklas aus der Ganztagsschule, „weil Niklas immer zu mir hält“.

Quelle: op-online.de

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