Emil Mangelsdorff wird 90 Jahre alt

Jazz mit Hingabe

Im Frankfurter Holzhausenschlösschen tritt Emil Mangelsdorff noch immer regelmäßig auf. - Foto: dpa

Frankfurt - Er kommt aus einer Familie mit berühmten Jazzmusikern: Der Frankfurter Saxofonist Emil Mangelsdorff wird 90 Jahre alt. Und tourt weiter durchs Land. Von Detlef Kinsler 

Wo immer Emil Mangelsdorff in den vergangenen Jahren auftrat, ob bei der Vorstellung seines Albums „Blues Forever“ 2007“ oder bei der Gala zum 80. Geburtstag von Fritz Rau in der Alten Oper, überall waren die Menschen im Publikum begeistert von der vitalen Performance des Saxofonisten und fragten sich: Wie alt ist der Emil? Das Rätsel kann gelöst werden: Heute wird Emil Mangelsdorff 90 Jahre alt. Gefeiert wird das am 4. Mai wenn es zum 171 Mal im Holzhausenschlösschen in Frankfurt heißt: „Jazz mit dem Emil Mangelsdorff Quartett und einem besonderen Gast“.

Käme Mangelsdorff in den Genuss, vom ZDF zur Talkshow „Markus Lanz“ eingeladen zu werden, würde der Gastgeber in seiner unnachahmlichen Weise fragen: „Mit 90 auf der Bühne - wie müssen wir uns das vorstellen?“ Und wenn Markus Lanz gut recherchiert hat, wird er im Booklet der aktuellen CD „Stolen Moments“ den Satz gefunden haben, wonach man mit dem Jazz so schön alt werden kann. „Der 90. Geburtstag bedeutet ja, dass man das 90. Lebensjahr beendet hat. Man hat es ja dann schon hinter sich“, reagiert Emil Mangelsdorff im Interview so lässig wie souverän. „Für mich ist das Altern mit dem Jazz immer ganz normal gewesen, hat mich nicht größer verwundert. Eine Qualität des Jazz ist, dass es nicht bei etwas Kurzlebigem bleibt, einer Eintagsfliege, wie etwa bei einem Schlager.“

Ganz sicher hat seine Musik eine zeitlose Qualität. „Wenn ich übe oder wenn ich spiele, dann ist das immer aus der augenblicklichen Situation heraus. Das hat natürlich auch mit meiner jeweiligen Befindlichkeit zu tun, auch mit meinem Ausbildungsniveau, an dem ich ständig arbeite. Insofern ist die Frage, wo man das jetzt chronologisch verortet, völlig unwichtig“, bezieht Mangelsdorff eine klare Position. „Ich glaube auch nicht, dass die Lebendigkeit und die Vorzüge, die der Jazz hat, sich irgendwann überholen.“ Für den Topsolisten sind andere Kriterien wichtiger als die Unterscheidung zwischen neu und alt. Zum Beispiel, dass man den Jazz mit einer solchen Leidenschaft spielen kann, wie einem das keine andere Musik abverlangt. „Das ist das Schöne, das Positive am Jazz“, schwärmt der Frankfurter. „Und dass wir in der glücklichen Lage sind, improvisieren zu können.“ Ein guter Improvisator ist für ihn ein guter Musiker. Und wenn er dann noch komponieren kann, perfekt.

Wenn Emil Mangelsdorff, der Dizzy Gillespie und Charlie Parker für Genies und Revolutionäre hält, doch einmal seinen Blick zurück in die Vergangenheit richtet, dann meistens im Zusammenhang mit den Gesprächskonzerten, die er seit 1985 unter dem Arbeitstitel „Swing tanzen verboten - als Jazzmusiker im Dritten Reich“ anbietet. Schließlich gehörte er zu den Pionieren der „Swing Jugend“ in Frankfurt. Weil er sich für die „entartete Musik“ stark machte wurde er 1943 von der Gestapo verhaftet, saß im Gefängnis, wurde an die Ostfront befohlen und kam in Kriegsgefangenschaft. All das konnte Mangelsdorff nicht brechen. „Die Nazis waren gegen den Jazz, aber auch in den Ostblockländern war der Jazz nicht gern gesehen als Musik des Imperialismus, des Klassenfeindes“, erzählt er. „Es lohnt sich darüber nachzudenken warum in totalitären Systemen der Jazz so verachtet war oder gar bekämpft wurde.“ Freiheit und Individualität passte den Machthabern nicht ins Bild.

„Ich beobachte natürlich, dass junge Menschen heute den Beruf Jazzmusiker erlernen und ausüben wollen, weil sie Spaß daran haben und diese Musik lieber haben als andere“, freut sich Mangelsdorff. „Aber ich beobachte natürlich auch, dass ihnen diese Leidenschaftlichkeit fehlt, die dadurch entstand, dass wir einen Feind im Rücken hatten wie die Nazis. Diese Hingabe, diese Opferbereitschaft, dass man vielleicht für seinen Beruf ins Gefängnis gehen muss, ist ja heute nicht mehr gegeben. Und deswegen ist natürlich auch das innige Verhältnis zur Musik bei vielen Leuten nicht mehr so vorhanden, wie es bei der Generation der Fall war, die noch im Krieg angefangen hat, Jazz zu spielen.“

Quelle: op-online.de

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