Jazz auf neuen und alten Pfaden

Frankfurt - Wo steckt er - der Wille zum musikalischen Fortschritt im zeitgenössischen Jazz? Diese glühend interessante Frage haben die Programmgestalter vom Hessischen Rundfunk dem 46. Deutschen Jazzfestival im hr-Sendesaal in Frankfurt eingeschrieben. Von Sebastian Hansen 

Dabei sind Innovationen stets mit Unterströmungen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verbunden.

Nicht ein Remake, sondern ein „Update“ hat der österreichisch-amerikanische Komponist und Trompeter Michael Mantler für seine erneute Auseinandersetzung mit den Großtaten des von ihm Mitte der sechziger Jahre mitgegründeten The Jazz Composer’s Orchestra annonciert. Für den Festivalauftritt mit der hr-Bigband unter der animierten Leitung von Christoph Cech hat er neue Arrangements geschrieben - mit einem höheren Grad an kompositorischer Ausformung. Die klangsatte orchestrale Eleganz steht unter der Einwirkung starker Solisten wie dem Pianisten David Helbock, Bjarne Roupé an der elektrischen Gitarre und dem Radio String Quartet Vienna.

Wie ein reißzahnhafter Sendbote aus der Vergangenheit stört der 74-jährige Tenorsaxofonist Peter Brötzmann mit seinem drangvoll expressiven Spiel den Frieden. Am Rande bescherte das ungleiche Messen mit diesem Exzessspieler dem ansonsten wie immer weltklassig präsenten, gleichfalls Tenor spielenden Solisten Tony Lakatos den womöglich unglücklichsten Moment seines musikalischen Lebens im Versuch, sich an der Seite von Brötzmann in dessen Ausdrucksweise zu behaupten.

Dass es auf die Erschließung von Neuland bedacht ist, lässt das Contrast Trio um den jungen, in Frankfurt lebenden Pianisten Yuri Sych deutlich erkennen. Die um Perkussionist Florian Dressler erweiterte Band baut auf repetitive Strukturen und psychedelische Synthiesounds im Wechsel mit impressionistischen Bildern auf dem Klavier; momentweise stellt sie sich gleichsam als reines Perkussionsensemble dar. Das wirkt frisch, spritzig, vibrierend.

Ungebrochen heil wirkt die musikalische Welt des Sopransaxofonisten Émile Parisien und des Knopfakkordeonspielers Vincent Peirani. Ein folkloristischer Zug umgibt Eigenkompositionen und Standards von Sidney Bechet und Duke Ellington. Der Vortrag wirkt zeitlos.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare