Jede Hilfe zugesagt

Offenbach - Die einzige Chance, die die katholische Kirche nun hat, ist der Weg in die Offensive. Das ist auch Pater Hadrian Koch, dem Franziskanerprovinzial in Fulda, sehr bewusst. Von Peter Schulte-Holtey

Koch lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Die Lehrer des Franziskanergymnasiums Kreuzburg hat er gestern über den Fall unterrichtet. Den Hainstädter Pfarrer Dieter Bockholt, Dekan im katholischen Dekanat Seligenstadt, hat er angerufen und ihm den „Sachstand“ erklärt. „Denn sicherlich werden Eltern und Pfarrer in der Umgebung jetzt viele Fragen stellen.“ Immer wieder erklärt der Pater geduldig seinen „augenblicklichen Kenntnisstand“. In manchen Nebensätzen lässt sich der ungeheure Druck auf seinen Schultern erahnen. „Da hatte jemand 40 Jahre Zeit, seinen Zustand zu bedenken - und ein Provinzial der Franziskaner soll das nun in wenigen Tagen alles aufklären“, gibt er zu bedenken. Zugleich wundert sich der Ordensmann: „Ich war 30 Jahre - bis 2007 - an der Schule, aber Vorwürfe dieser Art sind mir völlig neu. Es gibt in Großkrotzenburg kein Kartell des Schweigens, es hat sich nie jemand mit solchen schweren Anschuldigungen bei uns gemeldet.“

So ist der Fall ins Rollen gekommen: „Am 13. Februar hat sich der ehemalige Zögling bei mir gemeldet“, berichtet der Pater. Die Vorwürfe beziehen sich auf den Zeitraum von 1967 bis 1972. Mit Hilfe des Franziskaners Professor Dr. Udo Schmälzle, einer der Geschäftsführer der Schule in Großkrotzenburg, und der Diplomtheologin Anne Schmitz, die Beauftragte des Bistums Fulda, hat Koch dann nach eigenen Angaben die in den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz von 2002 und in den Leitlinien der Deutschen Ordensoberenkonferenz von 2009 vorgeschriebenen Schritte unternommen.

Betroffenen wird jede Hilfe zugesagt

Das wichtigste Ziel: schnelle Aufklärung. Dem Betroffenen wird zugleich jede Hilfe zugesagt. Man habe ihn zu einem Gespräch, wo auch immer, eingeladen. Und Koch zögerte auch nicht, eventuell betroffenen Mitgliedern seines Ordens mit Konsequenzen zu drohen. Sollte sich der Verdacht bestätigen, „werden der oder die ,Täter’, sofern sie noch leben, zur Rechenschaft gezogen“. Der Franziskaner versichert: „Wir werden alles tun, damit der oder die Betroffenen Anteilnahme, Gerechtigkeit und Hilfe erfahren.“ Man suche jetzt den Kontakt zu dem Ex-Schüler; noch gebe es aber keine Antwort von dem Mann. Koch: „Die ganze Geschichte ist ja fürchterlich. Ich will nicht sagen, dass es unter allen Umständen nicht so geschehen ist, wie es der Zögling angibt. Aber es darf auch keine Vorverurteilung geben.

Gymnasium soll herausgehalten werden

Für die Franziskaner geht es jetzt auch um Schadensbegrenzung. So ist es Koch „ein großes Anliegen, dass das Gymnasium herausgehalten wird“: „Die Vorwürfe gegen das ehemalige Internat dürfen jetzt nicht die Schule treffen. Sie hat damit gar nichts zu tun.“ Und er will auch Gerüchten über die Gründe der Internatsschließung 1980 entgegentreten: „Das hatte finanzielle und pädagogisch-pastorale Gründe. Kinder und Jugendliche sollten nicht mehr der Familie entzogen werden. Fast gleichzeitig mit der Schließung des Internats wurde an der Schule eine familienunterstützende und familienbezogene Bildungsarbeit aufgebaut, die sich bis heute bewährt hat.“

Dass es in der Gerüchteküche längst kräftig brodelt, zeigt der Beitrag des Ex-Kreuzburg-Schülers Philipp Gessler in der Berliner Tageszeitung „taz“. Darin erinnert er sich an Pater S., Klassenlehrer in der 5. und 6. Klasse am Franziskanergymnasium in Großkrotzenburg. Der Autor wirft ihm pädophile Neigungen vor. Gessler zur plötzlichen Entfernungen des Paters aus dem Schuldienst: „Erst nach dem Abitur erfuhr ich die wahre Geschichte: Pater S. hatte einem Mitbruder offenbart, dass er pädophile Fantasien habe ... Pater S. mag man zugute halten, dass er womöglich selbst mit seinem Geständnis in der Beichte die Notbremse zog, ehe er seinen Gedanken Taten folgen ließ, was leicht gewesen wäre.“ Vom Franziskanerprovinzial werden diese enormen Anschuldigungen vehement zurückgewiesen: „Da ist nichts dran. Psychische Gründe führten zur Versetzung von Pater S..“

Es bleibt die Betroffenheit. „Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie schwer der Verdacht des sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen, konkret in unserem ehemaligen Internat, wiegt“, stellt Koch klar: „Ich brauche auch nicht zu sagen, welche Belastung  die Anschuldigungen für die Seelsorge der Kirche und ihre Arbeit in Gemeinde, Jugendarbeit und Schule sind. Der Vertrauensbruch ist unermesslich. Die Vorwürfe, dort, wo sie zu recht bestehen, müssen mit Scham erfüllen.“

Quelle: op-online.de

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