Jedem Kopf das passende Modell

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Eva Weigand präsentiert eine der aufwendig gestalteten Perücken.

Frankfurt - Auf dem Zeigefinger der linken Hand steckt eine glänzende Metallhülse. „Das ist ein Nadelfänger“, erklärt Eva Weigand. Ein magnetisches Zubehör, das den Finger vor schmerzhaften Stichen beim Nähen schützt und an dem die Nadeln haften bleiben. Von Sonja Thelen

Die Maskenbildnerin an der Oper Frankfurt sitzt gerade hochkonzentriert an einer Stoffperücke, die sie für die Oper „Adriana Lecouvreur“ anfertigt, die nun in Frankfurt auf dem Spielplan steht. Seit Ende Februar wurde dafür geprobt, berichtet Chefmaskenbildnerin Antje Schöpf in ihrer mit großen Spiegeln und Drehstühlen ausgestatteten Werkstatt, die sich abends in den Schminkraum verwandelt, wo die Darsteller für ihren Auftritt zurecht gemacht werden.

Für „Adriana Lecouvreur“ mussten die Maskenbildnerinnen gut 40 Perücken herstellen. Daher war das 18-köpfige, ausschließlich aus Frauen bestehende Team in den vergangenen Wochen ziemlich am Rotieren. Allein 40 bis 60 Stunden dauert es, eine der „Halbperücken“ aus Echthaar für die Mitglieder des Frauenchors zu knüpfen, erklärt Antje Schöpf. Dafür wird über ein aus einem Kunststoff hergestellten Kopfmodell ein Tüll gelegt und in diesen die unzähligen Haare geknüpft, erklärt die Chefmaskenbildnerin, die nach diversen Stationen an mehreren deutschen Bühnen seit 1999 an der Oper Frankfurt ist. Mit einem speziellen Kleber wird die künstliche Haarpracht für die Vorführung dann an der Stirn der Darsteller befestigt.

Während der Frauenchor Halbperücken trägt, thront auf den Köpfen der vier Hauptdarstellerinnen ein mit Federn geschmückter Stoffturban. Die Idee hierzu stammt von Christian Lacroix: Der französische Stardesigner hat nämlich die opulenten Kostüme für die Inszenierung entworfen. Es sind Roben, die Stile des Barocks und Rokoko miteinander verbinden. Dazu passend sind auch die Stoffperücken gestaltet. Bei unserem Besuch arbeitet Eva Weigand. an einer Perücke, die aus einem feingewebten Tuch besteht, das ein blumiges Muster ziert. Ein Stoff, der sich auch in den prächtigen Gewändern wiederfindet.

Künstliche Gebisse und riesige Ohren

Damit der Turban wallend wirkt, haben die Maskenbildnerinnen zuvor ein Gestell aus Metall gebaut, das sie an das Kopfmodell anpassten. Denn von jedem einzelnen Darsteller, für den die Maskenbildnerinnen eine Perücke anfertigen, wird ein passender „Kopf“ hergestellt. „Dafür müssen wir diverse Maße nehmen, zum Beispiel Kopfumfang, der Abstand zwischen den Ohren, das Nackenmaß und vieles mehr“, erklärt die Chefmaskenbildnerin. Für den Lacroix‘schen Turban „haben wir das Gestell extra verstärkt. Denn die Darstellerinnen bleiben sicherlich irgendwo hängen, weil sie damit so hoch sind und das nicht gewohnt sind“, meint Antje Schöpf lächelnd.

Neben Weigands Arbeitsplatz hängt eine vom Modedesigner angefertigte Skizze, wie er sich diese hochaufragende Kopfbedeckung vorstellt. In ihrer rechten Hand hält die 31-Jährige eine rundgebogene Nadel. Diese Form erleichtert es ihr, entlang des Kopfmodells den Saum der „maßgeschneiderten“ Stoffperücke mit einem durchsichtigen Faden festzunähen.

Maßnehmen müssen die Maskenbildnerinnen auch für die künstlichen Gebisse, riesigen Ohren, Klauen, Narben, Wunden, Bärte, Glatzen oder sonstigen ausladenden Körperteile, die sie beispielsweise aus Silikon, Warm- und Kaltschaum fertigen und dafür ebenfalls Maß nehmen müssen. Denn entgegen der landläufigen Meinung beschränkt sich die Arbeit von Maskenbildnern, die üblicherweise eine 40-Stunden-Woche haben und sechs Tagen arbeiten, nicht nur auf das Schminken und Frisieren vor und während der Vorstellung. Tagsüber steht das Handwerkliche im Mittelpunkt. Je nach Aufwand der Inszenierung brauchen die Maskenbildnerinnen mehrere Wochen, um beispielsweise die Perücken, Masken oder andere verfremdende, übertriebene Körperteile anzufertigen. „Wir können hier alles Mögliche herstellen“, sagt Antje Schöpf nicht ohne Stolz. Für die Chefmaskenbildnerin macht die Mischung aus Kreativität und Handwerk, der enge Kontakt mit anderen Menschen und der künstlerische Austausch den besonderen Reiz des Berufes aus.

Sprudelndes Wasser aus Darstellern

Die Vielfalt des Schaffens offenbart sich bei einem Blick in den Fundus, durch den Eva Weigand führt. Über mehrere Räume im Verwaltungstrakt der Städtischen Bühnen verteilt, findet sich - schön ordentlich in Kunststoffkisten und Pappkartons verstaut - das Zubehör, das in der „Maske“ für die verschiedenen Opern entstanden sind. Aus einem Regal holt die 31-Jährige eine furchteinflößende gelblich-beige Maske hervor, an der zwei riesige Hörner rechts und links abstehen. Eine Teufelsmaske, die in „Tod in Venedig“ zum Einsatz kam. Eine Herausforderung für die Maskenbildner war die Idee eines Regisseurs, dass quasi aus dem Darsteller Wasser sprudeln sollte. Das Ergebnis hängt im Fundus: Die Maskenbildnerinnen überlegten und experimentierten eine Weile, bastelten schließlich eine komplizierte Konstruktion aus Schläuchen und Düsen, aus denen das Wasser spritzen konnte und die sie an das schwarzglänzende Kostüm montierten.

Die nächsten Aufführungen von „Adriana Lecouvreur“ in der Oper Frankfurt finden am 9., 15., 17. , 23., 25. und 30. März statt. Karten unter Tel. 069/21249494 und im Internet.

Als Jugendliche war Eva Weigand ein großer Fan von Science-Fiction-Filmen wie „Star Wars“, „Star Trek“ oder „Alien“, bewunderte die aufwendigen Masken der Figuren. „Ich wusste zwar überhaupt nicht, welchen Beruf man dafür lernen muss. Ich wusste aber ganz genau, das will ich später machen.“ Heute ist die 31-Jährige stellvertretende Leiterin der Maskenbildnerei an der Oper Frankfurt. Doch bis sie ihren Traumberuf verwirklichen konnte, absolvierte sie erst eine dreijährige Friseur-Lehre. Für die damals noch erforderliche Zusatzausbildung kam sie 2000 nach Frankfurt. Mittlerweile ist Maskenbildner ein anerkannter Lehrberuf. Zum Film zieht es Weigand heute auch nicht mehr: „Ich liebe das Theater und die Oper. Hier herrscht einfach ein ganz besonderes Flair.“

Quelle: op-online.de

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