Jetzt geht es in die Höhe

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Blick in den Bauch des Kolosses. Hier entsteht - mit dem Bau der Großmarkthalle als Außenhaut - eine aus Büros, Konferenzsälen, Aufenthaltsbereichen, Treppen, Aufzügen, Hallen und kleinen Plätzen bestehende Stadt des Euro.

Frankfurt - Vom Experten für Klinkerfugen bis zum Fachmann für die Zuleitungskanäle von elektronischen Hochleistungskabelnetzen - auf der Baustelle der Europäischen Zentralbank (EZB) an der Sonnemannstraße im Frankfurter Ostend ist jede Berufssparte des Bausektors vertreten. Von Michael Eschenauer

Staubfahnen tanzen in der Sonne, der Himmel ist blau und Thomas Rinderspacher zufrieden. „Wir sind seit 14 Tagen über Null, das ist für Bauleute wichtig. Denn das bedeutet, jetzt entsteht wirklich etwas Sichtbares“, sagt der Projektleiter des EZB-Neubaus. Man liege recht gut im Zeitplan bei der Realisierung der kühnen Pläne des Wiener Architektenbüros Coop Himmelb(l)au für das Industriedenkmal.

Aktuell wurden die letzten neun Bauaufträge ausgeschrieben. Es geht um den Innenausbau, die technische Ausstattung und die Landschaftsplanung. Über die Vergabe werde spätestens Anfang 2012 entschieden, sagte EZB-Sprecherin Andrea Jürges gestern bei einer Baustellenbesichtigung. Einzugstermin ist 2014.

Gearbeitet wird seit einem Jahr. Beim Hochhaus sind die Bodenplatte und das erste Geschoss fertig. Die Tiefgarage für 650 Autos existiert zu zwei Dritteln. Bei der Halle ist die Bodenplatte komplett, das Untergeschoss zum Teil fertig. „Es ist eine sehr komplexe Angelegenheit, so Rinderspacher. Der Wechsel des Bauunternehmens vor zehn Wochen - Baresel musste wegen Unstimmigkeiten Züblin weichen - hat die Eurobanker rund eineinhalb Monate Zeit gekostet. Der 185 Meter hohe Doppelturm am Main soll trotzdem nach wie vor Ende 2013 bezugsfertig sein. „Ende 2012 sind wir aber schon oben“, prognostiziert der Projektleiter. Ein Stockwerk pro Woche schaffe man im Schnitt, wenn man mit Kletterschalungen arbeite. Damit werde es im Sommer losgehen.

Großer Druck

Der Beton muss hoch hinaus - bis aufs 44. Stockwerk. Der Druck der Masse und deren Reibung an den Innenwänden der Steigleitungen sei so extrem, dass der Brei in wärmeren Ländern vorher gekühlt werden müsse. Dies sei in Frankfurt nicht notwendig, so Rinderspacher. Aber immerhin heizt sich der Beton auch hierzulande beim Abbinden so weit auf, dass er bei Temperaturen bis unter Null verarbeitet werden kann.

Für Halle und Eingangsbereich gilt ebenfalls das Jahr 2013 als Fertigstellungstermin. Trotzdem hat man auf dem 120 000 Quadratmeter großen Grundstück mit dem 4000 Quadratmeter großen Bereich des Doppelhochhauses und den 12 000 Quadratmetern der Großmarkthalle keine Zeit zu verschenken. 250 bis 300 Menschen gleichzeitig werkeln im, am und rund um das 1928 eröffnete und 2004 geschlossene, 220 Meter lange und 55 Meter breite Riesenhaus. Während der Phase des Innenausbaues werden es dann 1000 sein.

Die Gesamtkosten des ambitionierten Bauwerks liegen inklusive Grundstück bei 850 Millionen Euro, allerdings gerechnet in Preisen von 2005. Beobachter gehen von einer Endabrechnung in Höhe von rund einer Milliarde Euro aus.

Eine gemalte Banane erinnert an die Großmarkthalle

Im Inneren der entkernten Großmarkthalle erinnert in diesen Tagen nur noch eine riesige gemalte Chiquita-Banane auf blauem Grund an einer der Dachstützen an die Zeit, als hier hunderte von Obst- und Gemüsehändlern die Versorgung des Rhein-Main-Gebiets organisierten. Von dem Bau steht nur noch das Skelett. In der Mitte fehlen diejenigen Bereiche der nördlichen und südlichen Außenwände, wo später der quer zum Grundriss liegende Querriegel-Bau eingepasst wird. Er soll als Empfangs- und Pressezentrum die Hochhäuser auf der Mainseite anbinden.

In den beiden Kelleretagen sind bereits die ersten Wände hochgezogen. Ein bis zweimal in der Woche bleibt das Licht an der Baustelle auch nachts an, dann wird 18 Stunden durchbetoniert. Damit sie die großen Gewichte tragen können, werden zwei Drittel der insgesamt 26 Hallen-Stützen mit Beton „unterspritzt“. Die Bodenplatte des Doppelhochhauses ist zwischen zweieinhalb und drei Meter dick. Die Verankerung im Boden erfolgt beim Hochhaus und bei dem quer liegenden Eingangsbereich mit jeweils 100 tief im Erdreich verankerten Pfählen. Im Eingangsbereich reichen sie 25 Meter, unter den Hochhäusern 40 Meter tief.

Später werden sich über ihnen die Konferenzräume, Treppen, diversen Ebenen und Büros zu einer Art Stadt unter Glas formieren. Gag des Baukonzepts ist es bekanntermaßen, dass die Großmarkhalle nur eine Art äußere Hülle um die baukastenartig aufgetürmten Module des EZB-Büroreichs bildet. Bis zu 1000 Menschen fasst allein das geplante Konferenzzentrum der Geldstadt. Insgesamt entstehen 2300 Arbeitsplätze für rund 1400 EZB-Mitarbeiter.

Verschmelzung aktuellster und klassischer Moderne

Christoph Mohr, Landeskonservator und einer derjenigen, der über Jahre die Vorstellungen moderner Bauherren und Architekten mit den Prinzipien des Denkmalschutzes in Einklang bringen musste, spricht angesichts des Riesenlochs in den Seiten zwar von einer „ furchtbaren offenen Brust“ und einem „großen Verlust an Originalsubstanz“. Am Ende aber stuft er den Kompromiss als „ganz gut“ ein. Immerhin habe Frankfurt die Großmarkthalle über viele Jahre völlig vernachlässigt und hätte ein derartiges Sanierungsprojekt aus eigenen Kräften nicht stemmen können. Am Ende werde es gelingen, die schwierige Aufgabe zu meistern, die darin bestehe, aktuellste Moderne mit der Klassischen Modernen der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts zu verschmelzen.

Zu diesem Aufgabenbereich zählen auch die das Äußere der Großmarkthalle prägenden 1800 Sprossen-Fenster. Sie müssen dem Stil der 1920er Jahre angepasst sein - darauf besteht der Denkmalschutz. Und sie kommen aus China.

Die roten Klinkersteine werden mit einem speziellen Kalkmörtel neu verfugt. Ein Wissen, das Maurer heute gar nicht mehr mitbringen. „Wir mischen deshalb die Jungen mit den Alten“, sagt Hans-Dieter Jordan von der Firma Torkret, die auf solche Sanierungen spezialisiert ist.

Quelle: op-online.de

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