Kommentar: Und jetzt macht mal!

Frankfurt/Rhein-Main - Am Abend des 1. August 1914 notiert der Schriftsteller Franz Kafka folgenden Satz in sein Tagebuch: „Deutschland erklärt Russland den Krieg. Nachmittags Schwimmunterricht.“ Weltgeschichtliche Ereignisse mögen folgende Generationen für viele Jahrzehnte prägen, den Zeitgenossen jucken sie zunächst oft kaum. Die gestrige Sperrung der Frankfurter Hauptwache ein globales Ereignis zu nennen, wäre anmaßend.

Dennoch gilt auch hier: Während die seit Jahren heiß debattierten Absperrbarken die Frankfurter Innenstadt so stark verändern werden wie kaum etwas seit dem Ende des 2. Weltkrieges, ging die Sache an sich unspektakulär über die Bühne.

Zurückgewinnung der Innenstadt als Lebensraum bei Eindämmung des Autoverkehrs. Im Hintergrund weinen Einzelhandelsvertreter, zürnt die IHK. Man hat Sorge, dass der Kunde, das scheue Reh, wegbleibt von einer dauerverstopften City. Naht das Ende Frankfurts als Ziel des „großen Einkaufs“? Götterdämmerung auf der Zeil?

Vor Ort bleibt man cool und hat recht. Wenn die Frankfurter sich nicht allzu dumm anstellen, kriegen sie für ein bisschen Stress einen Publikumsmagneten. Jeder wird das genussvollere Einkaufen schätzen. Es gibt viele Ideen, wie man einen schönen Platz zum Anziehungspunkt pushen kann. Und Alternativen sind ja kaum vorhanden. Oder gehen Sie etwa gerne in die Schachteln mit Billig-Architektur und Billig-Angeboten auf der grünen Wiese, wo wir wie Konsumvieh durchgetrieben werden? Im Preiskampf mit Einkauf-Ghettos verliert Frankfurt-City. Seine einzige Chance ist Charme, ist das Wahre, Schöne, Gute.

Vor zwei Wochen haben sie 6000 Autos an der Hauptwache gezählt. Ein großer Teil ist Durchgangsverkehr, der woanders hingehört. Gleichzeitig warten hier 50 000 Fußgänger an den Ampeln. Täglich. Das Experiment ist abzusichern: Durch leicht erreichbare Parkhäuser und gute Verkehrsführung, durch ein Parkhaus für Fahrräder. Womöglich gönnt sich die „Weltstadt“ ja sogar ein anständiges Toilettenhäuschen an der Hauptwache! Denkbar wäre auch für Bus und Bahn ein „Shopping-Ticket“, das beim Einkaufen zum Gutschein wird.

Für uns in der Region bleibt die angenehme Rolle des Beobachters. Entweder wir bekommen eine interessante Blaupause für die eigene innerstädtische Entwicklung. Oder die Menschen mit dem Geld fliehen am Ende doch aus der „urbanen Erlebniszone Frankfurt“. Und auch das - psst! - wäre keine echte Katastrophe. Denn dann kommen sie halt alle wieder zurück. Zu uns: nach Offenbach, Neu-Isenburg, Rodgau oder Langen. Zu uns, wo sie ja eigentlich hingehören. Und jetzt macht mal!

eschenauer@op-online.de

Quelle: op-online.de

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