Was ist ein „Jöst-Häuschen“?

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Lebendige Zeitgeschichte: Kunde vor Wasserhäuschen in Frankfurt

Frankfurt - Das schnelle Bier zum Feierabend, die Tageszeitung oder die Packung Fruchtdrops nach Ladenschluss - bei rund 300 Wasserhäuschen muss man in Frankfurt danach nicht lange suchen. In keiner anderen deutschen Stadt haben Trinkhallen solch eine Tradition wie in der Bankenmetropole.

Als Pionier dieses Geschäftszweigs gilt der Unternehmer Adam Jöst: Anfang der 70er Jahre gehörte der Getränkefirma Jöst ein Großteil der damals rund 800 Wasserhäuschen. Am Donnerstag kommender Woche wäre er 125 Jahre alt geworden.

„Jöst hatte eine so vorherrschende Stellung auf dem Trinkhallen-Markt, dass sein Name sogar Synonym geworden ist“, sagt Historikerin Silke Wustmann. Für viele alteingesessene Frankfurter sei die Trinkhalle noch immer das „Jöst“-Häuschen. Der aus Vöckelsbach im Odenwald stammende Kaufmann startete 1902 seine Karriere beim Lebensmittelladen Latscha und schaffte es dort zum Geschäftsführer der Tochterfirma „Jöst Reform Gesellschaft“. In 20 eigenen Wasserhäuschen verkauften sie alkoholfreie Getränke.

Denn ursprünglich sollte mit den Trinkhallen, in denen heute oft schon morgens die ersten Bierflaschen ploppen, die Trunksucht bekämpft werden. Leitungswasser durfte im 19. Jahrhundert nur aufwändig abgekocht getrunken werden - die Arbeiter stillten deshalb ihren Durst bevorzugt mit Bier und Schnaps. Um dem entgegenzuwirken, sollten die Wasserhäuschen - anders als Gaststätten - günstige, alkoholfreie Erfrischungen anbieten. Wie ein soziales Projekt sei deren Etablierung gewesen, sagt Wustmann. 1868 verkaufte ein „Wasserhäuschen“ erstmals Mineralwasser - genannt „Babbel-Juckse-Wasser“. Doch das Geschäft mit dem Bitzelwasser schwankte stark. Die Saisonabhängigkeit setzte auch der „Reform Gesellschaft“ zu und trieb sie 1914 fast in den Bankrott. Aber Geschäftsführer Jöst kaufte den angeschlagenen Betrieb und expandierte. In den nächsten 23 Jahren gliederte er eine Kohlehandlung, eine Süßmosterei, eine Weinkellerei und -brennerei, mehrere Gaststätten sowie Läden für Wein, Spirituosen und Tabak an.

Mit dem Dritten Reich veränderte sich auch Frankfurts Kiosk-Landschaft. Die Nationalsozialisten rissen systematisch Trinkhallen ab. Doch Jöst durfte noch 1938 ein Wasserhäuschen auf der Konstablerwache eröffnen. Aus dem früheren SPD-Anhänger war ein SA-Sturmführer geworden. Auch in der Nachkriegszeit setzte der Unternehmer seinen Erfolgskurs weiter fort. Frankfurt hatte mit dem Wiederaufbau seiner fast komplett zerstörten Innenstadt zu kämpfen und gab den Trinkhallen Auflagen. Neue Wasserhäuschen mussten Toiletten oder Wartehallen vorweisen, was sich kleine Betreiber oft nicht leisten konnten. Dem inzwischen erfolgreichen Unternehmer Jöst kam das zu Gute: Seine Trinkhallen verkauften fortan auch Brennstoff, Milch, Apfelsinen, die „Jöst-Cola“ und sogar eigens aus Frankreich importierten Wein.

Bis zu seinem Tod am 26. Mai 1962 florierte die Firma im Frankfurter Gutleuthof, später gingen die Trinkhallen zum Großteil an die Henninger Brauerei. In den Siebzigern habe es rund 800 Wasserhäuschen in Frankfurt gegeben, so Wustmann. Die Verkaufsstellen konkurrieren heute mit Tankstellen und Supermärkten, versuchen sich aber mit ausgefallenen Bier- und Zigarettenmarken einen Platz im Herzen ihrer Kunden zu sichern.

Quelle: op-online.de

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